Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 7 Index

Kapitelinhalt 82. Kapitel: Rede des Nikodemus an das Volk.

   01] (Der Wirt:) »Es vernahm aber irgend hinter einem Vorhange so ein rechter Erzpharisäer im Volke die starke Befürwortung des Glaubens an den Heiland aus Nazareth, trat hervor, bestieg die kleine Tribüne und sagte: "Ich sage euch aus meiner oberpriesterlichen Machtvollkommenheit: Wer da an den Heiland aus Nazareth glaubt und sagt, daß dieser der verheißene Messias sei, der ist vom Tempel aus verflucht!"
   02] Er hatte aber diese schmähliche Sentenz noch kaum völlig ausgesprochen, da war seine Tribüne schon vom Volke umringt, und alles Volk schrie ihn also an: "Und wir aber sagen: Wer immer da nicht glaubt, daß der Heiland aus Nazareth unfehlbar der verheißene Messias ist, der ist von uns aus verflucht! Und so aber ein elender Schweinewicht von einem Oberpharisäer, der den wahren Messias eher denn das Volk erkennen sollte, in seiner blinden Herrschwut solch eine Sentenz gegen uns auszusprechen wagt, der ist von uns siebenmal verflucht und hat den Tod verdient! Du Schweinehund du, sahst du die Zeichen dieser Nacht nicht? Haben auch diese deinen zottigen Pelz nicht zu durchdringen vermocht? Na warte, du Schweinehund von einem Oberpharisäer, wir werden dir deinen zu dichten Pelz schon dünner und durchdringlicher machen! Du bist uns gerade recht in den Wurf gekommen; denn auf dich, du elender Schweinehund, haben wir es schon lange scharf abgesehen!"
   03] Als der Oberpharisäer solche Begrüßungen aus dem Volke vernahm, fing er an, um Hilfe zu rufen.
   04] Aber das Volk schrie noch mehr: "Nieder mit dem Gotteslästerer!"
   05] Hier drängte sich unser riesiger, wahrer Goliath von Bethlehem zu dieser kleineren Tribüne, griff mit seiner kräftigen Hand nach dem Oberpharisäer, schüttelte ihn zuerst derart, daß ihm dabei auf eine Zeitlang schier Hören und Sehen verging, dann hob er ihn von der Tribüne herab und trug ihn zu jenem Vorhang hin, durch den er ehedem in die große Tempelhalle gekommen war, gab ihm dort noch ein paar ordentlich glänzende Backenstreiche und sagte dann mit einer wahren Donnerstimme zu ihm: "So wird in Zukunft das sehend gewordene Volk Priestern deiner Art Opfer und Zehent abliefern! Jetzt gehe aber, und laß dich ja nimmer sehen, sonst kostet es dein Leben!"
   06] Da raffte sich der ganz schwindlig gewordene Oberpharisäer in aller Eile zusammen und verkroch sich bebend in irgendeinem Winkel seiner Behausung.
   07] Gleich nach dieser Begebenheit erschien ein römischer Abgesandter vom Landpfleger, stieg auch auf eine Kanzel, die für weltliche Redner und Verkünder bestimmt war, und sagte: "Der Landpfleger läßt euch im Namen des Gesetzes ermahnen, daß ihr euch aller Tätlichkeiten enthalten sollet; doch reden könnet ihr, wie ihr nur immer wollet und könnet! Ihr sollet bedenken, daß dieser Tempel zur Ehre eures Gottes erbaut worden ist, und da soll alles Ungebührliche vermieden sein! Geschieht aber jemandem von irgendeinem dummen Tempelpriester oder -diener irgendein Unrecht, so komme er nur zu uns, und es wird ihm sein volles Recht zuerkannt werden!"
   08] Unser Goliath aus Bethlehem dankte für diese wohlgemeinte Ermahnung, setzte aber doch hinzu: "Deine Ermahnung, für die ich dir im Namen des ganzen Volkes gedankt habe, war sicher völlig gut; aber wenn einmal die Kräfte der Himmel anfangen, ihren Willen mit ihren allmächtigen Händen an das große Firmament hinzuzeichnen, da hat das menschliche Gebieten auf dieser Erde bald sein Ende erreicht!"
