Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 212

Agrikola deutet Weissagungen aus Jesaias.

   01] Der Römer schritt nun zur zweiten Frage und sagte: »Habe denn acht! Also lautet klar die zweite Frage: Wie verstehet ihr denn diesen Text aus demselben Propheten, der also lautet:
   02] 'Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über die, welche da wohnen im finstern Lande, scheint es helle.'
   03] Wo ist das Volk, das im Finstern wandelt? Wo ist das finstere Land, und wer ist das Licht? Beantworte mir diese sicher ganz leichte Frage!«
   04] Der verschmitzte Pharisäer merkte gar wohl, was der Römer aus seinem Munde herausholen wollte und blieb deshalb abermals stumm.
   05] Als aber der Römer ihn noch einmal aufforderte, daß er reden solle, sagte der Pharisäer: »Das ist abermals eine Frage, die nur im Tempel beantwortet werden kann, und daselbst auch nur unter vier Augen und bei verschlossenen Türen. Darum kann ich sie dir hier nicht beantworten.«
   06] Sagte der Römer: »Ich sehe, daß du hier ganz offen eine Unwahrheit sagst. Siehe, ich habe sogar in Rom auf offenem Felde aus dem Munde eines eurer Apostel alle eure Propheten vortragen und erklären hören, und das durchaus nicht schlecht! Der Apostel hielt seine Vorträge beinahe ein ganzes Jahr hindurch offen, und wer sich einzeln in seine Sache tiefer und klarer einweihen lassen wollte, zu dem kam er ins Haus und unterwies ihn um ein beliebiges Honorar. Ich selbst habe mich volle drei Jahre hindurch privatim von ihm unterrichten lassen. Der Apostel war seinen Zeugnissen zufolge auch ein Priester aus diesem eurem Tempel. Warum konnte und durfte denn er uns Römern sehr weit außerhalb dieses eures Tempels die Propheten erklären, und warum nun du nicht? Siehe, da werde schon wieder ich dir den wahren Grund sagen, weswegen du mir diesen Text nicht erklärend beantworten willst! Höre! Du fürchtest das Volk hier, - obschon du vor Gott, an den du nicht glaubst, gar keine Furcht hast! Denn das Volk weiß es, daß es eben das Volk ist, das durch euch Schriftgelehrte im Finstern wandelt, und daß auch eben dieses Land es ist, das durch euch finster gemacht wurde schon seit lange her.
   07] Aber dort an jenem Tische sitzet das große Licht, das vom Volke nun gar wohl gesehen wird; denn es scheint gar hell in diesem finstern Lande. So das Volk aber dieses Licht aus Gott wohl erschaut und darob sehr fröhlich ist, warum denn ihr nicht? Ihr wollet es nicht ansehen, weil ihr voll Hochmutes, voll Selbstsucht und voll der unbegrenztesten Herrschgier seid und haben wollet, daß Sonne, Mond und alle Sterne und der ganze Erdkreis sich unter euer Zepter beugen sollen. Darum aber wird auch jüngst mit euch das geschehen, was eben der angeführte große Prophet über euch geweissagt hat, indem er im zehnten Kapitel vom 16. Verse an sagte:
   08] 'Darum wird der Herr Zebaoth unter Seine Fetten (die ihr seid) die Dürre (euren Starrsinn) senden, und Seine Herrlichkeit (Seine größte Macht und Weisheit) wird Er vor euch anzünden (wie es hier soeben der Fall ist), daß sie brennen wird wie ein mächtiges Feuer.'
   09] Dieses Licht, das dort unter uns sitzet, ist das Feuer nun in Israel, und Sein Heiliger dort ist die Flamme und wird euch als Seine Dornen und Hecken anzünden und verzehren an einem Tage. Die alte Herrlichkeit Seines Waldes und Seines Feldes soll zunichte werden. Wer Sein Wald und Sein Feld ist, brauche ich euch wahrlich nicht näher zu bestimmen! Von euren Seelen bis auf die letzte Fiber eures Fleisches, das nun euer wahrer Gott ist, werdet ihr zunichte werden und werdet zergehen wie die Butter an der Sonne und verschwinden wie ein Morgennebel in ihren Strahlen. Ihr als die übriggebliebenen Bäume Seines Waldes werdet leicht von einem Knaben gezählt und aufgeschrieben werden.
   10] Sehet, ich als ein Römer verstehe eure Schrift besser denn ihr ersten Juden in der Mitte eures Landes und in der Mitte eurer Gottesstadt! Aber es macht das nun nichts. Die Wette ist gemacht, und ein Römer steht nicht ab von dem, um was er einmal vor Zeugen gewettet hat. Die zweite Frage ist auch verloren, und so denn schreiten wir zu der dritten!«
   11] Sagte der Pharisäer: »Verlieren wir nun schon, weil wir die ersten zwei Fragen nicht beantworten konnten?«
   12] Sagte der Römer: »Oh, ihr habt es mit keinem Gewinnsüchtigen zu tun! So ihr nur eine meiner zehn Fragen richtig beantwortet, so habt ihr die Wette gewonnen! Ich aber frage euch, um was ich will. So ihr darauf mich fragen werdet - wie wir es ausgemacht haben -, so werde auch ich euch nicht vorschreiben, um was ihr mich fragen sollet. Und darum nun zur dritten Frage!
   13] Seht, ich las im Jesajas das zwölfte Kapitel, und da stand:
