Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 138. Kapitel: Über das Wesen Jesu.

   01] Hier trat ein Johannesjünger zu Raphael und sagte: »Höre, du sonderbarer junger Mensch, ich hätte nun nur noch die einzige Bitte dahin an dich zu stellen, daß du dich selbst über dein eigentliches Wesen uns ein wenig näher enthüllen möchtest, als du dich uns bis jetzt enthüllt hast! Denn daß du ein ganz geheimnisvolles Wesen bist, darüber besteht in mir gar kein Zweifel mehr; denn das, was du nun schon alles in kurzer Zeit bewirkt hast, kann kein natürlicher Mensch bewirken, und deine Weisheit geht auch himmelhoch über alles bisherige menschliche Wissen. Daher möchte denn ich doch näher wissen, wer du eigentlich bist! Ein ganz natürlicher Mensch bist du in gar keinem Falle mehr, aber du kannst der Geist des Elias oder auch eines andern großen Propheten sein; denn es stehet ja geschrieben, daß zur Zeit, wenn der Messias zu den Menschen kommen werde, auch Elias an seiner Seite einhergehen wird als ein treuer Zeuge für die blinden Menschen. Und also stehet es auch geschrieben: "In derselben Zeit werdet ihr sehen die Engel Gottes auf- und niedersteigen zwischen Himmel und Erde, und sie werden dienen Dem, der gekommen ist im Namen des Herrn, und auch den Menschen, die eines guten Willens sind."
   02] Du kannst demnach nun ganz leicht entweder der Geist Mosis oder Elias oder ein reiner Engel Gottes selbst sein und hast nun nur darum einen scheinbaren Leib angenommen, um dich uns Menschen sichtbar dienlich erweisen zu können. Sage es wenigstens mir, ob ich nun nicht vielleicht so ziemlich richtig geurteilt habe!«
   03] Sagte nun Raphael: »Es mag schon also sein, aber doch noch etwas anders! Wie es aber ist, das wirst du schon zur rechten Zeit von den andern Jüngern erfahren. Ob du das nun schon genau weißt oder auch nicht weißt, daran liegt das Heil deiner Seele nicht; aber daran liegt es, daß du an den Herrn glaubst, Ihn über alles liebst und nach Seiner Lehre lebst und handelst. In dem allein suche du das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit; alles andere wird dir dann schon ohnehin als eine freie Gabe hinzugegeben werden.
   04] So du mich aber für den Geist Mosis oder Elias hältst, da bist du in einer Irre; denn des Elias Geist war in Johannes, der euer Meister war. Moses aber hat schon sein Zeugnis dem Herrn vor den Augen Seiner Jünger gegeben, und diese werden den andern Völkern kundgeben, wann es an der Zeit sein wird. Und somit weißt du nun vorderhand zur Genüge.«
   05] Hierauf setzte sich Raphael wieder neben Mir nieder und nahm Brot und Wein zu sich. Auch der Hauptmann setzte sich mit dem Johannesjünger zusammen und nahm auch noch Brot und Wein zu sich. Der Jünger aber nahm kein Brot und keinen Wein, sowie auch seine Mitjünger nicht; denn die Jünger des Johannes führten ein strenges Leben und fasteten viel. Meine Jünger aber aßen und tranken noch.
