Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 154. Kapitel: Jesus über die Anwendung von Wunderkraft.

   01] Sagte Ich: »Allerdings! Doch so jemand von euch noch eine höhere Kraft in sich fühlt, so kann er sie, wenn es irgend zwecklich an der Zeit und am rechten Orte wäre, ja auch gebrauchen, aber ja nicht und niemals, um zu zeigen, was ihm alles möglich sei, sondern nur, so er damit geheim vor wenigen und weisen Zeugen irgend für die Menschen etwas wahrhaft Gutes bezwecken kann! Denn Ich kann euch nicht nur die Kraft zur Heilung aller leiblichen Krankheiten der Menschen erteilen; denn wer diese Kraft so, wie ihr nun, vollkommen überkommen hat, der hat mit ihr auch die Kraft über gar viele andere Dinge überkommen!
   02] Aber er soll damit vor der Welt sich nicht darum etwa zeigen, daß sie über ihn erstaune und ihm dann auch aufs Wort alles fest glaube, was er ihr predigt, sondern im Besitze solch einer höheren Geisteskraft aus Mir soll der Besitzer auch stets sich fragend an Mich wenden und sagen: "Herr, ist es auch Dein Wille, daß ich nun von der mir von Dir verliehenen Kraft Gebrauch mache, so gib mir das kund in meinem Herzen, und vereine Deinen allmächtigen Willen mit Deiner mir gnädig verliehenen Kraft! Ist es aber nun nicht auch Dein Wille, so zeige mir auch solches an nach Deiner Liebe, Weisheit und Gnade!" Und Ich werde solche demütige Frage allzeit augenblicklich im Herzen des Fragestellers entweder mit Ja oder Nein beantworten und werde ihm auch den Grund klar zeigen, aus dem entweder ein Zeichen zu wirken oder zu unterlassen sei. Der Besitzer solcher Meiner ihm verliehenen Kraft aber wird auch ohne Meine volle Einwilligung das Wunderzeichen wohl wirken können, aber es wird weder ihm und noch weniger denen, vor welchen er es gewirkt hat, etwas nützen, was ihr euch auch gar wohl merken könnet! Denn wer in allem völlig mit Mir wandeln und handeln wird, dessen Wirken wird auch allzeit vom wahren Segen begleitet sein.
   03] Vor allem aber merket euch das, was Ich euch und allen Jüngern auf dem Ölberge angedeutet habe, daß ihr, die ihr Mein Evangelium den Menschen überbringet, hauptsächlich nur durch die Macht des Wortes zu wirken bestrebt seid! Denn ein Mensch, den das Wort zur vollen Bekehrung führt, ist ein größerer Gewinn für Mein Gottesreich denn tausend Menschen, die durch Zeichen und Wunderwerke Meine Lehre anzunehmen genötigt worden sind. Denn das reine Wort und dessen Licht bleibt ewig, die Zeichen aber vergehen und haben für die Nachkommen, die davon keine Zeugen waren, nahe gar keinen Wert, weil sie nur blindlings als etwas Außergewöhnliches geschichtlich wohl geglaubt werden, aber dem Glaubenden dennoch keine volle Überzeugung von der Wahrheit Meiner Lehre verschaffen und andere zum Betruge stets sehr geneigte Müßiggänger nur zu bald und zu leicht zum Wirken falscher Zeichen und Wunder verleiten und die Zuschauer zum finsteren Aberglauben.
   04] Das reine Wort aber ist ein Licht in und für sich und benötiget keines Zeichens zum Zeugnisse der Wahrheit in sich, weil es selbst eben das größte Zeichen aller Zeichen und das höchste Wunder aller Wunder ist.
   05] So Ich vor euch nichts als nur die erstaunlichsten Zeichen gewirkt hätte, so hätten euch dieselben ebensowenig genützt wie diejenigen, die ihr schon gar oft von den Magiern und Zauberern zu eurem Vergnügen habt wirken sehen; nur hättet ihr die von Mir gewirkten sicher noch um vieles außerordentlicher gefunden als die, die ihr von den Magiern und Zauberern habt wirken sehen, und hättet noch länger davon zu erzählen gehabt.
   06] Was euch aber nun innerlich so hell erleuchtet und nun denn auch belebt hat, das war nur Mein Wort und nicht die Zeichen, die Ich vor euren Augen so vielfach gewirkt habe. Wirkete Ich nun noch mehrere Zeichen vor euren Augen, so würdet ihr zwar darüber abermals staunen, aber hinterdrein Mich gleich fragen und zu Mir sagen: "Herr, wie war Dir dieses Zeichen doch wieder zu wirken möglich, und wie ging es zu, daß aus Deinem Worte und Willen zum Beispiel Brot und Wein ward?" Ja, da müßte Ich dann Selbst wieder das Wort ergreifen und euch das Wunderwerk so erklären, wie Ich das vor euch auch stets getan habe, daß ihr es mit eurem Verstande begriffet, wie Mir ein solches Wunder zu wirken möglich ist!
