Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 190

Die Verschiedenheit der Lebensaufgabe von Engeln und Menschen.

   01] Sagte der Römer: »Jawohl, jawohl, das sehe ich nun schon ganz gut ein, - aber weil ihr mächtigen Geister nun einmal da seid und eure Existenz eine offenbar wahrere ist als die unsrige nun, warum lasset ihr euch denn zu unserer Belehrung und zu unserer Tröstung nicht zu öfteren Malen sehen? Wir haben euch nun gesehen, und so wir unseren Mitmenschen das erzählen werden, dann werden einige wohl daran glauben, doch viele andere werden darüber lachen und uns für Schwärmer und Halbnarren ansehen. Wäre es denn dann nicht gut, so einer oder der andere von euch erschiene und uns für die Wahrheit unserer Aussage ein sicher sehr gültiges Zeugnis abgäbe?«
   02] Sagte der Engel: »Wir tun allzeit genauest den Willen des Herrn; was Er will, das ist allein gut, und das tun wir!
   03] Wenn es für die werdenden Menschen dieser Erde gut und zu ihrem Seelenheile notwendig wäre, so waren wir auch beständig sichtbar unter den Menschen; da aber das nicht der Fall ist, so dürfen wir die Menschen nur ungesehen leiten, auf daß ihr freier Wille keine Nötigung erleide. Denn niemand kann vor Gott bestehen, wenn er nicht zuvor eine gerechte Zeitlang wie von uns ganz isoliert die vollste Lebensfreiheitsprobe in seinem Fleische durchgemacht hat. Das ist des Herrn Liebe, Weisheit und Wille, und es muß demnach alles also geschehen, bestehen und sein; und geschieht, besteht und ist etwas nicht also, so ist es auch so gut wie ein pures Nichts. Wenn ihr Menschen aber von nun an also leben und handeln werdet, wie es der Herr haben will, so werdet auch ihr nach der Ablegung eures Fleisches das werden und sein, was wir nun sind; denn auch wir waren einmal auf irgendeinem Weltkörper das, was ihr nun seid.
   04] Aber selbst der geringste Mensch dieser Erde ist schon in der Wiege um vieles mehr als wir in aller unserer Größe, Weisheit und Macht; denn die rechten Menschen dieser Erde sind Kinder der puren ewigen Liebe Gottes, und die höchste Weisheit und Macht muß sich bei ihnen ganz frei aus ihrer Liebe zu Gott, ihrem wahrsten Vater, entfalten. Wir aber sind als Geschöpfe aus Seiner Weisheit hervorgegangen; darum müssen wir auch erst aus unserer großen Weisheit die Liebe zu Gott in uns selbst schaffen, was da um ein kaum Begreifliches schwerer ist, als aus Liebe zu Gott die höchste Weisheit und Macht in sich zu finden.
   05] Aus dem Grunde aber, weil ihr Menschen dieser Erde eben aus der puren Liebe in Gott hervorgegangen seid, also selbst die Liebe in Gott seid, dürfen wir Weisheitswesen euch nicht im geringsten stören in eurer freien Entwicklung aus eurer Urliebe Gottes in eurem Sein, und du, irdischer Bruder, wirst nun etwas heller begreifen, warum wir Engel Gottes euch nicht sichtbar umgeben dürfen. Denn wir dürfen bei euch die in eurer Gottesliebe schlummernde Weisheit und Macht nur leise und ganz unbemerkt wecken, aber euch nie auch nur einen Funken von unserer eigentlichen Weisheit einhauchen; denn das würde eure Weisheit nicht erwecken, sondern nur erdrücken.
   06] Es ist aber auch schon unter euch Erdenmenschen also der Fall. Denn was würde wohl aus einem Kinde werden, so ihr es von der Amme weg gleich auf eine hohe Schule gäbet, wo grundweise und hochgelehrte Lehrer ihren schon wohl vorbereiteten Jüngern die tiefsten und für den gewöhnlichen Menschen völlig unbegreiflichen Wissenschaften und geheimen Künste vortragen? Ein solches Kind würde am Ende wohl seiner Lehrer Worte nachsagen, aber ihren tiefen Sinn und ihre tiefe Bedeutung nie fassen können. Daher lasset die Kindlein zuerst einmal von der Amme erziehen und sie durch allerlei Spielereien zum ersten, kindlichen Denken leiten. Von Jahr zu Jahr wird das Kind reifer und fähiger für einen höheren Unterricht.
   07] Was ihr aber mit euren Kindern tut, das tun wir Engel auch mit euch Menschen, und müssen das eben darum also tun, weil ihr Menschen dieser Erde Kinder ('Kinder' ist eine Ergänzung.) des Herrn seid.
   08] Wäret ihr auf jener Welt, auf der wir einst in einem Fleische lebten, geboren worden, so hättet ihr schon alle nötige Weisheit mit in jene Welt gebracht und bedürftet beinahe keines anderen Unterrichts als allein den zur Auffindung der Liebe Gottes im Lichte eurer großen Weisheit.
