Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 107. Kapitel: Jesus über den Zweck der Berge.

   01] Hier fragte Mich abermals Markus, sagend: »Herr und Meister; ist aber das nicht auch sonderbar, daß die höchsten Berge, deren Kuppen und Spitzen offenbar im ganzen um eine Stunde (früher) von der Sonne beschienen werden und daher auch einen längeren Tag als die Täler haben, mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind, während es in den Tälern und Ebenen warm und im Sommer oft unerträglich heiß wird? Bei uns in Europa, im Westen unseres Reiches, gibt es Alpen, die noch keines Menschen Auge je ohne Schnee und Eis gesehen hat, während es in der Ebene und in den vielen Tälern zwischen den hohen Alpen sehr warm ist; ja selbst in unserem Sizilien haben wir einen Berg, der dazu noch in seinem Innern voll Feuers ist und sein muß, weil er an vielen Stellen beständig raucht und dampft, und doch ist seine höchste Spitze gleichfort mit Schnee bedeckt. Nun, worin liegt denn da der Grund?«
   02] Sagte Ich: »So Ich dir den wahren Grund auch sage, wirst du ihn dennoch nicht verstehen; aber weil du Mich schon einmal gefragt hast, so muß Ich dir denn auch eine Antwort geben.
   03] Siehe, so du ein Stück Metall und zugleich ein Stück weiches Holz an die Sonne legst, so wirst du schon nach ein paar Stunden das Metall so stark erwärmt haben, daß du es mit der Hand kaum wirst anfühlen können, am weichen Holz aber wirst du kaum eine Erwärmung wahrnehmen.
   04] Wenn du zum Beispiel die schwarzen und steinigen Ufer des Toten Meeres um die Mittagszeit befühlst, so wirst du sie nahezu glühheiß finden, und befühlst du dann das Wasser, so wirst du es im Vergleich mit den Ufern kalt finden. Da könntest du dann auch fragen und sagen: "Ja, Herr und Meister, wie ist denn das? Warum wird das Metall und das schwarze Gestein so stark von den Sonnenstrahlen in derselben Zeit erwärmt, in der das weiche Holz und besonders das Wasser von einer besonderen Erwärmung noch nahezu nichts verspüren läßt?"
   05] Und Ich kann dir da, weil dir die Vorkenntnisse noch mangeln, nur so viel sagen, daß die dichteren Körper zur Aufnahme der Wärme aus dem Lichte um vieles tauglicher sind denn die weniger dichten. Und so ist denn auch die Luft ein Körper, der in sich die Eigenschaft hat, daß er in den Tiefen der Erde durch den Druck der oberen, auf ihm liegenden Luftschichten dichter ist als auf den Höhen der Berge; und weil denn also die Luft in den Tiefen der Erde um vieles dichter ist als auf den Berg- und Alpenhöhen, so ist sie denn auch erwärmbarer als auf den Höhen. Siehe, das ist so der ganz gewöhnliche, natürliche und für dich auch noch am ehesten begreifbare Grund, warum es auf den Höhen der Berge, wenn sie länger von der Sonne beschienen werden, kälter ist als in den Tiefen und Tälern!
   06] Aber es gibt da freilich auch noch andere Gründe, die du, so Ich sie dir auch verkündete, nun nicht verstehen würdest und könntest. Aber es werden schon noch Zeiten kommen, wo die Menschen auch die tieferen Gründe von derlei Erscheinungen ganz klar erkennen, berechnen und einsehen werden; aber sie werden darum dem Reiche Gottes nicht näherstehen als ihr nun, die ihr das noch lange nicht begreifet als alterfahrene Staatsmänner, was dann schon die Kinder einsehen und wohl begreifen werden, sondern derlei zu sehr Natur- und Weltgelehrte werden sich oft sehr ferne vom Reiche Gottes befinden, und so sie es suchen werden in den ihnen enthüllten Kräften der Naturwelt, werden sie es schwer oder auch gar nicht finden. Darum suchet nur vor allem das wahre Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit in euch, alles andere wird euch schon zur rechten Zeit von selbst als eine freie Zugabe werden!
   07] Das aber könnet ihr euch als ein wohlentsprechendes Bild hinzumerken! Der hohen Berge Spitzen und Kuppen gleichen jenen Weltweisen, die auch viel Verstandeslicht haben, - dabei aber sind sie sehr eingebildet und stolz, tragen ihre Köpfe hoch und schauen mit Verachtung auf die ungelehrte Welt herab, ja sie erheben ihr stolzes Haupt sogar über jene ihnen ebenbürtigen Gelehrten, die allenfalls im Staatenrangleben mit ihnen nicht auf einer gleich hohen Stufe stehen, wenn diese Minderhochstehenden ihnen an fruchtbarer Gelehrtheit auch überlegen sind.
   08] Und seht, da geben uns eben die höchsten Berge ein gar vortreffliches Bild! Je höher ein Berg ist, und eine desto weitere Aussicht man von seiner höchsten Spitze genießen kann, desto unfruchtbarer ist ein solcher Berg auch und ist kalt und mit Schnee und Eis bedeckt. Nicht einmal ein allerverkümmertstes Moospflänzchen werdet ihr zum Beispiel auf des Ararats höchster Kuppe finden; auf seinen um vieles niedereren Nachbarhöhen aber werdet ihr schon allerlei Moos- und andere Steinpflänzchen antreffen, auf den noch niedereren schon allerlei Gras und Alpenkräuter und noch tiefer herab schon Sträucher und Bäume.
