Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 8

Kapitelinhalt 106. Kapitel: Jesus über das Jenseits.

   01] Sagte Agrikola: »Ja, Herr und Meister, nun ist mir freilich alles klar geworden, und wir danken Dir alle aus dem tiefsten Grunde unserer Herzen.«
   02] Als der Römer diesen Dank ausgesprochen hatte, da fing es im Osten schon an, sehr golden helle zu werden, und es ward munter in der Natur. Die Vöglein fingen an, in der buntesten Weise ihre Lieder anzustimmen, die frischen Morgenwinde fingen an, lebhafter zu wehen, und des eben nicht unansehnlichen Teiches recht schöne Wasserfläche wurde wellengeschäftig, als hätte sie eine Freude an den Liebkosungen des Morgenwindes. Also ward auch das Gras belebt, und der blaue und duftige Rauch aus den Kaminen der Häuser wurde von dem Morgenwind auch in allerlei seltenen Formen und Wendungen in der Luft verweht, und so gab das eine recht schöne und heiter bewegte Morgenszene ab.
   03] Als wir alle mit recht vieler Lust und Freude die Morgenszenen eine Zeitlang betrachteten und es dabei immer heller und heller ward, da kamen eine Menge Turteltauben von Osten her geflogen, ließen sich auch um den Teich nieder und nahmen Wasser zu sich.
   04] Das gefiel den Römern, und unser Markus meinte und sagte: »Herr und Meister, sieh, unseren manchmal eben nicht ungeschickten Zeichendeutern würde das, so um diese Zeit von Osten her Scharen von Vögeln dieser Art kommen, einen frühen Winter, aber von kurzer Dauer, andeuten; im Monde des Januarius aber komme dann schon ein beständiger Frühling. Nun, das hatte schon manchmal seine Richtigkeit und öfter ja als nein; aber Du als der Herr der gesamten Natur wirst uns da sicher eine bessere Auskunft geben können, und es wäre das auch gut für uns, damit wir, auf dem wahren Grunde stehend, so manche einheimischen Irrtümer bekämpfen und nur die reine Wahrheit an ihre Stelle setzen könnten. - Was sagst Du zu dem, was ich Dir über die Bedeutung dieses Vogelfluges anzeigte?«
   05] Sagte Ich: »Darüber, Freund, werden wir nicht viele Worte verlieren! Alle solche Zeichendeutungen sind von alten Erfahrungen wohl abgeleitet, und es kann hier und da noch etwas Wahrscheinliches an ihnen kleben; aber sie sind schon unter den Griechen und besonders bei euch Römern durch allerlei phantastische Zusätze derart entstellt worden, daß nun beinahe keine völlig wahre Silbe daran klebt.
   06] Aber hier bedeutet dieser Turteltaubenflug gar nichts anderes, als daß die Tauben morgens gewöhnlich in einer größeren Menge diesem Teiche zueilen und da Wasser nehmen, damit sie dann zu ihrem Herumfliegen größere Kraft erhalten; denn ohne Wasser könnte am Ende kein Vogel mehr fliegen.
   07] Warum aber ein jeder Vogel zum Fliegen des Wassers benötigt, das könnet ihr jetzt noch lange nicht begreifen; aber die Menschen in den kommenden Zeiten werden auch hinter solche Geheimnisse nach und nach kommen. Sieh, nun haben diese Vögel ihren Durst gestillt, und sie erheben sich und fliegen wieder zumeist dahin, von woher sie gekommen sind! Lassen wir sie fliegen!«
   08] Als Markus solches von Mir vernommen hatte, da fragte er nicht mehr nach der Bedeutung der Zeichen und betrachtete wieder ganz wohlgemut die Szenen des schönen Morgens.
   09] Als wir alle so recht heiteren Mutes die schönen Morgenszenen betrachteten, die dadurch an Lebhaftigkeit gewannen, daß die Hirten ihre Tiere auf die Weideplätze hinaustrieben und andere Menschen an ihre Feldarbeiten hinauszugehen begannen, da fingen am Aufgangshorizont eine Menge der sogenannten Lämmerwölkchen sich zu bilden an, die, vom Lichte der dem Aufgange sich schon sehr nahenden Sonne stark erleuchtet, einen überaus schönen Anblick gewährten.
   10] Da sagte der Römer Markus: »Herr und Meister, wahrlich, dieser Morgen ist so schön, daß ich mich gar nicht erinnern kann, jemals einen noch schöneren gesehen zu haben! Da könnte man schon beinahe sagen: In Deinen wirklichen Himmeln kann es auch nicht schöner und herrlicher aussehen!«
