Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 189

Ein Blick in die Wunder der Engelswelt vermittels des Zweiten Gesichtes. Der Unterschied zwischen Engeln und Menschen.

   01] Als wir uns also, in allem bei siebzig Menschen, im Freien in guter Ordnung befanden, da sagte Ich über alle: »Epheta«, das heißt »Tue dich auf!«
   02] Und alle waren im Zweiten Gesichte und ersahen unabsehbare Scharen von lichtvollen Engelsgeistern, von denen mehrere sich zu ihnen, das heißt zu den Römern, herabsenkten und mit ihnen redeten.
   03] Da staunten die Römer, und Agrikola sagte zu Mir: »Herr und Meister, da sieht es nun ja aus wie in unserem fabelhaften Olymp! Nein, diese zahllosen Scharen! Wem könnte so etwas auch nur in einem hellsten Traume vorkommen! Sage mir nun, ob das Wirklichkeit ist! Oder ist das nur so eine durch Deine Willenskraft in uns belebte Phantasie, die sich nun plastisch wie außer uns darstellt? Diese Wesen sehen völlig körperlich aus, besonders die, die hier auf der Erde Boden unter uns umherwandeln! Wie ist das zu nehmen?«
   04] Sagte Ich: »Sieh, neben dir steht ein Engel; frage ihn, und er wird dir antworten!«
   05] Da wandte sich Agrikola an den Engel und sagte zu ihm: »Rede, du sonderbares Wesen! Bist du ein wirkliches Wesen, oder bist du nur eine Ausgeburt meiner eigenen nun etwas stark erhitzten Phantasie? Bist du aber ein wirkliches Wesen, so gib dafür einen haltbaren Beweis, auf daß ich es völlig glauben kann!«
   06] Sagte der Engel mit klarer Stimme: »Wir alle sind bei weitem mehr Wirklichkeit als ihr Menschen; denn eure Leiber sind durchaus keine Wirklichkeit; denn sie sind das nicht, was sie zu sein scheinen. Sie haben wohl eine menschliche Form, die sich als gegliedert nach dem Willen der Seele bewegen läßt; wenn aber diese Form vergeht, so geht sie gleich wieder in zahllos viele andere Formen über. Nur die reine Wahrheit ("Wahrheit" ist im Manuskript von fremder Hand ergänzt, da Lorber das betreffende Wort versehentlich ausgelassen hat. Sinngemäßer wäre es wohl, "Lebenskraft" oder "Idee" zu ergänzen.) ist eine reelle Wirklichkeit, alles andere an euch noch irdischen Menschen ist Schein und ein notwendiger Sinnentrug. Denn solange ein Mensch seines Leibes wegen arbeitet, um sich Schätze dieser Welt zu sammeln, so lange ist auch seine Seele aus dem Truge ihres Leibes selbst im größten Truge; denn wer das Leibesleben ein Leben heißt und es als solches betrachtet, dessen Seele ist so lange als tot anzusehen, als wie lange sie in sich nicht gewahr wird, daß das Leben des materiellen Fleischleibes der eigentliche Tod ist.
   07] Wir aber sind durchaus Realität, weil wir keinen wandelbaren Leib haben, sondern durchaus die Lebenskraft selbst sind, die nimmerdar verwandelt oder irgend zerstört werden kann. Was ihr als Fleischmenschen auf der Welt nur immer betrachtet und ansehet, das alles kann euren Leib zerstören und verwandeln. So dir ein Stein auf den Kopf fällt, so tötet er dich. Wenn du ins Wasser oder ins Feuer fällst, so bist du tot. Kurz und gut, du kannst für deinen Leib in allen Elementen den sichern Tod finden. Das ist aber bei uns ewig nicht der Fall; denn wir sind selbst durchaus aus Gott die Lebenskraft selbst und durchdringen alles, und kein materielles Element kann uns je etwas anhaben. Wir haben in uns die nie besiegbare Macht und Kraft, alle materiellen Elemente in einem Augenblick zu vernichten oder auch eine Elementenwelt herzustellen. Wir beherrschen alles; uns selbst aber kann ewig nie etwas anderes beherrschen als nur wir selbst, weil wir ein vollkommenster Ausdruck des göttlichen Willens sind.
