Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 213

Unwissenheit des Pharisäers betreffs der Sonne und der Sündflut.

   01] Sagte der Römer: »Wüßte ich's doch, daß du und wahrscheinlich gar viele deinesgleichen an keinen Gott glaubet, aber dabei das Volk zum Glauben an euch zwinget und ihm allerlei nur eurem Bauche dienende Gesetze vorschreibet! Aber es macht das nun nichts; die Bedingung der Wette muß erfüllt werden! Wenn du aus der Bibel schon durchaus keine Fragen mehr haben willst, so werden wir gleich andere Fragen haben. Und so gehen wir zur vierten Frage über!
   02] Sage mir, was die Sonne in sich ist!
   03] Sieh, das ist nun eine ganz natürliche Frage! Beantworte sie, - aber richtig und wahr!«
   04] Sagte der Pharisäer: »Das wird doch eine lächerliche Frage sein! Wer kann das wissen? So eine Frage könntest du wohl einem Gotte geben, aber nicht einem Menschen! Wer ist denn bei oder gar in der Sonne gewesen, um sagen zu können, was die Sonne an und für sich ist?! Wir Menschen können nur soviel von ihr sagen, was wir an ihr sehen und wahrnehmen.
   05] Sie ist eine ziemlich große, überaus stark leuchtende Scheibe, und ihr mächtigstes Licht erzeugt Wärme und sogar, wie manchmal in der großen Wüste Ägyptens, eine solche Hitze, daß darob die Steine zu schmelzen anfangen sollen. Dann geht die Sonne auf und unter, was auf dieser Erde den Tag und die Nacht bewirkt. Dann geht sie regelmäßig im Winter tiefer im Süden und im Sommer wieder weiter oben gen Norden zu auf, welcher Wechsel das Jahr und seine vier Teile gibt. Zugleich bewirkt das Licht der Sonne nach den Abstufungen des Lichtes und der Wärme das Wachstum der Pflanzen und die Geburt der zahllos vielen Insekten. Manchmal wird sie verfinstert, was jedoch selten geschieht. Wie aber solche Verfinsterung bewirkt wird, das wird wohl kein Mensch auf der ganzen Erde wissen, wie auch nicht, wo sie (die Sonne) zur Nachtzeit sich befindet.
   06] Siehe, das ist aber auch schon alles, was wir Menschen von der Sonne wissen und wissen können, und ich kann dir darum auch nichts Weiteres sagen! Daß sie in sich wahrscheinlich ein starkes Feuer sein wird, läßt sich teilweise daraus vermuten, daß ihr Licht so weit her noch eine so große Wärme verbreitet; nur ist dabei das sehr sonderbar, daß es auf den hohen Bergen stets um ein bedeutendes kälter ist als hier unten in der Tiefe, obschon die hohen Bergspitzen der Sonne näher sind als diese Tiefe. Weiter wissen wir Menschen - wie schon gesagt - nichts mehreres und Näheres von diesem Himmelsgestirn. - Hast du gegen diese Antwort auch etwas einzuwenden?«
   07] Sagte der Römer: »Oh, nur zu viel! Denn was du da gesagt hast, das weiß ein jeder noch so gemeine Tagewerker, der kein Schriftgelehrter ist und seine Weisheit, die, so wie die deinige, wahrlich nicht weit her ist, vom Volke nicht förmlich anbeten läßt, wie das eben ihr vom Volke verlanget. Warum wissen denn wir Römer und die vielen Jünger unseres großen Meisters und Herrn auch sehr genau darum, und warum du nicht? Sieh, darum, weil du an keinen Gott glaubst, so wie die meisten deinesgleichen! Kommt aber jemand, der euch in allerlei Weisheit führen könnte, so verfolget ihr ihn gleich aus allen euren Kräften; denn ihr fürchtet, daß seine überwiegende Weisheit eurer alten, verrosteten Dummheit Ansehen sehr schmälern könnte. Und so wollet ihr selbst nichts Höheres lernen und erfahren und lasset es auch nicht zu, daß es eure stockblinden Bekenner lernen und erfahren. Darum seid ihr selbst aber auch doppelt strafbar.
