Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 81. Kapitel: Die Geschichte des Judenvolkes.

   01] (Der Wirt:) »Doch bald darauf erschien auf der Tribüne ein alter, würdigerer Rabbi, der - wie bekannt - noch ein Freund des alten, frommen Simeon und später auch des erwürgten Zacharias war. Als der erschien, ward alles Volk ruhig, grüßte ihn und bat ihn, daß er ihnen in dieser höchst bedrängten Lage einen gerechten und rechten Trost geben möchte.
   02] Und der Rabbi sagte: "Meine lieben Mitbrüder aus dem Schoße Abrahams! Verzeiht es meinem hohen Alter, daß ich meine Zunge nicht mehr so wie einstens zu allem Guten und Wahren in meiner Macht habe; aber am guten Willen fehlt es mir noch immer nicht, euch allen einen rechten und gerechten Trost zu geben.
   03] Die Zeichen, die wir in dieser Nacht zu sehen bekamen, vermittelt durch den Ratschluß des allmächtigen Gottes, waren wahrlich von einer solchen Art, daß dabei sogar die Heiden zu zittern anfingen, und kein Jude, sogar kein Sadduzäer und kein Samariter, konnte sie mit einem furchtlosen Gemüte ansehen. Ich aber dachte mir so in meiner alten Einfalt: Lieber Jehova! Wegen meiner Person hast Du diese gar entsetzlich schlimmen Zeichen an Deinem gestirnten Himmel doch sicher nicht zum Vorscheine kommen lassen, so wie Du auch Deine liebe Sonne nicht um meinetwillen allein je hast aufgehen und scheinen lassen; denn sie hat ja Jahrtausende vor mir schon diese Erde erleuchtet und wird sie nach mir auch - wer weiß, wie viele - Jahrtausende noch erleuchten! Ich als ein beinahe hundertjähriger Greis werde nicht lange mehr die Wohltat der lieben Gottessonne genießen. Denn in die Gräber der Verwesung dringt das Licht der Sonne nimmer; und dränge es auch hinein, so könnte es die toten Leichname doch sicher nicht mehr erfreuen. Alles auf dieser wahrlich für jeden nüchternen Denker völlig freudenlosen Welt ist vergänglich, nur die Macht Gottes nicht, die bleibet ewig; unsere Seelen aber hängen bloß von dem Willen des Allmächtigen ab. Ob sie nach dem Tode fortleben, das kann kein Mensch der vollen, einsichtlichen und klar begreiflichen Wahrheit nach begreifen und erkennen; aber Moses und alle späteren Propheten haben uns solches gelehrt, und wir müssen das glauben, - und glauben wir das nicht, so gleichen wir den Sadduzäern, die von uns abgefallen sind, weil sie von den griechischen Philosophen dazu verleitet wurden.
   04] Aber es gibt leider auch unter uns, und leider hier im Tempel, mehr Sadduzäer als unter euch draußen, also auch in dieser großen Stadt, wo die Reichen ihres Reichtums wegen nahe schon an gar nichts mehr glauben; und was sie in Glaubenssachen noch tun, das tun sie nur zum Scheine, damit das gemeine Volk allein sich vor Gott noch fürchten soll; aber im Herzen haben sie keinen Glauben und keinen Gott mehr.
   05] Das dienende, arme und gemeine Volk aber merkt das dennoch bei den Reichen und denkt sich: ,Ah, so ihr Reichen, die ihr durch eure Mittel viel erfahren und wissen könnet, weder an Moses noch an die Propheten und also auch an keinen Gott glaubet, warum sollen denn wir Armen euch zu Gefallen an das glauben, was für euch Reichen nichts ist?!'
