Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 120. Kapitel: Jesus über die Nächstenliebe.

   01] Sagte Ich: »Daran wirst du sehr wohl tun! Aber nun werde Ich dir noch etwas sagen, und zwar gleichnisweise zu deinem Gemüte: Siehe! Du möchtest dich in gewissen Angelegenheiten und Geschäften auf eine weite Reise begeben! Da du aber schon viele Tagereisen in fremden Landen von Hause entfernt wärest, fügte es sich - wie sich solches schon gar oft in der Welt durch Zulassung von oben ereignet hat -, daß du um all dein auf die lange und weite Reise mitgenommenes Vermögen kämest und es dir dann gar sehr verzweifelt im fremden Lande und in einem weltfremden Orte zumute würde, und du gingest dann mit traurigstem Gemüte und sicher höchst betrübtem Gesichte im fremden Orte einher.
   02] Ein Mensch aber merkete dir das wohl an und fragte dich: »Freund, du scheinst sehr traurig und ganz niedergeschlagen zu sein! Sage mir, wo es dir fehlt!«
   03] Du erzähltest ihm dann dein Unglück, und er spräche darauf zu dir: »Freund, komme, ich will dir helfen; aber sei in der Folge vorsichtig und Verwahre wohl, was dein ist! Kannst du es mir gelegentlich erstatten, was ich dir nun gebe, so wird es wohl von dir gehandelt sein; und solltest du das nicht können, so hast du an mir keinen Gläubiger!« Darauf gäbe dir der Mensch aber, was du verloren hättest!
   04] Sage nun Mir und auch dir selbst, in welch einem hohen Grade würde das dein ganzes Gemüt erfreuen, und wie sehr würdest du darob Gott und solch einen edlen Menschen loben und preisen; und so du dann wieder ganz glücklich zurückkämest, würdest du da nicht alles aufbieten, um dich solch einem Menschen und danebst auch Gott allerdankbarst zu erweisen?!
   05] Nun aber denke dir das auch von einem andern Menschen, der aus weiter Ferne zu dir kommt, dem ein Unglück begegnet ist, und der vor deiner reichen Herberge voll Traurigkeit weilt, weint und nicht aus und ein weiß, was er tun soll. So du nun zu ihm hinausgingest und fragtest ihn, sagend: »Freund, du bist sehr traurig und scheinst in einer großen Verlegenheit zu sein? Wo fehlt es dir? Sage es mir ganz offen, denn siehe, ich bin der Mensch, der, insoweit es nur immer in meiner Macht steht, dir zu helfen bereit ist«, und der Mensch sagte dann zu dir: »Ach, edler Freund, ich bin von gar fernem Lande in Geschäften hierhergereist, fiel aber unfern von hier unter Diebe, und diese nahmen mir all mein Geld weg, bestehend in zwanzig Pfunden Goldes, und dazu noch tausend Groschen dieses Landes gangbarer Münze, und nun stehe ich völlig vermögenslos da und weiß mir so ferne von Meinem Lande und Hause nicht zu raten und auch nicht zu helfen!« Du aber sagtest dann zu ihm: »Freund, komme, und ich will dir helfen! Deinen Namen, dein Land und deinen Ort brauchst du mir nicht einmal anzugeben; wie aber dieses Land, dieser Ort, und wie auch ich heiße, wirst du schon erfahren! Kannst du mir das Dargeliehene einmal abstatten, so wirst du daran vor Gott und allen guten und gerechten Menschen wohl tun; und solltest du das nicht können, so wird es auch so gut sein!«, darauf gäbest du ihm dann, was er verloren hatte, - was meinst du, wie Gott solch ein Werk der wahren Nächstenliebe ansehen und lohnen würde, und wie dieser durch dich nun von neuem glücklich gemachte Mensch, so er nach Hause käme, dann sicher alles aufböte, um sich dir dankbar und erkenntlich zu erweisen, weil du ihm eine so große Freundschaft ohne allen Eigennutz erwiesen hast?! Und sollte dieser Mensch auch deiner möglicherweise im Taumel seines Erdenglückes nicht gedenken wollen, wird in dem Falle etwa dann nicht Gott deiner hundertfach gedenken?!
   06] Wahrlich, wer solche Taten übt ohne Eigennutz, sondern aus purer, reiner Nächstenliebe, der ist auch ein größter Freund Gottes und ist schon auf dieser Erde gleich den Engeln des Himmels und hat schon die Fülle des Reiches Gottes in seinem Herzen!
