Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 201

Die Entlarvung des Verführers der Ehebrecherin.

   01] Es war schon weit über die Mittagszeit hinaus, als auch das große Volk den Tempel verließ und in seine Herbergen ging und also auch unsere Ehebrecherin nach ihrer Wohnung trachtete und ihrem Manne alles entdeckte, was sich im Tempel mit ihr zugetragen hatte.
   02] Da wurde der Mann traurig und sagte: »Nicht dies, mein braves Weib, sondern ich trage die Hauptschuld daran!«
   03] Da fragte ihn einer von denen, die ihm das Weib zurückgebracht hatten: »Wie ist das wohl möglich, daß du die Schuld am Ehebruche deines Weibes trägst?«
   04] Da sagte der Mann: »Freunde, nur die wahrhaft größte Not hat mich und das Weib dazu gezwungen, dem glänzenden Antrage eines Fremden Gehör zu leihen! Aber der Fremde muß entweder ein verkleideter Scherge oder gar ein geiler Pharisäer gewesen sein, der auf dies mein Weib schon lange lüstern war. Denn als ich das Geld nahm und es in ein anderes Gemach trug, da kamen auch schon die Häscher, rissen das Weib aus den Armen des Fremden, und ich mußte es mir leider selbst zuschreiben, mein teuerstes Weib in das größte Unglück gestürzt zu haben. Da es nun wieder da ist, so muß etwas Besonderes vorgefallen sein; denn es ist noch keines aller der vielen auf diese Weise Eingefangenen je wieder ans Tageslicht gekommen. Was war es denn, daß dies mein Weib frei wurde? Ihr lieben Männer waret ganz sicher Zeugen alles dessen, was sich im Tempel ereignet haben muß. Möchtet ihr es mir nicht kundgeben, was ihr gesehen habt?«
   05] Sagten die Männer: »Das alles wird dir dein Weib erzählen. Dem großen Propheten aus Galiläa allein hat diese Arme ihre Befreiung zu danken. Aber das sagte er auch, daß sie in der Folge nicht mehr sündigen solle; denn so sie das täte, würde es ihr dann noch um vieles schlimmer ergehen. Das also zu eurer Lebensrichtschnur!«
   06] Hier fragte der Mann, ob er selbst nicht das große Glück haben könnte, mit dem Propheten irgendwo zusammenzukommen, auf daß er ihm den gebührendsten Dank abstatten könne.
   07] Sagten die Männer: »Wo er sich etwa nun aufhalten dürfte, das können wir dir wohl nicht angeben; aber so viel haben wir wohl erfahren, daß er sich, sooft er nach Jerusalem kommt, stets bei Lazarus von Bethania aufhält. Dahin wollen wir selbst ihn aufsuchen gehen. Tut ihr desgleichen! Wenigstens erfahren wir dort, wohin er etwa gezogen ist.«
   08] Sagte der Mann: »Da ist er vielleicht auf dem Ölberge, weil Lazarus sich in den Festzeiten gewöhnlich auf dem Ölberge aufzuhalten pflegt, da er dort eine große Herberge unterhält, die von den Fremden stark besucht wird.«
   09] Sagten die Männer: »Um so besser! Da werden wir ihn zuerst dort auftauchen! Und ist er dort nicht, so ziehen wir nach Bethania!«
   10] Hier dankte der Mann samt dem Weibe den Männern für diese Nachricht und machte sich samt dem Weibe auf, versperrte seine kleine Behausung und zog gleich mit den Männern, was die Männer ganz gut aufnahmen. Aber unterwegs stießen sie auf etliche Pharisäer, und da war einer, den das Weib und auch der Mann sogleich als jenen Fremden gar wohl erkannten, der in römischer Kleidung an diesem Morgen das schöne junge Weib ums Geld zur Ehebrecherin machte. Solches sagten die beiden den sie begleitenden Männern.
   11] Die Männer aber traten zu dem Pharisäer hin und fragten ihn ganz barsch: »He, Freund, kennst du dies Weib, das du heute morgen ums Geld zum Ehebruch verlocktest in der Tracht eines Römers? Daß du es warst, das beweist dein geschorenes Haupt, und die beiden haben dich auch schon von weitem erkannt! Was sagst du nun dazu? Sieh, wir sind unser bei zweiundsiebzig an der Zahl und werden nun dich vor das römische Gericht ziehen. Was sagst du nun dazu?«
   12] Da wollten die drei davonlaufen; aber die Männer ließen das nicht zu, hielten sie auf und fragten den Geschorenen noch einmal. Der aber fing an, sie zu verfluchen und zu schwören, daß er es nicht wäre.
   13] Aber der Mann und das Weib sagten: »Dieses elende Schwören nützt dir gar nichts; denn du weißt, daß das Zeugnis zweier Menschen vor dem Gerichte gültig ist. Daher gehe nun nur mit uns zum Gerichte, auf daß du Elender in das Grab stürzest, das du für uns gegraben hast!«
   14] Da fingen die drei an zu bitten und wollten dem Manne viel Geld geben. Der Mann aber nahm es nicht an, sondern begehrte von ihnen, daß er in Zukunft Ruhe vor dem Tempel habe. Das versprachen sie denn auch auf das feierlichste, und die Männer ließen dann die drei weiterziehen, aber wohl nur unter der sehr fatalen Versicherung, daß sie sogleich zum Landpfleger gehen würden, sowie sie nur das Geringste irgend vernehmen würden, daß der Tempel sich über sie ungünstig geäußert habe. Daß danach dies Ehepaar vor den Templern volle Ruhe hatte, das kann man sich wohl leicht denken.
   15] Und also war denn auch dieser Zwischenfall durch Meinen Willen herbeigeführt; denn ohne ihn hätte das arme Ehepaar einen schlechten Stand in Jerusalem gehabt und stünde immer in großer Gefahr.


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