   09] Sagte der Römer: "Freund, das wissen wir auch und erkennen den Wahrspruch: Contra Jovem fulminantem tonantemque non valet vis ensis, et contra vim coelorum vane frustraque pugnat ars mortalium (Gegen den blitzenden und donnernden Zeus vermag die Gewalt des Schwertes nichts, und gegen die Kraft der Himmel kämpft vergeblich und umsonst die Kunst der Sterblichen.) sehr an; aber mit einer gewissen Brutalität der sterblichen Menschen unter sich werden wir Menschen die unsterblichen und unbesiegbaren Kräfte und Mächte der Himmel auch nicht um ein Haar anders stimmen! Die gemessene und bescheidene Ordnung ziemt sich für uns sterbliche Menschen noch immer am allerbesten, und ein ordentlicher und ruhiger Mensch wird auch dann noch nicht verzagen, wenn selbst der ganze Erdkreis in Trümmer zusammenzustürzen begänne. Das ist so meine Meinung! Darum beachtet den Wunsch des Landpflegers! Dixi (Ich habe gesprochen.). "
   10] Hierauf empfahl sich der Römer, und das Volk lobte seine Mäßigung.
   11] Aber gleich darauf erschien Nikodemus auf der großen Tribüne und wurde vom Volke mit großem Jubel begrüßt. Er aber sagte: "Meine Freunde und Brüder! Ich habe euch eigentlich nichts Neues zu sagen, bin aber dennoch gekommen, um euch das zu bestätigen, was euch auf eben dieser Tribüne mein ältester und auch bester Freund schon gesagt hat. Es verhält sich wahrlich alles also, wofür ich euch sogar mit meinem Leibesleben bürgen kann, und es freut mich nun um so mehr, daß ich hier in dieser geheiligten großen Tempelhalle mit Menschen zu tun habe, die sicher in allen Stücken meine Ansicht, wie auch meine innerste und vollste Überzeugung mit mir teilen.
   12] Es hat sich zwar vor mir auf jener kleineren Tribüne ein anmaßender Oberpharisäer vor euch auf eine höchst ungebührliche Weise vernehmen lassen, ohne daß ihn jemand aus unserem Priesterrate nur mit einer Silbe dazu aufgefordert hätte; aber ihr habt ihn meines guten Wissens dafür auch gebührend entschädigt. Er hat sich beim Hohen Rate darob wohl beklagt - was zwar in dieser Zeit eben nicht gar zuviel sagen will -, doch bekam er bald den Bescheid: Alles zur Unzeit bringt Schmerz und Leid! Es sei bei der leicht begreiflichen großen Aufgeregtheit des Volkes mehr als unklug, etwas vorzubringen, was es in einem ganz ruhigen Zustande nimmer zu ungünstig aufnehmen würde.
   13] Als der höchst unbescheidene Oberpharisäer solchen Bescheid vernahm, empfahl er sich bald mit seinen ziemlich angeschwollenen Backen, und ich ward vom gesamten Rate abgeordnet, euch zu sagen, daß ihr nur bei dem verbleiben sollet, was euch mein Vorgänger verkündet hat. Aber da ihr nun alle solchen Trost hier im Tempel gefunden habt, so sollet ihr Gott kurz in euren Herzen einen rechten Dank darbringen und euch dann ruhig in eure Heimat begeben! Und solltet ihr welchen begegnen, so möchtet ihr ihnen auch dasselbe kundtun, damit sie nicht den weiten Weg hierher vergeblich machen, weil für heute nachmittag und morgen, als am Vorsabbat, der Tempel, wie immer, geschlossen bleibt."
   14] Hierauf fragte das Volk Nikodemus noch wegen der Bedeutung des dritten Zeichens, das er nach der Aussage seines greisen Vorgängers selber gesehen haben solle.
   15] Nikodemus aber sagte: "Das werde ich euch auch noch tun, aber unter uns etwas leiser gesprochen, weil unsere Wände viele Ohren haben! Aber erwartet mich nachmittags auf dem Wege, der nach Emmaus führt! Dort werde ich zu euch kommen und euch das dritte Zeichen treu und wahr kundtun und es euch auch erklären, so gut es mir nur immer möglich sein wird."
   16] Damit war das Volk zufrieden und fing an, den Tempel zu verlassen.
   17] Ich und dieser, mein Freund, gingen auch und trafen eben beim Fortgehen Deine beiden Jünger, die uns von Dir Nachricht gaben, der zufolge wir denn auch sogleich hierher geeilt sind.


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