Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 139. Kapitel: Ein Sturm und sein Zweck.

   01] Es war aber bei dieser Gelegenheit die Zeit schon gegen Mitternacht gekommen, und die Römer, von der Tagesreise etwas ermüdet, fingen beim Tische zu schlummern an, auch einige Meiner Jünger, da auch Ich Mich einem leichten Schlummer überließ; nur die Bethlehemer und die etlichen Jünger des Johannes besprachen sich noch über ein und das andere miteinander, und es kam also die volle Mitternacht herbei. Mit ihr aber erhob sich auch ein sehr heftiger Sturmwind, der von Süden her kam, der aber stets heftiger wurde und durch sein Toben, Brausen, Pfeifen und Heulen alle die Schlummernden aufweckte und die noch Wachen aber mit Furcht, Angst und Bangen erfüllte. Ich aber und etliche Meiner alten Jünger schlummerten noch fort.
   02] Lazarus wandte sich an den Raphael und bat ihn, daß er dem Sturme gebieten möchte, daß dieser doch wenigstens sanfter werden möchte, da er sonst für nichts und wieder nichts einen großen Schaden anrichten werde in den Weinbergen, Gärten, an den Bäumen und Häusern.
   03] Auch der Hauptmann, der so heftige Winde nicht leiden konnte, sagte ganz offen: »Da weiß man als ein Mensch wieder nicht, was man aus der großen Liebe und Weisheit Gottes machen soll! Wozu sollen solche heftigen Stürme wohl gut und nützlich sein? Oder hat denn Gott Selbst eine Freude daran, wenn Er die schwachen Menschen durch solch ein Toben und Wüten der Elemente erschreckt und sie in eine große Furcht und Angst versetzt? Solch ein böser Sturm macht den Menschen auch stets einen oft unberechenbaren Schaden, und zuallermeist den Armen, denen er ihre schwachen Hütten zerstört, daß sie dann dach- und fachlos herumbetteln müssen, um doch wieder zu irgendeiner armseligen Wohnhütte zu gelangen. Nein, dieser Akt der göttlichen Liebe und Weisheit ist wahrlich etwas sonderbar!«
   04] Hierauf wandte sich auch der Hauptmann an den Raphael und sagte: »Höre du mein wundermächtiger Freund, der du ehedem bloß durch deinen Willen jene schwere Säule in die Luft erhobst, reicht deine Willensmacht nun gegen das stets heftiger werdende Wüten des Sturmes nicht aus, um es zum Schweigen zu bringen? Wenn das so fortgeht, so liegen morgen ganze Wälder entwurzelt und zusammengebrochen am Boden! Wer wird den armen Menschen den angerichteten Schaden vergüten? Ich bitte dich, tue da doch etwas entgegen!«
   05] Sagte darauf Raphael: »O du mein schwacher, sturmfürchtiger Mensch! Was haderst du da gegen die Liebe, Weisheit und Ordnung Gottes! Meinst du denn, Gott lasse solch einen heftigen Wind aus einer Art Unwillen gegen die Menschen wehen? Oh, wie schwach bist du noch! Kennst du die dem Naturleben der Menschen und Tiere schädlichen Naturgeister, die sich aus dem Innern des Erdkörpers oft, und besonders in der Herbstzeit, in einem größeren Maße wegen der Befruchtung der Erdoberfläche zu entwickeln haben?
   06] Siehe, gerade in dieser Nacht dringen große Massen aus dem Innern der Erde auf ihre Oberfläche herauf, auf daß das kommende Jahr ein fruchtbares werde! Wenn nun diese noch sehr ungegorenen Naturgeister in Gestalt eines grauen und modrigen Dunstes sich ruhig über die Oberfläche der Erde lagern würden, so würde in solchem Dunste keines Menschen Leibesleben auch nur ein paar Stunden lang bestehen können. Welch anderes Mittel aber kannst du mir angeben, um die erwähnten aufsteigenden rohen Naturgeister für die leibliche Gesundheit der Menschen unschädlich zu machen, als eben nur den Wind, und das einen gegen die hartnäckige und gewisserart klebrige Natur solcher Geister entsprechend heftigen?
