Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 237

Himmel und Hölle.

   01] Hier trat der Römer zu Mir hin und sagte: »Herr und Meister, daß Dir alles in der ganzen Unendlichkeit bekannt ist vom Größten bis zum Kleinsten, davon bin ich vollkommen überzeugt, und niemand kann mir mehr diese für mich seligste Überzeugung nehmen! Es ist nun aber schon mehrere Male von der Hölle die Rede gewesen, und ich muß es offen bekennen, daß ich noch immer nicht im geringsten weiß, was ich eigentlich aus ihr machen soll. Ist sie irgendein höchst finsterer und trauriger Ort, an dem die Übeltäter für ihre Sünden ewig gepeinigt oder ohne Unterlaß gemartert werden, oder sind all die großen Martern am Ende, nach Deiner ewigen Liebe und Güte zu urteilen, doch nur die äußersten Mittel, um am Ende selbst die bösesten Geister nach etwa einer undenkbar langen Zeit zur wahren Erkenntnis zurückzuführen? Wo ist der unselige Ort, und wie sieht er aus?«
   02] Sagte Ich: »Mein sehr werter Freund, davon kannst du dir bei Meinen alten Jüngern die ganz genaue Kunde einholen - denn denen habe Ich alles gezeigt -; aber daneben liegt dennoch so manches in der ewigen Liebe und Weisheit Gottes, das du, so Ich es dir auch sagete, nun nimmer verstehen könntest. Im übrigen ist die Hölle für sich sowenig irgend ein bestimmter Ort wie der Himmel selbst, sondern die Hölle wie der Himmel hängen ganz nur von dem inneren Zustande des Menschen ab.
   03] So können ein Engel und ein ärgster Teufel knappst nebeneinander sein, stehen oder sitzen, und sie sind geistig dennoch endlos voneinander entfernt, und der Engel befindet sich unbeeinträchtigt von dem ihm naturgemäß höchst nahe stehenden Teufel (ganz wohl im Himmel), und also befindet sich auch der Teufel in der Hölle und weiß nicht das allergeringste von dem ihm so überaus nahe stehenden Engel. Allein das kannst du nun so leicht nicht fassen; denn die geistigen Verhältnisse sind ganz andere als die diesirdischen.
   04] Doch für einen sehr aufmerksamen Beobachter finden sich auch hier so manche ähnliche Erscheinungen, die mit jenen jenseitigen in der genauen Korrespondenz stehen. So zum Beispiel kannst du einem Menschen, der innerlich dein größter Feind ist und Tag und Nacht studiert, wie er dir auf die allerempfindlichste Weise schaden könnte, physisch nah und geistig fern sein. Er kann dich auf einer so hohen Stelle nicht ausstehen, weil er sie lieber selbst bekleidete; er ist aber weltklug und weiß seine innere Gesinnung vor dir so zu verbergen, daß du sie auf keine denkbare Weise auch nur ahnen kannst. Wenn du also zu ihm kommst, so wird er dich mit der größten Artigkeit empfangen und dir alle Ehren antun, wogegen er in der Wirklichkeit, wenn es keine so strengen Strafgesetze gäbe, dich sogleich hätte vernichten mögen. Aber er dachte sich: »Du bist nun hoch oben und ich noch tief unten! Du mußt mir noch zuvor in die Höhe helfen, und bin ich einmal hoch oben, dann wird schon gesorgt werden, dich in den Abgrund zu stürzen!« Siehe, das ist schon ein vollkommener Teufel, und er befindet sich schon mit Leib und Seele in der Hölle, während du als ein allzeit rechtschaffener und biederer Mann dich also im Himmel befindest.
   05] Nun siehe, wenn du und dein arger Nebenmann euch nebeneinander befindet, so sind physisch genommen Himmel und Hölle knapp nebeneinander; aber es kann dir die Hölle dennoch nichts anhaben, weil zwischen euch beiden das Gesetz eine schroffe und unübersteigliche Scheidewand bildet. Aber wie himmelweit ist euer moralischer Zustand verschieden und wie weit voneinander entfernt!
   06] Sieh, hier hast du ein Bild des Himmels und der Hölle, wie die beiden voneinander abstehen! Und nun will Ich dir noch ein Beispiel geben, wie die Hölle in sich beschaffen ist; und so habe denn wohl acht!
   07] Stelle dir aber zwei Menschen vor, etwa zwei benachbarte, höchst stolze und herrschsüchtige Könige! Sie stehen äußerlich in der besten Freundschaft. Wenn einer den andern besucht, so überbieten sie sich an Zuvorkommenheiten und umarmen und küssen sich als die besten und intimsten Freunde; aber heimlich für sich denkt und wünscht ein jeder: »Oh, wenn ich dich nur schon bald unter meinen Füßen im Staube zertreten sähe!« Ein jeder lauert nur auf eine schickliche und ihm günstige Gelegenheit, um seinen ihm über alles verhaßten Nachbar gänzlich vernichten zu können. Wer aber schon höchst begierlich ist, mit seinem Nachbar einen Krieg zu beginnen, der findet auch bald einen Grund dazu. Kurz, die beiden überfallen sich bald mit einem Kriege, und der Stärkere besiegt den irgend Schwächeren, und diesem bleibt nichts übrig als die Flucht.
   08] Wenn er also nur seine Haut gerettet hat, so geht er eiligst zu einem dritten noch mächtigeren Nachbar, erzählt ihm sein Unglück, verrät auf das kleinste seinen früheren Freund und macht dem dritten Vorschläge, wie er ganz leicht zu besiegen wäre und bietet sich selbst zum Führer an. Darauf werden bald um guten Sold Reisige geworben, und unversehens wird der frühere Sieger, ehe er sich's versieht, überfallen und aller seiner Güter und Länder beraubt. Wenn der nun zum zweiten Besiegte sich noch durch die Flucht retten kann, so wird er bald einen Vierten finden, der gegen den Dritten zieht und ihn möglicherweise besiegt, und die Geschichte hat dann eine Weile scheinbar Ruhe. Die Besiegten aber ruhen in ihrem Innern gar nicht, sondern ein jeder sucht für sich die Gelegenheit, sich an allen Siegern auf das beispielloseste zu rächen. Und sieh, so treibt ein solches rein höllisches Gemüt sein innerer böser Wurm, der nicht stirbt, immer weiter und weiter!
   09] Und wie du nun im Beispiel von den beiden Königen gesehen hast, so ist die ganze Hölle bestellt. Wie willst du in diesen Wesen eine Besserung ihres schwarzen Gemütes bewirken?! - Wie gefällt dir diese Sache?«


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