   06] Und so, meine Lieben, treibt in einem fort ein böser Keil den andern, und wir alle stehen nun beinahe auf dem Punkt, auf welchem die Menschen zu den Zeiten Noahs und zu den Zeiten Lots gestanden sind. Damals wie jetzt hat Gott auserlesene Boten zu den Menschen auf die Erde gesandt, die alle die Gott völlig vergessen habenden Menschen mit Worten und Taten gar eindringlich ermahnt haben und ihnen auch die unausbleiblichen Folgen ihres Starrsinns genau vorzeichneten; aber die Menschen hatten sich zu weit in die tote und todbringende Welt hinein vertieft und verrannt, hörten die Gottesboten entweder gar nicht, oder sie verfolgten dieselben hartnäckig, mißhandelten sie und töteten sie wohl gar, und oft auf eine grausame Weise. Und seht, ihr meine sehr lieben Freunde und Brüder, unter uns gesagt, geradeso und vielleicht leider noch um etwas ärger steht es nun bei uns und namentlich hier in diesem Tempel!
   07] Die Juden blieben als solche eigentlich nur bis in die halbe Zeit der Richter. Damals gab es noch keine eigentliche Stadt im ganzen Lande; wohl aber Gemeinden mit notdürftigen Häusern und einzelne Wohnhütten und in der Mitte des Landes auf dem Berge Horeb die erbaute heilige Hütte, in der die Lade des Bundes sich befand, belebten das Land des Vaters Jakob. Damals benötigten die Juden keiner festen Burg, um sich in ihr gegen die auswärtigen Feinde zu schützen; denn Jehova allein war ihre feste Burg, ihr unübersteigbarer Damm und ihr scharfes Schwert. Außer Gott kannten sie keinen Herrn, lebten im tiefen Frieden, waren leiblich und geistig gesund, und kannten keine Not.
   08] Aber gegen die Zeiten der letzten Richter fingen sie schon an, in allem mehr lau und träge zu werden. Die Gebote und auch andere Satzungen fingen sie an weniger zu achten und übertraten sie zu öfteren Malen. Da bekamen sie auch gleich allerlei Ermahnungen, nach denen sich wohl die Besseren richteten; aber die Weltlicheren taten nur mehr zum Scheine etwas, in ihren Herzen aber gewann gleichfort die tote Welt den Vorrang. Solche Weltjuden wurden bald reiche und angesehene Menschen und waren mit ihren einfachen Wohnhütten nicht mehr zufrieden und auch mit den von Gott verordneten Richtern nicht, sondern sie wollten auch, gleich den Heiden, einen glanzvollen, mächtigen König haben und eine Stadt und feste Burgen. Sie verlangten endlich unter Samuel mit allem Ernste einen König, und Gott der Herr sprach: ,Da sieh dir an das undankbare Volk! Mit Meiner väterlichen Regierung, unter der es gesund, reich und überansehnlich geworden ist, will es nicht mehr zufrieden sein. Zu allen den vielen großen Sünden, die es schon vor Meinem Angesichte begangen hat, tut es noch diese größte hinzu, daß es einen König verlangt! Ja, es soll einen König haben und Städte und Burgen; aber nicht zu seinem Frommen, sondern als eine scharfe und harte Zuchtrute soll es einen König haben!"
   09] Ich sage euch das alles nur in Kürze, damit ihr desto leichter den Grund dieses gegenwärtigen gänzlichen Verfalles des wahren, alten und echten Judentums einsehet.
   10] Saul mußte schon eine feste Burg, wenn auch noch keine eigentliche Stadt haben. Da entstanden schon Kriege mit den Philistern, und die Väter mußten sich ihre Söhne und besten Knechte vom König in den Krieg nehmen lassen und dazu noch ihre besten Ochsen. Esel, Kühe, Kälber und Schafe hergeben. Das war sonach schon der erste Segen eines Judenkönigs, während Samuel noch lebte, der auf Gottes Geheiß den Saul zum Könige salbte. Samuel meinte nun, daß das Volk durch solche Züchtigung in sich gehen und reuig wieder zur Gottesregierung zurückkehren werde. Aber mitnichten! Es wollte nur einen mächtigeren und weiseren König, und Samuel salbte den David, der bald die Stadt Bethlehem erbaute und zur Stadt Jerusalem den Grund legte. Sein Sohn Salomo baute mit großen Kosten und mit großer Pracht die Stadt aus und den Tempel; aber das Volk versank dabei schon in eine große Armut und mußte sich allerlei Drangsale gefallen lassen.