   11] Sagte Ich: »O du Mein Freund, du bist nun wohl sehr heiter erregt in deiner Seele und machst da einen Vergleich mit dem wahren, ewigen Himmel, da du ihm diese vergängliche Morgenpracht gleichstellst, und es ist dir das sehr zu verzeihen, weil du dir auf dieser Erde von der endlosen, unvergänglichen Schönheit und Herrlichkeit der Himmel Gottes nicht den allerleisesten Begriff machen kannst! Und würde Ich dich nur einen Augenblick im Geiste dahin versetzen, so könntest du nicht mehr auf dieser Erde leben, denn die zu unbeschreibbar große Anmut der Himmel, das Licht, die Freundlichkeit und des Lebens höchstes Wohlgefühl würde dein Fleisch in einem Augenblick vernichten und die Sinne deiner Seele derart ermatten und betäuben, daß sie selbst dahinfiele und lange wie tot und völlig bewußtlos daläge. Ich müßte ihr dann die Erinnerung des Geschauten und Empfundenen völlig wegnehmen, ansonst (für sie) eine Existenz irgend gewisserart außer den Himmeln nicht mehr denkbar möglich wäre. Darum muß aber auch eine jede Seele von Stufe zu Stufe geleitet und geführt werden und muß pur und lauter werden wie reinstes Gold, auf daß sie fähig wird, in die endlosen Freuden der Himmel Gottes einzugehen.
   12] Siehe, das Licht der irdischen Sonne ist gegen das Licht der Himmel fürwahr so gut wie eine barste Finsternis, und doch vermagst du mit deines Leibes Augen nicht unverwandt hineinzuschauen; und tätest du das nur eine halbe Stunde lang, so würdest du erblinden. Was würde aber dein ungewohntes und zum Schauen des höchsten Lichtes nicht eingerichtetes Auge dann beim Anblicke des eben höchsten und mächtigsten Lichtes tun, so es von Mir zugelassen würde, selbes zu erblicken?
   13] Daher, Mein lieber Freund, ist deine freudige Erregung beim Anschauen dieses schönen und heiteren Morgens wohl recht gut, und ein Mensch, der also fühlt wie du, hat sicher ein gutes Herz und ist im ganzen schon als ein besserer und edlerer anzunehmen, - aber zu meinen, daß die Himmel Gottes auch kaum etwas Herrlicheres aufweisen könnten, als wie herrlich da ist dieser Morgen, das wäre ein großer Irrtum! Aber Ich bin sonst mit deiner Empfindung ganz zufrieden.«
   14] Sagte darauf Markus: »Herr und Meister, als wir in den ersten Tagen nach unserer Ankunft am Ölberge bei Dir waren, da zeigtest Du uns auf einige Augenblicke die Schatten von zahllos vielen Engeln, die in einer Art lichtvollen Luft schwebten, sich regten und bewegten und von Dir zeugten. War das noch nicht der eigentliche Himmel?«
   15] Sagte Ich: »O ja Freund! - aber ebenso verhüllt und verdeckt, wie verhüllt und verdeckt der Erzengel Raphael vor euch sich zeigt. Könntest du ihn in seiner rein himmlischen Glorie und Schönheit erschauen, so würde dir das den Leib augenblicklich töten und deine Seele auf lange hin betäuben. Es ist darum sein inneres Wesen mit einer Art körperlichen Umkleidung verhüllt, auf daß die, mit denen er umgeht und verhandelt in Meinem Namen, seine persönliche Gegenwart ertragen können. Darum sagte Ich euch ja, daß es keines Menschen Auge je geschaut, kein Ohr gehört und keines Menschen Sinn je empfunden hat, welche Freuden und Seligkeiten Gott denen, die Ihn über alles wahrhaft lieben, in den Himmeln bereitet hat.
   16] Sehet, ihr alle befindet euch nun fürwahr als in Meiner nächsten Nähe leiblich und auch geistig durch euren Glauben an Mich und durch eure Liebe zu Mir im allerhöchsten und vollkommensten Himmel zwar, aber ihr dürfet von der Gestalt desselben dennoch nichts gewahren, weil ein solches Gewahren eure Leiber töten würde, solange ihr im Geiste noch nicht vollends wiedergeboren seid! Wenn ihr aber im Geiste vollends wiedergeboren sein werdet, dann werdet ihr auch der Himmel Gestalt, die aus eurem Geiste wie ein Baum aus dem Keime des Samenkorns hervorgehen wird, zu gewahren anfangen. - Aber nun wird unsere Sonne gleich über den Horizont emportauchen, und das wollen wir denn auch recht aufmerksam betrachten!«
   17] Als Ich diese Rede über der Himmel Gestalt beendet hatte, da tauchte auch die Sonne in voller Majestät über dem fernen Horizont auf, während sie schon eine halbe Stunde vorher die hohen Spitzen der Berge mit ihren Strahlen vergoldet hatte. Wir betrachteten den herrlichen Aufgang so lange ruhig, bis die ganze Sonne über dem Horizont stand und ihre Strahlen auch die Täler zu erleuchten anfingen.


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