   08] Wer an keinen Gott glaubt, ist offenbar ein Gottloser. Ohne Gott aber ist die Seele finster und so gut wie tot und sieht und vernimmt nichts von dem, was Gott alles in ihren Geist der vollsten Wahrheit nach eingeschaffen hat. Der von Gott begeisterte und erleuchtete Mensch aber sieht alles und begreift auch alles. Er kann daher auch die Sonne und den Mond, die Sterne und die ganze Erde in sich also beschauen, als wäre er dort selbst gegenwärtig. Und hat er das, so weiß er dann auch, was die Sonne und wie beschaffen sie ist, und also auch alles andere.
   09] Mir und vielen andern, die auch hier sind, ward solche Gnade zuteil; darum wissen wir nun auch alle gleich, was der Mond, was die Sonne und was die Sterne sind. Da du solches nicht weißt und nicht einmal soviel weißt, wie die Essäer wissen, die uns Römern sehr wohl bekannt sind, so hast du auch diese vierte Frage ganz schal und unrichtig beantwortet. Wenn du dich davon selbst überzeugen willst, so haben wir schon Mittel, dich auch von dem zu überzeugen.«
   10] Sagte der Pharisäer: »Oh, laß das nur gut sein! Denn Menschen, wie ihr es da seid, in aller Magie und Zauberei wohlbewandert, könnten mich noch über alle Wolken hinaus in die Sonne hineinzaubern, - und von solch einer Luftfahrt schaffe (halte) ich nichts! Ich begebe (begnüge) mich schon und gestehe es ein, daß ich auch diese vierte Frage so gut wie gar nicht beantwortet habe. Wolle du mir denn eine fünfte Frage stellen!«
   11] Sagte der Römer: »Es wird dir schon mit allen Fragen also gehen! Daß du am Himmel nicht bewandert bist, das habe ich bereits gesehen; vielleicht geht es dir auf dieser Erde besser!
   12] Was sagst du von der Noachischen Sündflut? War sie eine allgemeine oder nur eine teilweise? Hatte Noah wohl von jeder Tierart ein Paar in seinen Kasten genommen? Wie fütterte er mit den Seinen all die vielen Tiere? Woher nahm er besonders für die reißenden Tiere das Fleisch und woher für die Fischfresser die Fische? Wovon ernährten sich die Raubtiere nachher, als Noah wieder aus der Arche stieg? Denn da war die Erde noch wüst und öde und nirgends war eine Schaf- oder Schweineherde, die dem Löwen, dem Tiger, der Hyäne, dem Wolfe usw. zur Nahrung hätte dienen können. Das Wasser soll im allgemeinen noch um vieles hoch über sogar den höchsten Bergen der Erde gestanden haben. Wohin floß es am Ende ab, da doch die ganze Erde allenthalben gleich hoch unter Wasser stand?
   13] Gib mir darüber eine vernünftige Auskunft! Denn das ist sogar für mich etwas Unglaubliches, und ich kann mich darin durchaus nicht zurechtfinden. Vielleicht weißt du mir da eine befriedigende Auskunft in deiner Weise zu geben? Rede!«
   14] Sagte ganz verdutzt der Pharisäer: »Freund, du fragst mich um etwas, das du selbst nicht zu verstehen scheinst! Was wirst denn du dann tun, wenn ich dich um so etwas fragen werde?«
   15] Sagte der Römer: »Dann wirst du nichts verlieren! Ob ich aber gerade diese Sache selbst nicht besser verstehe als du, das ist eine andere Frage, und es wird sich das schon noch in der Folge zeigen. Nun ist die Reihe an dir zu reden!«
   16] Sagte weiter der Pharisäer: »Ja, mein Freund, es wird sich über diesen höchst mystischen Punkt der Schrift Mosis eben wieder nicht gar zuviel sagen und erklären lassen! Denn diese Sache, mit der uns eigenen Vernunft betrachtet, ist in allem ein der Natur widrigster Unsinn. Wir haben darüber keine anderen historischen Daten, und so heißt es: entweder an den Unsinn glauben, wie er gegeben ist, und sich zu all dem die in jener Zeit sehr launige Allmacht Gottes als Großhelferin denken - oder den ganzen alten Kram über Bord werfen!