   06] Da sagte einer der bekehrten Pharisäer zu Mir: »Herr und Meister, warum fasten denn deine Jünger nicht, da doch des Johannes Jünger so viel fasten?«
   07] Sagte Ich: »Ich bin ein rechter Bräutigam denen, die an Mich halten, und die Ich erwählt habe. Warum sollen sie denn fasten, so Ich bei ihnen bin? Wenn Ich als ein wahrer Bräutigam ihrer Seelen aber persönlich nicht mehr bei ihnen sein werde, dann werden sie schon auch fasten zur Zeit der Not. Übrigens aber wird niemand darum das ewige Leben der Seele überkommen, weil er viel gefastet hat, sondern nur der, welcher den Willen Dessen tut, der Mich gesandt hat.«
   08] Das fiel dem Hauptmann auf, und er fragte Mich eiligst, sagend: »Herr und Meister, wie sprachst Du nun, daß nur der das ewige Leben der Seele ernten wird, der den Willen dessen tut, der Dich gesandt hat? Wer ist der, der Dich gesandt hat, und wie lautet sein Wille? Erkläre Dich da klarer, ansonst ich über diesen Deinen Ausspruch in einen offenbaren Zweifel geraten müßte! Denn einmal heißt es - wie ich das aus der Erklärung der Psalmen im Hause unseres Wirtes ersehen habe -, daß Du Selbst und allein der Herr bist, und daß der das ewige Leben der Seele überkommen werde, der Deine Lehre annimmt und nach ihr lebt und handelt, und nun sagtest Du Selbst, daß nur der das ewige Leben der Seele ernten wird, der den Willen dessen tut, der Dich gesandt hat! - Siehe! - das ist nun sehr zweideutig, und ein Mensch wie ich, dem es sicher um das ewige Leben seiner Seele ganz vollkommen ernstlich zu tun ist, wird da offenbar irre und weiß nicht, an wen er sich wenden soll, der ihm den Willen dessen, der Dich gesandt hat, treu und wahr kundtun könnte! Ich bitte Dich darum, daß Du Dich über Deinen Ausspruch nun deutlicher und bestimmter eröffnen möchtest!«
   09] Sagte Ich: »Es ist wohl noch viel Finsternis in euch! Der Mich gesandt hat, ist Mein ewiger Vater und ist in Mir; und so habe denn auch Ich Selbst aus Meiner Liebe zu euch Menschen Mich gesandt in diese Welt, um euch zu bringen und zu geben das ewige Leben.
   10] Mein Wort und Meine Lehre, die euch den Weg zum ewigen Leben zeigt, ist aber eben der Wille Dessen, der in Mir ist, und der Mich gesandt hat. Denn der Vater, als die ewige Liebe, ist in Mir, und Ich, als ihr Licht, bin in ihr.
   11] Sieh aber die Flamme der hier auf dem Tische leuchtenden Lampe an! Kannst du das Licht von der Flamme trennen oder die Flamme vom Lichte? Die Flamme aber ist das, was Ich "Vater" und "Liebe" nenne, und das Licht ist ihr Sohn, der von der Flamme ausgesendet wird, um zu erleuchten die Finsternis der Nacht. Sind da nicht die Flamme und ihr Licht ein Wesen? Und ist da nicht die Flamme ebenso im Lichte, als das Licht in der Flamme? Wenn aber also und unmöglich anders, so offenbart sich ja des Vaters Wille in dem von Ihm ausgehenden Lichte.
   12] Wer sonach in diesem Lichte wandelt, der wandelt auch nach dem Willen Dessen, der Mich als Sein Licht in diese Welt gesandt hat; und wer in diesem Lichte wandelt, der kann nicht fehlgehen und muß das ewige Leben ernten, weil das Licht, nach und in welchem er wandelt, das ewige Leben selbst ist.
   13] Nur wer dieses Licht verläßt und in der eigenen Weltnacht von neuem zu wandeln beginnt, der kann so lange nicht das ewige freie Leben der Seele ernten, als er nicht in das Licht des Lebens übergeht. Und nun wirst du, Hauptmann, Mich etwa wohl verstanden haben?«
   14] Sagte der Hauptmann: »Ja, ja, Herr und Meister, jetzt bin ich schon wieder im klaren und weiß nun, was ich zu tun habe, um zum ewigen Leben zu gelangen, und ich danke Dir abermals für diese gar gewichtige Belehrung. Ich habe Dich aber ehedem in Deiner Rede mit dem Pharisäer unterbrochen und bitte Dich nun, daß Du da noch weiter reden wollest!«
   15] Sagte Ich: »Dem habe Ich schon gesagt, was ihm not tat, und habe darum keine Fortsetzung für ihn!
   16] Ich hätte euch allen aber noch gar vieles zu sagen, doch jetzt könntet ihr es noch nicht ertragen; wenn aber der Geist in euch erwachen wird, der Geist der Wahrheit, den Ich in euch erwecken werde, der wird euch in alle Wahrheit und Weisheit leiten. Erst in seinem Lichte werdet ihr alle Den erst vollends erkennen, der nun solches zu euch geredet hat. - Nun aber überdenket das, was ihr vernommen habt, und besprechet euch untereinander; Ich aber werde ein wenig ruhen.«
   17] Nach diesen Worten ward es eine kleine Weile still im Saale; denn ein jeder dachte eine Zeitlang über all das Vernommene und Gesehene nach.


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