   14] 'Zu derselben Zeit (die nun da ist) wirst du (Israel) sagen: Ich danke Dir, o Herr, daß Du zornig gewesen bist über mich und Dein Zorn sich gewendet hat und tröstest mich. Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der Herr ist meine Stärke, mein Psalm und mein Heil. Ich werde mit Freuden Wasser (Weisheit und Leben) schöpfen aus dem Heilsbrunnen (des Herrn Liebe), und ihr Völker werdet zu derselbigen Zeit sagen: Danket dem Herrn, prediget Seinen Namen (Wort des Lebens), machet kund unter den andern Völkern Sein Tun, verkündiget, wie Sein Name (das Wort Gottes) so groß ist! Lobsinget dem Herrn; denn Er hat Sich herrlich bewiesen! Solches werde kund in allen Landen! Jauchze und rühme dich, du Einwohnerin zu Zion (die verwaiste Erkenntnis der Juden); denn der Heilige Israels ist bei dir!'
   15] Nun, mein blinder Freund, was sagst du zu dieser außerordentlichen Exklamation des großen Propheten? An wen ist diese wohl gerichtet? Ist nicht nach allen alleruntrüglichsten Zeichen der Heilige Israels unter uns?«
   16] Hier sah der Pharisäer den Römer ganz verdutzt an und sagte nach einer Weile: »Freund, sage mir doch, wo und wann du dir unsere Schrift so gut einstudiert hast! Dir sind ja alle Propheten so geläufig, als wärest du ein Schriftgelehrter des Tempels! Ich kenne dieses Kapitel wohl ganz gut; aber es hat das einen pur geistigen Sinn und bezieht sich nach meinem Urteil ganz und gar nicht auf diese unsere Gegenwart. Es sind das so ganz gewöhnliche geistige Lobesausbrüche eines Propheten, die für einen gewöhnlichen Menschen gar nicht taugen. Es ist dies eine Art Psalm auf Gott den Herrn.«
   17] Sagte der Römer: »Freund, da bist du ungeheuer schlecht beraten! Ich als ein Heide sage dir das, was nun schon Hunderttausende dir sagen würden: Der Heilige Israels sitzet dort am Tische unter jenen, die ganz gut und noch um sehr vieles besser wissen um das, was ich dir soeben gesagt habe! Du weißt es nun, wie ich es dir ganz klar bewiesen habe, daß du seit deinen Kinderjahren nie an einen Gott geglaubt hast. Was hindert dich denn nun, an diesen wahren Heiligen Israels zu glauben, von dem allein du das ewige Leben haben kannst?«
   18] Sagte der Pharisäer: »Ich bin nicht der Höchste im Tempel, und meine geschworene Pflicht ist es, zu halten, was mir des Tempels Höchster auferlegt; denn es hängt nun meine Existenz davon ab und das Heil meiner Haut. Wäre mein Stand irgendeinem Gotte nicht recht, so hätte Er es mit Seiner Weisheit und Allmacht wohl gar leicht verhindern können, daß ich nicht das geworden wäre, was ich nun bin; weil Er es aber nicht verhindert hat, nun, so bin ich denn das, was ich bin, und rede und handle nach dem, was mir der Tempel gebietet. Tue ich dadurch unrecht, so ist Gott Selbst - so Er irgend Einer ist - schuld daran, daß Er mich das hat werden lassen. Und weil ich nun einmal das bin und meine weltliche Versorgung damit gefunden habe, so bleibe ich auch das, was ich ohne mein Verschulden und Dafürkönnen geworden bin.
   19] Ich weiß es nur zu gut, daß unser ganzer Moses samt allen andern großen und kleinen Propheten nichts als ein Phantasiebild vieler alter Priester ist, und daß an irgendeiner Gottheit - ob heidnisch oder jüdisch - keine wahre Silbe haftet; aber die sternsüchtigen Menschen haben nun einmal in ihrer faulen Phantasie einen Gott aufgefunden und haben uns damit für die leichtgläubige Volksmenge ein Erbe hinterlassen, und wir Narren kultivieren und erhalten die Sache des altmenschlichen Unsinns fort, solange es geht. Hat unsere Sache einmal einen Stoß bekommen, so gehen wir offenbar unter, - was mir selbst nun schon nur zu klar ist.
   20] Darauf wird höchstwahrscheinlich dieses offenbar wunderbaren Menschen Lehre eine Zeitlang fortwuchern; aber am Ende wird auch sie ein ganz gleiches Los zu erwarten haben. Denn alles, was der sterbliche Mensch errichtet, vergeht wie er selbst; nur was irgendein uns ewig unbekannter an Gott erschaffen hat, das bleibt sich auch ewig gleich, wie zum Beispiel Sonne, Mond, Sterne und diese Erde. Und so weißt du nun von mir selbst, daß ich für mich an gar nichts glaube, aber die alten Dinge und Sachen des armen Volkes wegen aufrechterhalte, weil sonst unter dem Volke die größte Roheit ausbrechen würde, durch die alles zugrunde gehen müßte, da sich sogar jetzt bei aller unserer Wachsamkeit so manches ereignet, was der Menschheit eben nicht zur größten Ehre gereicht.
   21] Du kannst nun daraus schon ersehen, daß ich an gar nichts glaube, und schon am allerwenigsten an einen solchen Gott, der irgendwann den Menschen dieser Erde Gesetze gegeben hätte. So es einen Gott gäbe, der alles aus Sich erschaffen hätte, so hätte Er durch die Macht Seines Willens große Gesetze in die Natur gelegt; aber daß ein solches Wesen je einem Menschen irgendwelche moralischen Gesetze gegeben habe, das glaube ich für mich schon aus dem Grunde nicht, weil Er irgend vor alters nur einem für alle Menschen Gesetze gegeben habe, während nach meiner Ansicht doch alle Menschen gleich sind. Da ich mich dir nun gezeigt habe, wie ich bin und denke, so verschone mich mit Fragen aus unserer Schrift; denn ich glaube nicht an ihre Echtheit!«


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