   11] Wie es dem Volke nachher unter den späteren Königen bis gegen die babylonische Gefangenschaft erging, das wissen wir aus den Büchern der Chronika. Man sollte aber meinen, daß die vierzig Jahre lang dauernde Gefangenschaft die daraus wieder befreiten Juden völlig anderen Sinnes machen werde; doch nein, sie mußten wieder Könige und, gleich den Heiden, Priester und Hohepriester haben!
   12] In dieser Zeit, nahe bis auf uns herab, sandte der Herr die meisten Propheten, die das Volk zu Gott zurückriefen. Doch das durch die Könige und Priester schon zu finster und taub gemachte Volk vernahm und verstand nichts mehr von dem, was ihm die Propheten verkündeten. Dazu verfolgten die Könige und die Priester noch die Propheten, und das oft mit der empörendsten blinden Rache und Wut, - wie ihr derlei Szenen schon selbst erlebt habt und leicht noch mehrere erleben werdet, obschon die Juden in dieser Zeit und schon lange vorher keinen eigenen König mehr haben, sondern sich die eherne Oberherrschaft der Heiden gefallen lassen müssen.
   13] Gott hat Sich aber auch diesmal Seines Volkes hoch erbarmt und hat uns einen Messias in der Person des Weisen aus Nazareth nach der Verheißung gesandt, den ich schon von Simeons Zeiten an kenne, da Ihn auch Simeon im Tempel erkannte, Ihn beschnitt und Ihm den Namen Jesus gab. Ich kann und darf euch das nur bei dieser außerordentlichen Drangsalsgelegenheit sagen, und was ich als ein hoher Greis euch nun sage, das ist hohe und heilige Wahrheit. Aber diese über alle Maßen herrschsüchtigen Erztempler verfolgen ja jeden mit der größten Rachgier, der so etwas zu einer andern Zeit aussprechen würde.
   14] Und sehet, da ich nun alles Notwendige kurz vorausgesandt habe, so kann ich euch nun sagen, wie die heutnächtlichen schrecklichen Erscheinungen von Gott zugelassen worden sind! Der Erztempeljuden Sündenfrevelgröße hat das ihr von Gott gestellte Maß nahe bis an den Rand voll gemacht, und die große Geduld Jehovas hängt kaum noch an einem Haare! Wenn das Maß voll wird, so wird auch mit Jerusalem das geschehen, was ihr im zweiten Zeichen gesehen habt, und das vielleicht schon eher noch, als da fünfzig volle Jahre vergehen werden.
   15] Die zwölf Feuersäulen, die am Ende in eine zusammenflossen, zeigten offenbar das verschmelzen der zwölf Stämme Israels in einen, nämlich in den gekommenen Messias, der am Ende, da Er von den blindesten und bösesten Erztempeljuden nicht angenommen ward, wieder dahin auffuhr, von wannen Er gekommen ist.
   16] Es war aber später im Westen, wie es mir der weise Nikodemus soeben erzählt hat, noch ein drittes Zeichen von sehr tröstender Art zu sehen, aber freilich nur für jene, die den Messias angenommen haben, an Ihn glauben und nach Seiner Lehre, die göttlich weise ist, handeln. Doch davon kann euch eben Nikodemus später ein mehreres sagen, weil er auch die besagte dritte Erscheinung selbst gesehen hat."
   17] Hierauf empfahl der Greis ihnen, das heißt dem Volke, alle Geduld und trat von der Rednertribüne ab. Und alles Volk lobte den alten Redner.
   18] Und der Bethlehemer sagte: "Ja, das ist noch ein Alter nach der Art Aarons; aber er allein kann gegen die vielen auch nichts machen! Was aber im Ernste sehr viel sagen will, ist das, daß sich im Tempel am Ende doch noch auch unter den Pharisäern und Schriftgelehrten etwelche vorfinden, die an den Heiland aus Nazareth glauben!"
   19] Es wurden noch mehrere Betrachtungen der Art gemacht, und man harrte mit Sehnsucht auf den ehrlichen und biedern Nikodemus, der noch ein wenig auf sich warten ließ.«


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