   07] Nun, wenn da wieder nur das Wort und nicht das Zeichen erleuchten kann, so kann das das reine und wahrheitsvolle Wort ja für sich allein auch ohne ein vorangehendes Zeichen! Darum liegt allzeit und ewig die Hauptsache und die Hauptlebensbedingung ja nur im Worte und nicht im Zeichen!
   08] Ein Zeichen zu wirken, so dem Menschen dazu die Kraft, wie euch nun, verliehen ist, kann nur dann von einer wahrhaft guten Wirkung in Meiner Ordnung sein, wenn der ein Zeichen zu wirken fähige Mensch aus Liebe zum Nächsten es im geheimen tut, um demselben in Meinem Namen zu nützen. Ich aber bin Der, der das sieht, wenn es auch noch so geheim geschieht, und werde es dem geheimen Zeichenwirker auch eben in der Weise zu belohnen verstehen, in welcher Weise er es in Meinem Namen gewirkt hat.
   09] So ihr einem kranken Menschen offen vor den Augen der Menschen die Hände aufleget, damit es besser werde mit ihm, da habt ihr zum Behufe des Zeugnisses für die Wahrheit Meines Wortes mehr als zur Genüge getan; doch im geheimen ohne offene Zeugen könnet ihr es am Tage viele Male tun und arme leidende von ihrer Not befreien, ohne daß es auch nur einer von ihnen erfährt, wer ihn von seiner Qual erlöst hat. Ich sage es euch: Eine solche Heilung gilt bei Mir mehr als hundert offenbare vor den Augen der Welt! Darum gebrauchet auch ihr die nun von Mir euch gegebene Kraft allzeit nach Meinem euch kundgegebenen Plane, und Ich werde euch dafür zu segnen verstehen. - Habt ihr nun auch dieses wohl begriffen?«
   10] Dankbarst bejahten auch das alle und dachten nun sehr über alles nach, was sie nun von Mir vernommen hatten.
   11] Aber es trat nun auch der Hauptmann von Bethlehem zu Mir und sagte: »Herr und Meister! Sieh, auch ich bin ein Römer und glaube fest an Dich und habe Dich sehr lieb! Du hast nun den zehn Römern etwas Großes gegeben und ihnen auch treuest gezeigt, wie sie alles das zu benutzen haben. Wäre es Dir nicht genehm, nun auch mir eine gleiche Gnade zukommen zu lassen? Wahrlich, ich würde sicher auch allzeit nur den rechten Gebrauch davon machen, und besonders könnte ich solch eine Gnade den maulreißerischen Pharisäern gegenüber sehr gut brauchen; denn diese Menschen machen dem blinden Volke weis, daß sie im Notfalle sogar die Toten aus den Gräbern wieder beleben könnten, so sie das nur wollten und dürften! Von selbst wohlverständlich sind derlei Reden nichts als leerer Rauch und Dampf, hinter dem noch nie eine Wahrheit sich vorgefunden hat! Hätte ich denn auch eine solche geheime innere Kraft, so wüßte ich schon, was ich mit ihr diesen Leerschreiern gegenüber machen sollte und auch würde!«
   12] Sagte Ich: »Ich weiß das wohl auch schon zum voraus, und eben darum gebe Ich dir jetzt solch eine Kraft noch nicht; denn du hast noch nicht die rechte Reife dazu. Aber du hast nun auch das reine Wort und kannst es benutzen, und das ist, wie Ich zuvor klar gezeigt habe, um gar vieles mehr wert als die Zeichenwirkerei! Benutze also zuvor, was du hast, mit Erfolg, dann wird dir auch das andere hinzugegeben werden.«
   13] Als der Hauptmann das von Mir vernommen hatte, da war er damit denn auch zufrieden und sagte: »Ist auch wahr und gut also! Herr, es geschehe nur Dein Wille!«
   14] Sagte Ich: »Das, Freund, ist mehr wert als tausend Zeichen wirken!«
   15] Als Ich das ausgesprochen hatte, war es schon ziemlich taghell geworden und es kamen von Jerusalem drei Essäer, die irgend vernommen hatten, daß es in Bethanien bei Lazarus zu erfragen sein werde, wo Ich Mich etwa aufhalten dürfte.


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