   08] Damit du als ein denkender Römer aber das noch mehr einsiehst, so hebe den Stein auf und schleudere ihn mit aller Gewalt auf mein Haupt, und es wird mir das gar nichts machen! So ich aber dir dasselbe täte, da wärest du im Augenblicke dem Leibe nach tot. Gehe und versuche das, und überzeuge dich selbst, daß es also und nicht anders ist!«
   09] Der Römer versuchte das, und der Stein fiel durch den Engel hindurch zur Erde, und der Engel stand ganz unversehrt vor dem Römer.
   10] Darauf aber hob der Engel den Stein wieder auf und sagte: »So ich nun dir das täte, so lägest du mit klein zerschmettertem Kopfe tot am Boden; aber ich will dir das nicht tun, sondern dafür etwas anderes. Da siehe den Stein an, der sehr hart ist! Nimm du ihn nochmals in deine Hand, und versuche ihn zu zerstören!«
   11] Der Römer nahm den Stein und versuchte seine physische Kraft an der Härte und großen Kompaktheit des Steines; aber es nützte da kein Schlagen und kein Werfen auf den sehr harten Steinboden, - der Stein blieb bis auf einige Ritzen völlig unversehrt.
   12] Da nahm der Engel denselben Stein aus der Hand des Römers und sagte zu ihm: »Siehe, das ist derselbe Stein, den du vorher durch mich geworfen hast, und den du nun zu zerstören versuchtest! Du siehst nun, daß ich den Stein ebenso wie du in meiner Hand halten kann, und das fürwahr um sehr vieles fester, als du ihn zuvor gehalten hast. Versuche ihn aus meiner Hand zu nehmen, und du wirst dich von Meiner Kraft überzeugen!«
   13] Der Römer versuchte das mit aller seiner Kraft; aber es war ihm ebensowenig möglich, des Engels Hand nur um ein Haarbreit nach links wie nach rechts oder nach oben oder nach unten weiterzurücken, und noch weniger gelang es ihm, den Stein aus der Hand des Engels zu bringen.
   14] Da sagte der Engel: »Sieh, das wird doch sicher mehr sein als nur deine erhitzte Phantasie?!«
   15] Sagte der Römer: »Ja, Freund, wer und was du auch seist! Wenn ich nun träumte, so sähe ich die da unten ausgebreitete Stadt sicher nicht und vernähme nicht den Volkslärm hier herauf, und ich sähe neben mir auch nicht alle diese meine Gefährten und diese Herberge in ihrer ganzen Natürlichkeit sicher auch nicht! Denn ich habe schon sehr oft ganz helle Träume gehabt und darin auch schon auf der Erde bestehende Gegenden geschaut; aber niemals sahen sie ganz so aus, wie sie in der Natur bestehen. Nur wenn es mir von einem oder dem andern meiner Freunde träumte, da sahen diese stets so aus - wenigstens im Gesichte und in ihrer Rede -, wie sie in der Naturwelt waren, redeten und handelten. Aber hier ist das nicht der Fall; denn ich sehe hier alles Natürliche, wie es ist, und sehe dabei auch euch unnatürlichen Wesen, und so halte ich euch denn auch für wahre und nicht für geträumte Wirklichkeiten. - Was willst du aber nun mit dem Steine machen?«
   16] Sagte der Engel: »Das wirst du sogleich sehen! Sieh, du hast dich zuvor an dem Steine versucht, ob du ihn zerbrechen könntest; aber der Stein leistete dir einen äußerst hartnäckigen Widerstand! Nun aber werde ich es dir zeigen, wie ich den Stein in meiner Hand alsogleich völlig zermalmen werde! Siehe, da ist noch der ganze Stein, und siehe nun, da hast du mehrere hundert Bröckchen! Und sieh nun diese an! Wo sind sie nun? Sieh, nichts ist mehr da von ihnen! Ich habe sie ganz in ihre Ursubstanzen aufgelöst!
   17] So ich aber als ein Geist das mit der größten Leichtigkeit vermag, ist da mein rein geistiges Sein nicht ein endlos vollkommeneres als das Sein aller Leibmenschen dieser kleinen Erde?! Daher ist unser Sein allein ein wahres Sein und das eurige auf dieser Erde nur insoweit, als es ein Leben nach dem Willen des Herrn ist, der nun endlos gnädig unter euch lebt und euch wahrhaft zu leben lehrt, und der da allein von Ewigkeit her alles in allem ist, den ihr hören und nach dessen Worten ihr leben und handeln sollet.«


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