   17] Das Buch spricht von einer allgemeinsten Flut, die nach den uns doch mehr und mehr bekannten Gesetzen der Natur rein unmöglich ist. Fragt man die alten Indier, die doch noch ältere Bücher als wir besitzen, so wissen die von einer Noachischen Sündflut gar nichts. Wohl aber sagen sie, daß vor vielen tausend Jahren ein großer Schweifstern der Erde ganz nahe gekommen sei. Und der Stern war pur Wasser, und die Erde zog sein Wasser an sich. Da ward dadurch ein großer Teil des flachen Indien unter Wasser gesetzt, das sich erst nach und nach mit dem großen Indischen Meere verband. In jener Zeit kam alles um, was in den Tälern hauste: Menschen und Tiere. Die aber auf den Bergen wohnten, zeichneten solches auf, auf daß davon Kinder und Kindeskinder eine Kunde haben sollten. Das ist indische und auch persische Sage.
   18] Die alten Ägypter wissen außer ihren Nilüberschwemmungen von keiner andern Flut. Nur das sagen einige Neger, daß dort, wo nun die große Wüste Sahara ist, einst Wasser stand und ein großer See war.
   19] So haben uns unsere zurückgekehrten Apostel von einem übergroßen Reiche im äußersten Morgen Asiens über der großen Mauer erzählt, und sie redeten mit den Wächtern mittels der indischen Zunge. Sie erkundigten sich auch wegen der großen Sündflut, und ob die Mauer vor oder nach der allgemeinen Flut erbaut worden sei. Doch jene ganz gemütlichen Wächter wußten ihnen wohl viel von großen Bergbränden zu erzählen, aber von einer so großen Wasserflut wußte niemand auch nur eine Silbe. Das alles wissen wir aus allerlei Erfahrungen. Und so ist es wohl schwer, an eine allgemeine Sündflut zu denken und noch weniger zu glauben.
   20] Ihr Römer gebet in euren Götterlehren auch gleich zwei große Überflutungen an: die Ogygische und die von Deukalion und Pyrrha. Ob daran etwas Wahres ist oder nicht, das können weder wir Juden noch ihr Römer beurteilen und wissen. Fällt aber bei der Noachischen Sündflut die Allgemeinheit weg, so fällt auch der Kasten und alles andere weg.
   21] Aber das Bild der Noachischen Flut hat sicher einen ganz anderen Sinn als nur den, der nicht zu glauben ist, weil so viele andere Tatsachen dagegensprechen. Aber wer hat den Schlüssel dazu? - Du siehst also aus allem dem, daß ich dir darüber auch keine für deinen Verstand annehmbare Antwort geben kann, und deine Frage ist so gut wie unbeantwortet, doch aber gründlich entschuldigt.«
   22] Sagte der Römer: »Ja, das habe ich ganz gut aus deiner Rede entnommen; allein mir ist damit nicht gedient, und ich sehe an dir als sicher einem Priester eben das Mißliche, daß du von den Menschen den unbedingten Glauben dafür forderst, was du für dich für einen barsten Unsinn erklärst. Ich aber sage es dir, daß dieser unser großer Herr und Meister es dir genauest und klarst angeben könnte, was es mit der Sündflut Noahs für eine ganz wahre Bewandtnis hat; aber weil du an keinen Gott glaubst und noch weniger an die rein göttliche Sendung dieses Gottmenschen, so bleibst du gleichfort in der Nacht des Gerichtes deiner Seele! Also mit der Beantwortung meiner fünften Frage ist es auch soviel wie nichts! Und so gehen wir zu der sechsten Frage über! Vielleicht geht es dir mit der besser!«


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