   07] Denn ein fremder Armer ist ums Hundertfache ärmer denn ein einheimischer, der bei allen denen, die seine Not wohl kennen, leicht eine Hilfe noch findet; aber der fremde Arme gleicht einem unmündigen Kinde, das seine Not noch niemandem angeben kann, außer durchs Weinen. Darum seid auch barmherzig gegen Fremde, so werdet ihr auch im Himmel Barmherzigkeit und Aufnahme finden; denn für den Himmel seid ihr bis jetzt noch lauter verunglückte Fremde auf eurer irdischen Wanderung dahin! - Was sagst du nun zu dieser Meiner Rede?«
   08] Sagte der Wirt: »Herr und Meister! Was soll unsereiner da anderes dazu sagen? Das ist eine reinste Wahrheit, und unsereinem bleibt nichts anderes übrig, als deren reinen, göttlich wahren Sinn bei vorkommenden Fällen ins Werk zu setzen. Denn was mir wohltun würde, so ich in einem fremden Lande in eine Not käme, das bin ich auch dem Fremden in meinem Lande schuldig! Denn Menschen sind ja auch die, welche in den von uns weit entfernten Ländern und Reichen wohnen. Wenn sie auch andere Sitten und einen andern Glauben haben, so soll man das nach meiner Ansicht in keine Betrachtung ziehen und nicht tun nach der Lehre unserer Pharisäer, die da sagen, daß ein wahrer Jude alle Heiden so lange als Hunde betrachten solle, solange sie in ihrem Heidentum verharren, - und wer einem Heiden eine Wohltat erweise, sich den Zorn Gottes zuziehe und seine Seele den Teufeln verschreibe, sondern er soll lieber auch den Heiden sich freundlich erweisen und ihnen zeigen, daß er als ein Jude ein guter und freundlicher Mensch ist, und der Heide wird ihn eher fragen und sagen: »Freund, wie lautet deines Glaubens Lehre, aus der so gute Menschen hervorgehen?«, als so ich mich ihm gegenüber als ein harter und noch dazu als ein feindlich verschlossener Jude erweise.
   09] So ich einem Heiden eine wahre Freundschaft bezeige, da ist ja davon keine Folge, daß ich dadurch selbst in seinen finsteren Glauben übergehe, wie es die Pharisäer lehren, sondern ich bleibe ein Jude und habe durch meine Freundlichkeit dem Heiden nur den Weg gezeigt, auf dem auch er ein rechter Jude werden kann.
   10] Wahre Liebe und Sanftmut sind für alle Menschen sicher ein um vieles wirksamerer Lehrer und Bekehrer als der Zorn und dessen Rachelust gegen jene, die sicher ohne ihr Verschulden in des Geistes Nacht sich befinden! Wie es sicher höchst töricht und unmenschlich arg wäre, einen Menschen deshalb, weil er das Licht der Augen verloren hat, zu hassen, zu fliehen, zu verachten und ihm keine Liebe zu erweisen, um so törichter und ärger aber scheint es mir zu sein, so man Menschen, die im Geiste blind sind und sich nicht helfen können, haßt und verachtet und niemals bestrebt ist, ihnen auch nur von ferne hin eine menschliche Freundlichkeit zu erweisen.
   11] Daß wir Juden uns aber leider gegen die Fremden zumeist hart und unfreundlich erwiesen, daran schuldet wohl niemand als allein unsere Priester, die es lieber haben möchten, daß man ihnen alle die besten Früchte opferte und die Fremden mit Stachelbeeren bedienete. Aber von nun an wird es in meinem Hause ganz anders werden! Dein Wort, Herr und Meister, wird in der Folge die Handlungsordnung meines ganzen Hauses sein, und ich werde dafür sorgen, daß auch meine Nachbarn im weiten Umkreise sich nach mir richten werden.«
   12] Sagte Ich: »Du hast nun in allem wohl und wahr geredet, und es ist also. Die Blindheit der Pharisäer ist an allem Argen, das nun unter den Juden gang und gäbe ist, allein schuld. Sie selbst sind blinde Führer der Blinden, die, wenn sie an einen Graben kommen, sicher beide hineinfallen und dann keiner dem andern heraushelfen kann; darum sollet ihr von ihnen auch nichts anderes annehmen und anhören, als nur die Lehren Mosis und der Propheten. Ihre Satzungen aber sollet ihr verabscheuen, gleichwie auch ihre Werke, die eitel böse sind!
   13] Es heißt ja wohl, daß auf den Stühlen Mosis und Aarons die Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer sitzen. Es sei denn auch also! Darum nehmet von ihnen aber auch nur das an, was sie von Moses und Aaron euch vortragen; alles andere aber betrachtet als ein übertünchtes Grab, das nach außen hin wohl prunkt, aber im Innern voll Moders und eklen Gestankes und Todes ist.
   14] Nun habe Ich euch das Notwendigste der vollsten Wahrheit nach gesagt und gezeigt. So ihr danach leben und handeln werdet, dann werdet ihr auch den Lohn ernten, den Ich euch verheißen habe; denn Ich Selbst habe die Macht, ihn euch zu geben, wie Ich auch die Macht habe, alle leiblich Kranken durch Mein Wort und durch Meinen Willen völlig gesund zu machen und die Toten zu beleben, wofür alle, die hier um Mich sind, Mir vor euch ein gültiges Zeugnis geben können und auch geben werden nach Mir, wenn Ich dahin werde zurückgekehrt sein, von wannen Ich gekommen bin. - Aber nun genug von allem dem, und wir wollen nun noch dein Haus ein wenig näher in Augenschein nehmen!«


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