Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 205

Die Willensfreiheit und die geistige Mission des Menschen auf Erden.

   01] Sagte der Römer: »Wahrlich, Du bist ein Gott! Denn wärest Du nur ein Mensch mir gleich, nimmer möglich könntest Du so weise reden. Deine gestrigen Wunderzeichen bekommen erst durch diese Deine Worte, wie auch durch die heutigen im Tempel, die vollste Wahrheitsbestätigung. Viel haben wir schon in Rom von Dir sprechen hören; aber all dies Gerede ist dennoch nichts gegen diese Wirklichkeit. Aber jetzt essen und trinken wir wieder; denn das Vernommene ist endlos groß und tief, und wir müssen es erst ordentlich unter unser Verstandesdach bringen, auf daß wir dann fähig werden, etwas Weiteres von Deiner Gnade und Liebe zu vernehmen. Denn Du redest nicht, wie ein gewöhnlich vernünftiger Mensch da redet über ein kunst- und prachtvollstes Gebäude, sondern Du redest wie ein Baumeister, der das Gebäude von Grund aus selbst gebaut hat. Und darum heißt es, sich bei Deinen Reden wohl zusammennehmen und sie ordentlich von Punkt zu Punkt fassen und begreifen, so man daraus für sein Leben den wahren Nutzen ziehen will. Darum nun eine kleine Pause; etwas Brot und Wein wird uns das tiefere Begreifen erleichtern!«
   02] Darauf aßen und tranken die Römer wieder ganz wacker darauf los, und wir aßen und tranken auch. Auch die etlichen siebzig Männer und das gerettete Weib aßen und tranken nach Herzenslust, besprachen sich über Meine Worte an die Römer und auch über das Zeugnis, das Mir der Römer ganz offen und unverhohlen gegeben hatte.
   03] Auch Meine Jünger verwunderten sich heimlich sehr über den Verstand des Römers und sagten: »Da seht, wie bald kam dieser Stockheide ins klare, und die Juden da unten sehen noch immer den Wald vor lauter Bäumen nicht! Es ist doch wahrlich in hohem Grade merkwürdig, daß solche Menschen zu ihrem sogar irdisch größten Vorteile das allerhellste Licht des Lebens nicht freudigst erschauen wollen oder können!«
   04] Sagte einer der dreißig Judgriechen: »Oh, begreifen könnten sie das schon; aber sie wollen das nicht, weil sie der Meinung sind, daß sie dadurch ihr Ansehen, ihre großen Reichtümer und ihr gutes Leben verlieren. Und da können die Engel sichtbar aus den Himmeln herab zu ihnen kommen und ihnen sagen, daß unser Herr und Meister Christus sei, so werden sie das doch nicht annehmen aus eben dem Grunde, den ich soeben angeführt habe, was ich wohl am besten weiß, da ich weiß, wie sie sich zur Zeit des frommen Hohenpriesters Zacharias benommen haben. Ich und viele andere sahen den Engel Gottes mit dem frommen Manne reden und waren in uns ganz vollkommen überzeugt, daß das eine wahre Erscheinung war; aber der unbegrenzte Hochmut der anderen Pharisäer und ihre Selbstsucht setzten sich über alle diese Wahrheit hinaus und erwürgten ihn gleich darauf zwischen dem Opferaltare und dem Allerheiligsten. Wie sie aber damals waren, so sind sie noch bis zur Stunde und würden sogar mit Jehova zu Mosis Zeiten einen Kampf aufgenommen haben, so sie damals gelebt hätten. Und das sind noch immer von Dir, o Herr, geduldete Priester und sogenannte Diener Gottes, während sie doch schon lange für den Satan zu schlecht wären!«
   05] Sagte Ich: »Lassen wir nun das; denn Ich habe ja soeben den Römern dargetan, wie von Mir aus alle Menschheit zum Leben erzogen wird, und die Priester sind ja auch Menschen. Aber so arg auch ihre freiwillige Starrheit ist, in allen Sünden zu verharren, so gibt sie euch aber dennoch einen klarsten Beweis, wie sehr von Gott aus des Menschen freier Wille als der einzige Keim zur Gewinnung des selbständigen, freien, ewigen Lebens der Seele geachtet und geschützt wird. Und weil er so geachtet und geschützt wird, so liegt eben darin auch der größte Beweis, daß Gott die Menschen nicht allein für diese Erde und für ihre kurze Lebenszeit geschaffen hat, sondern für ein ewiges, geistiges Leben, das aber eben nur durch die vollste Willensfreiheit der Seele in diesem kurzen Leibesleben vollkommen erreicht werden kann, das aber auch verloren werden kann, so ein Mensch bis ans Ende in der freien Verstocktheit verharrt. Das heißt: es wird die Seele nimmer völlig aufhören, Seele zu sein; aber was für eine, das ist eine andere Frage. Denn jenseits läßt sich jene Vollendung nicht mehr erreichen wie in diesem Leben. Das Warum habe Ich euch schon oft gezeigt. So wir uns aber nun gestärkt haben werden, dann erst werden wir weitere Betrachtungen anstellen und von der großen Barmherzigkeit Gottes reden.«
   06] Es werden aber heute noch allerlei Sünder und Zöllner und auch etliche verkleidete Pharisäer hierher kommen, die da erfahren haben, daß Ich Mich hier aufhalte. Mit denen werden wir unser Wesen haben; - aber verzehren wir die daseiende Speise und kehren darauf zu unserer Arbeit zurück! Solange Ich aber nun ruhen und essen werde, solange fraget Mich nicht um allerlei Dinge! Also sei es!«
   07] Darauf aß und trank ein jeder still seinen Speise- und Trankrest, und das Sitzen an den Tischen hatte sein Ende bald erreicht.


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