Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 202

Arbeiter besuchen Jesus auf dem Ölberg.

   01] Darauf begaben sich alle auf den Ölberg, wo Ich eben mit den Jüngern und mit Lazarus speiste, und wo sich auch die dreißig Römer befanden und speisten. Als sie da ankamen, fragten sie einen Knecht der Herberge, ob Ich da wäre. Und der Knecht bejahte diese Frage. Als die etlichen siebzig Männer diese für sie höchst frohe Kunde erhielten, da frohlockten sie und baten den Knecht, daß er ins Zimmer gehe und Mich frage, ob sie hinein zu Mir kommen dürften.
   02] Da ging der Knecht hinein zu Mir und fragte Mich darum.
   03] Und Ich sagte zu ihm: »Gehe hinaus und sage zu denen, die dich gesandt haben: Wen es da hungert, der komme und esse sich satt, und wen da dürstet, der komme und trinke! Denn wer von Mir gesättigt wird, den wird es nimmer hungern in Ewigkeit, und wer von Meinem Weine getrunken hat, den wird es nimmerdar dürsten; denn es werden aus seinen Lenden Bäche des lebendigen Wassers fließen. - Gehe nun hinaus und sage ihnen das!«
   04] Der Knecht ging eilig hinaus und sagte das den Männern wortgetreu.
   05] Als sie solches vernahmen, da wußten sie nicht, wie sie daran waren und fragten sich gegenseitig, ob Ich ihnen denn hier ein freies Mahl geben wolle, welches anzunehmen sie sich für unwürdig hielten.
   06] Darum sagten sie zum Knechte (die siebzig): »Sei doch so gut und gehe noch einmal hinein, und sage es dem guten Meister und Herrn, daß wir nicht des Essens und Trinkens wegen hierher gekommen sind, sondern allein seinetwegen, um von ihm noch einige Worte des Lichtes und des Lebens zu vernehmen!«
   07] Da ging der Knecht wieder ins Zimmer.
   08] Aber Ich Selbst ging ihm entgegen und sagte zu ihm: »Ich weiß es schon, was du Mir zu hinterbringen hast. Gehe nun nur deinem Geschäfte nach. Ich werde mit den Männern Selbst reden!«
   09] Da ging der Knecht, und Ich trat hinaus zu den Männern und sagte zu ihnen: »Wer Ohren hat, der höre und verstehe es, und wer da Augen hat, der sehe und begreife es! Darum ihr hierher gekommen seid, das eben ist die wahre Speise und der wahre Trank, was alles Ich euch geben will. Die Speise des Leibes wirkt nicht zum ewigen Leben der Seele, sondern allein Mein Wort und euer Glaube und euer Handeln nach dem Worte. Mein Wort ist die rechte Speise, und euer Glaube und euer Handeln ist der rechte Trank. Darum kommet alle, die ihr mühselig und belastet seid, zu Mir; denn Ich will euch alle erquicken!«
   10] Sagten die Männer: »O Herr, wie gut und weise bist du! Wenn du es uns gestattest, so wollen wir schon in das Zimmer gehen und daselbst harren auf solche deine geistige Speise, bis es dir, o Herr und Meister, genehm sein wird, uns mit einigen Worten zu stärken und zu beleben. Aber da sieh, in unserer Mitte befindet sich die, welche deine große Weisheit heute im Tempel der Frechheit der Pharisäer entrissen hat, und auch ihr armseliger Gemahl! Sie kamen beide mit uns, um dir noch einmal zu danken für die ihnen erwiesene große Wohltat! Wenn du willst, so gehen sie auch mit uns in das Zimmer.«
   11] Sagte Ich: »Darum bin Ich ja in diese Welt gekommen, daß alle zu Mir kommen sollen, die irgend mühselig und belastet sind. Denn Ich bin ein wahrer Arzt, der zu den Kranken geht und ihnen hilft und nicht zu den Gesunden, die des Arztes nicht bedürfen. Darum kommet nun alle herein in das Zimmer!«