   09] Also aber steht es auch mit all den hohen Weltweisen und Naturgelehrten, besonders so sie dazu noch infolge ihrer Gelehrtheit vom Staate aus irgend hochgestellt sind; sie sind voll Eigendünkel, voll Hochmut, sehen alles tief unter ihnen stehend, sind darum kalt und gefühllos, haben keine Liebe außer die starre für sich selbst und für die eigene Höhe. Darum sind sie denn aber auch trotz ihres Lichtes, das keine Lebenswärme enthält, völlig unfruchtbar und dienen dem Staatsoberhaupte wohl als eine Art Hoheitsprunk, in der Tat aber wenig oder zumeist gar nichts, während die Niedereren schon arbeiten und dem Staat durch die ins Werk gesetzten Kenntnisse nützen, und die noch niederer Gestellten arbeiten noch mehr und nützen dem Staat und den Menschen offenbar auch noch um vieles mehr.
   10] So sind denn die hohen Berge in einem Lande wohl eine Pracht, und der Wanderer, so er ihrer ansichtig wird, wundert sich über ihre Höhen; aber so man die landwirtschaftliche Frage stellte, welchen praktischen Nutzen das Land von seinen hohen Bergen hat, und welche Früchte sie ihm tragen, so wird darauf die Antwort sicher so kahl und mager ausfallen, als wie kahl und mager eben die hohen Berge selbst sind.
   11] Ich will aber damit nicht sagen, als wären der Erde hohe und höchste Berge etwa als völlig nutz- und zwecklos da. In bezug auf die ganze Erde sind sie höchst notwendig, denn sie nötigen die atmosphärische Luft, daß sie sich mit der ganzen Erde in der bestimmten Tag- und Nachtzeit in der Mittelpunktsachse drehen und bewegen muß, ansonsten kein Geschöpf vor der Heftigkeit der beständigen Luftströmung bestehen könnte. Denn die Bewegung der Erde um ihre Achse ist hier, wo wir uns nun befinden, schon so schnell, daß wir in jedem Augenblick um gute zwei Stunden von Westen nach Osten hin fortgerückt werden.
   12] So die Erde nun ganz glatt und von Bergen und Hügeln ganz entledigt sich befände, so würde die sie umgebende Luft gewisserart stillstehen und sich mit der Erde nicht mitbewegen; aber dieses Stillstehen der Luft würde dennoch ein fortwährendes, selbst die heftigsten Orkane weit übertreffendes Luftströmen sein, bei dem, wie gesagt, auf der Oberfläche der Erde kein geschöpfliches Sein und Bestehen je denkbar möglich wäre.
   13] Da die Erde aber nun besonders in der Nähe ihres Mittel- und somit Hauptumschwungsgürtels, den die späteren Erdkundigen Äquator benennen werden, auch zumeist die höchsten Berge in weit gedehnten Reihen besitzt, deren Spitzen weit über die Wolken hinausragen, so nötigen sie die Luft zur steten Mitbewegung um die Achse der Erde, und ihr merket daher von dieser heftigsten Luftströmung nichts; daß aber die Luft dennoch manchmal in eine Strömung gerät, die sich, wie nun am Morgen, durch einen Wind bemerkbar macht, davon habe Ich euch die Ursache und den Entstehungsgrund schon gezeigt und brauche nun nicht noch einmal davon zu reden anzufangen.
   14] Und seht, das ist denn schon einmal der eine Nutzzweck der hohen Berge, für die gesamte Erde dargestellt! Neben dem aber haben die hohen Berge und so auch ihr Schnee und Eis eine Menge anderer Zwecke, die von den späteren Naturkundigen auch werden erkannt werden; aber für euch ist es nun noch nicht an der Zeit, in alle Geheimnisse der Naturwelt eingeweiht zu werden; und würde Ich sie euch auch dartun und erklären, so würdet ihr sie nicht fassen, weil euch die nötigen Vorkenntnisse dazu mangeln.
   15] Nur das kann Ich euch noch sagen, daß in und um die Erde in einem fort unsichtbare Kräfte strömen, die zur Belebung der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt, zu der auch der Mensch dem Leibe nach gehört, höchst notwendig sind, und diese unsichtbaren Kräfte werden auch von den Bergen und ihrer Vegetation, Natur und Beschaffenheit geregelt und geleitet, darum die Bewohner der Berge auch stets gesünder und rüstiger sind als die Bewohner von großen Ebenen und tiefen Tälern.
   16] Damit habe Ich euch nun an diesem Morgen einen Naturlehrer gemacht, insoweit es für euch vorderhand notwendig ist, damit ihr nicht in euren alten Irrtümern zu verbleiben nötig haben sollet; wenn aber der Geist der vollen Wahrheit und des Lebens in euch eins mit eurer Seele wird, so wird er euch schon ohnehin weiter und in alle Weisheit leiten. - Habt ihr das wohl verstanden?«


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