Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 236

Jesu geistige Allgegenwart. Die Ersten werden die Letzten sein! Warnung vor Eifersucht und Hochmut.

   01] Sagte Philippus: »Ja, Herr, so Du immer also, wie jetzt, bei uns bliebest, dann ginge es freilich wohl; aber Du wirst nach Deiner oftmaligen Ankündigung also nur noch eine kurze Zeit unter uns verbleiben, und dann wird es nicht so wirksam gehen wie jetzt, wo Du sichtbar unter uns wirkst!«
   02] Sagte Ich: »Ich werde euch wohl wesentlich verlassen, das heißt mit dem Wesen dieser Meiner Persönlichkeit, da solches geschehen muß, damit Ich für euch wie für alle, die durch euch an Mich glauben werden, eine ewige, allerseligste Wohnstätte bereite; aber mit Meinem Geiste, der die Unendlichkeit erfüllt, bleibe Ich bei euch bis ans Ende der Welt, und das wirksamer denn jetzt, und ihr werdet dann noch Größeres wirken denn Ich Selbst nun.
   03] In wem Meine Lehre, also Mein Licht und somit die ewige Wahrheit, verbleibt, in dem verbleibt auch Meine Kraft und Meine Macht. Was wollt ihr dann noch mehr?«
   04] Sagte Philippus: »Herr, Dich Selbst, da wir Dich über alles lieben!«
   05] Sagte Ich: »Auch das soll euch völlig gewährt sein; denn wahrlich sage Ich euch: Wo je nur zwei oder drei ernstlich in Meinem Namen versammelt sein werden, da werde auch Ich mitten unter ihnen sein, und das entweder sichtbar oder wahrnehmbar wirkend im Geiste, und das wird etwa doch auch Meine Wesenheit sein?!
   06] Seht, in den späteren Zeiten, wenn die Menschen mehr und mehr in allerlei Wissenschaften und Künsten bewanderter sein werden, als sie jetzt sind, da werde Ich sichtbar wohl nur höchst selten unter ihnen erscheinen, aber desto bündiger wirken durch Meinen Geist. Und Ich sage es euch: Diese Menschen werden um so seliger werden, weil sie das, was ihr nun sehet, nicht sehen, aber dennoch ungezweifelt glauben und danach leben werden! Ihr liebt Mich, weil ihr Mich sehet; die in den künftigen Zeiten aber werden Mich lieben, ohne Mich je gesehen zu haben. Wie erst werden sie Mich dann lieben, so sie Mich sehen werden in Meinem Reiche! Darum habe Ich euch schon einmal ein Bild gezeigt, wo es geheißen hat: Und so werden leicht die Ersten die Letzten und die Letzten die Ersten werden! Denn wahrlich, es gehört mehr dazu, nichts zu sehen und doch zu glauben und zu leben nach dem Glauben, als alles zu sehen und dann erst zu glauben und danach zu leben! - Seid ihr alle nicht auch dieser Meinung?«
   07] Sagte nun Lazarus: »Das ist ganz sicher; denn nichts zu sehen und dennoch überfest zu glauben, ist offenbar von größerem Verdienste, als alle die vielen Zeichen zu sehen und die vielen Reden und Lehren, die einen mit unwiderstehlicher Gewalt zum Glauben zwingen, aus dem rein-göttlichen Munde zu hören, und darauf erst zu glauben. Und so wird der Schwächste im Glauben an Dich, o Herr, und doch mit dem gewissenhaften Handeln danach offenbar eher den höchsten Himmel verdienen als unsereiner, der den stärksten Glauben hat, den untersten. Oh, das ist mir wenigstens ganz einleuchtend!«
   08] Sagte hier der Jünger Andreas: »Mir noch nicht! Können wir denn dafür, daß wir gerade jetzt auf der Welt sind? Wir werden doch in dieser ersten sehr kritischen Zeit Last und Hitze zu tragen haben, und dafür sollen wir dann ohne unser Verschulden die Letzten sein? Das klingt wahrlich etwas sonderbar!«
   09] Sagte Ich: »Das klingt nur dem sonderbar, der Meine Worte noch immer nicht versteht! Ist denn das etwas, wenn jene Menschen so angesehen werden wie ihr Ersten und ihr Ersten nicht für mehr denn sie als die Letzten?! Oder wenn du einmal selig in Meinen Himmeln sein wirst, wirst du darum dann etwa weniger selig sein, wenn der Letzte auch so selig sein wird wie du? Siehe, wie sehr blind du noch bist!
   10] Ich sage euch: Die Eifersucht findet leider auf der Erde statt, - aber im Himmel wird davon ewig nichts mehr zum Vorscheine kommen; denn ein Eifersüchtiger wird da nicht hineinkommen.
   11] Im Himmel wird nur der der Erste und Größte sein, der sich der Geringste und Kleinste dünken wird; denn das werde euer Ruhm, daß ihr alle den Kindlein gleich werdet in eurem Gemüte! Wer in seinem Gemüte nicht wird wie die Kinder, der wird ins Reich Gottes nicht eingehen können; denn der Weg zum Himmel ist ein gar enger und ist belegt mit allerlei Dornen. Das größte Dornenhindernis aber ist und bleibt der Hochmut und die ganze Legion seiner Abarten.
   12] Darum hüte sich ein jeder vor dem Ehrgeiz, weil er der Vater des Neides, der Selbstsucht und am Ende, wenn er seine Nahrung findet, des dicksten Hochmuts ist, der in der Hölle seine Urheimat hat! - Hast du, Mein Jünger, das verstanden?«
   13] Sagte Andreas: »O ja, und ich danke Dir, o Herr, inbrünstigst für diese Deine gar so heilsame Belehrung!«
   14] Sagte Ich: »Es ist schon wieder alles ganz gut. Wer danach handeln wird, der wird das ewige Leben ernten.«


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