   12] Ich ging nun wieder in das Zimmer, und alle folgten Mir.
   13] Der Wirt aber hatte schon einen großen Hochzeitstisch gestellt, an dem die etlichen siebzig Mann samt dem Weibe ganz gut Raum hatten. Als alle an dem Tische saßen, fragte sie der Wirt, ob sie etwas essen und trinken wollten.
   14] Da sagte einer: »Freund, wir sind alle mehr oder weniger arm und haben nicht so viel Geld, daß wir uns auch einen Wein anschaffen könnten; daher bringe uns Brot allein und einige Krüge Wasser, und wir sind auch damit zufrieden! Wir sind alle Tagwerker und leben von der Arbeit unserer Hände. Diese zehn Festtage sind für uns die schlechteste Zeit, weil wir da nicht arbeiten dürfen. Gibt es für uns aber keine Arbeit, so gibt es auch keinen Verdienst und somit kein Geld, mit dem wir uns übers tägliche Brot hinaus noch etwas anderes anschaffen könnten, da unser kleines Ersparnis ohnehin schon zu Ende geht.«
   15] Sagte der Wirt: »Ihr habt aber doch sicher Weiber und Kinder! Wovon leben dann diese, wenn es euch Männern schon so enge geht?«
   16] Sagte der Mann, der zuvor geredet hatte: »O Freund, dieses Glück ist uns bis auf den, dessen Weib mit da ist, nicht beschieden! Weiber sind nun nur für die Reichen auf der Welt; wir Armen können uns kein Weib nehmen, und noch weniger es dann erhalten. Siehe, wir sind ledig und haben für keine Weiber und Kinder zu sorgen! Wir bringen uns in dieser äußerst schlechten Zeit kaum selbst durch; wie ginge es uns erst dann mit Weibern und Kindern? Dem Herrn Jehova sei's gedankt, daß wir ledig sind!«
   17] Hier sagte Lazarus: »Aber, meine Lieben, wenn es euch in Jerusalem so knapp ging, warum kamet ihr nicht nach Bethania zu mir? Da hättet ihr Arbeit in die schwere Menge gefunden! Und bei mir kann sich keiner beklagen, daß es ihm je zu enge gegangen wäre.«
   18] Sagte der Mann: »Das wissen wir wohl; aber wir wissen es auch, daß alles von weit her zu dir geht und bei dir Arbeit und Verdienst sucht, und so wagten wir es nicht, dir jemals lästig zu werden. Doch in der nächsten Folge werden wir von diesem deinem Antrage schon Gebrauch machen.«
   19] Hierauf gebot Lazarus dem Wirte, alle diese Menschen mit Brot und Wein ganz reichlich zu versehen. Da ging der Wirt mit seinen vielen Dienern und brachte Brot und Wein zur Genüge.
   20] Als diese Gäste auch den Wein sahen, da dankten sie, und einer sagte zu Lazarus: »Herr, trinken werden wir den Wein schon, aber mit dem Bezahlen wird es schlecht aussehen! Wir werden dir aber die Zeche nach den Festtagen schon ganz getreulich abdienen.«
   21] Sagte Lazarus: »Esset und trinket ohne Sorge; denn was ihr hier verzehret, das ist schon bezahlt!«
   22] Da fragten alle, wer dies alles schon bezahlt habe; denn sie möchten das wohl wissen, damit sie dem Wohltäter ihren gebührendsten Dank darbringen könnten.
   23] Aber Lazarus sagte: »Fraget nicht danach, sondern esset und trinket; denn der Wohltäter ist schon mit eurem guten Willen völlig zufrieden!«
   24] Hier erhoben sich alle und sagten: »So sei denn dem unbekannt sein wollenden Wohltäter unser vollster Dank dargebracht!«
   25] Darauf erst setzten sie sich wieder und fingen an zu essen und zu trinken.


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