   07] Der Wind, der von reineren Geistern dadurch bewirkt wird, daß sie die sonst ruhige Luft der Erde in eine gewaltige Strömung versetzen, vermengt die rohen Naturgeister mit den reinen Geistern in der Luft und im Wasser und macht sie dadurch unschädlich für die Gesundheit der Menschen, der Tiere und der Pflanzen, was alles nach dem Willen Gottes geschieht, weil es also geschehen muß; und du meinest da, daß durch solche Winde Gott den schwachen Menschen einen Schaden zufügen wolle und gewisserart eine Freude daran habe, so die schwachen Menschen bei solchen Gelegenheiten vor Angst und Schrecken nahe zu verzweifeln anfangen? O du noch sehr schwachsinniger Mensch!
   08] Was liegt denn daran, wenn bei einer für die Erde und ihre Geschöpfe heilsamen Gelegenheit auch einige morsche Bäume und auch etliche schon sehr baufällige Wohnhütten der Menschen und einige Vogelnester zerstört werden, wenn nur das Erdreich fruchtbar und die Erdluft dem geschöpflichen Naturleben unschädlich wird?
   09] Wenn hie und da einem Menschen auch irgendein kleiner Weltschaden zugefügt wird, so wird es der Herr sicher auf eine ganz beste Art demselben mehrfach entschädigen; zudem aber schadet es den nur zu leicht und zu oft Gottes vergessenden Menschen gar nicht, so sie dann und wann durch besondere Naturszenen aus ihren trägen Weltträumereien aufgerüttelt werden und es erfahren, daß es höhere Kräfte und Mächte gibt, gegen die der menschliche Hochmut keinen Sieg erfechten kann.
   10] Darum lassen wir diesen Wind nun nur noch ein paar Stunden lang arbeiten! Wenn er sein gutes Geschäft wird verrichtet haben, dann wird er sich auch schon wieder legen. Ich könnte dem Winde aus der Macht des Herrn in mir wohl gebieten, daß er sich augenblicklich legen müßte, - aber wozu wäre das gut? Ich sage es dir: für gar nichts; denn solch ein Zeichen würde nicht um ein Mal (nicht um ein geringes) deinen Glauben an den Herrn erhöhen. Denn stille ich den Wind dir zuliebe nur auf einige Augenblicke, so wirst du dann geheim bei dir sagen: "Ah, der Wind hat von selbst einige Augenblicke ausgesetzt!" und (meinen, ich) sagte dir nur so dabei, daß dies Aussetzen infolge der Macht meines Willens geschehen sei. Lasse ich aber den Wind sich ganz zur Ruhe legen, so sterben schon morgen tausend Menschen an der bösen Ruhr, und das würde dir denn doch auch sicher nicht angenehm sein; denn ich weiß es, daß du und gar viele Menschen keine Freunde von Epidemien seid. Und so lassen wir, wie schon gesagt, den Wind nur fortwehen; der kleine Schaden, den er hie und da anrichten wird, wird leicht zu vergüten sein.
   11] Oder schadet es etwa so manchem allzu selbstsüchtigen Reichen, so er dann und wann durch die größere Not eines und des andern armen Nebenmenschen zum Mitleid und zur Barmherzigkeit aufgerüttelt wird? Ich bin der sicheren Meinung, daß so etwas der Seele des Reichen sehr nützlich ist. Der Arme aber wird Gott um so mehr danken, weil er ihm infolge seiner vor den Augen der reichen Menschen gesteigerten Not auch um vieles kräftiger geholfen hat, als es sonst geschehen konnte. Denn der früheren, schon lange gleichfort andauernden Armut und Not des armen Nachbarn gedachten die Reichen kaum und ließen ihn unberücksichtigt fortdarben; aber da Gott über ihn ein rechtes weltliches Unglück kommen ließ, so wurden die sonst zumeist harten Reichen erweicht und beschenkten den Armen darauf ansehnlich, daß ihm dann auf lange hin geholfen ward.
   12] Sage du nun mir: Ist Gottes Liebe und Weisheit da nicht als wirkend ersichtlicher unter den Menschen auf der Erde als irgend in einer Gegend der Erde, wie es auch deren manche gibt, die von keinem Sturmwind heimgesucht werden, darum aber auch völlig wüste und unbewohnbar daliegen?!«


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