   09] Sehet an die sämtlichen Tiere eurer Erde! Sie sind auch Geschöpfe der Weisheit Gottes; darum bedürfen sie auch keines Unterrichts, durch den sie das erst mühsam erlernen müßten, was sie nach ihrer Fähigkeit und Natur verrichten müssen, sondern sie bringen alles das schon gleich bei der Geburt mit und sind sogleich in ihren Weisen ganz vollendete Künstler. Wer hat je einer Biene die Kräuterkunde beigebracht, wer ihr gezeigt, wo der Honig in den Blumenkelchen sitzt, und wo das Wachs? Wer lehrte sie ihre Zelle bauen und in ihrem Magen aus dem süßlichen Blütentau den duftenden Honig bereiten? Wo hat die Spinne gelernt, ihren Faden zu bereiten und ihn zu ihrem höchst brauchbaren Netze zu verweben? Seht, das alles haben die Tiere aus der Gottesweisheit, deren Produkte sie zunächst sind! Weil sie aber vorderhand nur das sind, so haben sie auch das, was sie haben, in der höchsten Vollendung, können aber, da ihnen die Liebe und deren freier Wille nahezu völlig mangelt, auch nicht viel Weiteres mehr hinzuerlernen.
   10] Es gibt aber dennoch auch Tiere, denen schon gewisse Symptome der höheren Liebe gewisserart beigemengt sind. Und sieh, solche Tiere sind darum denn auch schon fähig, einen Seitenunterricht von den Menschen anzunehmen, und können darum auch für so manche Verrichtung abgerichtet werden! Und je mehr von einer Liebe bei gewissen Tieren, wie zum Beispiel bei einem Hunde oder so manchen Vögeln, vorhanden ist, desto fähiger sind auch solche Tiere für eine bessere Ausbildung zu verschiedenen Verrichtungen.
   11] Nun ist aber das bei Menschengeschöpfen anderer Weltkörper im höchsten Grade der Fall, weil sie schon mit allen erdenklichen Fähigkeiten versehen auf die Welt kommen. Sie brauchen nichts mehr in irgendeiner Schule zu erlernen. Aber da sich die Liebe nur als ein Produkt ihrer Weisheit in ihnen nach und nach entfaltet, so haben sie denn auch Schulen, in denen es gelehrt wird, wie man aus der puren Weisheit denn auch zur freien Liebe und zu einem freien Willen gelangen kann. Hat es dann ein solcher Mensch mit vieler Mühe dahin gebracht, so ist er dann erst fähig, sich Gott und auch Seinen Kindern dieser Erde zu nahen.
   12] Und so dürftest du nun schon wieder um etwas klarer einsehen, warum ihr wahren Menschen dieser Erde während eurer Weisheitsentwicklung mit uns in keinem beständig sicht- und fühlbaren Verkehr bleiben dürfet. Kurz und gut, eure Lebensaufgabe ist, Weisheit aus der Liebe zu suchen und zu entwickeln, und unsere Aufgabe war es, aus der Weisheit die Liebe Gottes zu suchen und zu entwickeln.
   13] Der nie beschreibbar große Unterschied besteht nur darin, daß ihr Menschen dieser Erde Gott gleich werden könnet, wir aber nie, - außer, wir nehmen selbst noch einmal das Fleisch dieser Erde an, wozu wir aber bis jetzt wahrlich noch keine gar zu große Lust in uns verspüren; denn wir alle sind mit unserem Los mehr als völlig zufrieden und leisten auf ein besseres gerne vollkommen Verzicht.
   14] Wer ein vollkommenes Kind Gottes werden kann - wozu wahrlich sehr vieles gehört -, der ist freilich wohl endlos glücklich; aber wir sind auch mit unserem Los vollkommen zufrieden, und eines mehreren und Höheren bedürfen wir nicht!
   15] Es sind unter diesen dir nun noch auf eine kurze Zeit sichtbaren zahllosen Scharen wohl auch schon einige wenige wahre Kinder Gottes da, - aber ihr, die ihr nun von dem Allerhöchsten von Ewigkeit belehrt und geleitet werdet, seid um ein Unaussprechliches besser daran! Denn es ist durchaus nicht ein und dasselbe, ob man ein Sohn des Hauses oder nur ein Knecht desselben ist. Den Kindern gehört alles, was der große Vater besitzt, den Knechten nur das, was der Herr ihnen geben will. - Verstehst du, mein lieber Agrikola, das?«
   16] Hier wurde unser Agrikola nahezu sprachlos und wußte wahrlich nicht, wie er daran war; denn der Engel führte für ihn eine zu kategorische Sprache, auf die er natürlich nichts einwenden konnte. Zugleich aber fehlten dem sonst ganz biedern Römer alle möglichen rein geistigen Kenntnisse, mittels derer er sich mit dem Engelsgeiste in eine weitere Besprechung hätte einlassen können.
   17] Darum kam er zu Mir hin und sagte (Agrikola): »Herr und Meister ohnegleichen, das ist doch offenbar kein Traum, und der Geist - oder was er sonst noch irgend sein kann - entwickelte vor mir Ideen, von denen wahrlich noch keinem Menschen je etwas geträumt hat! Was soll unsereiner denn daraus machen?! Das Schönste ist, daß er sagt, daß auch er einmal ein Fleischmensch auf irgendeinem andern Weltkörper gewesen ist. Ich aber frage, wo denn außer dieser Erde noch ein anderer Weltkörper sein soll! Ich und zahllos viele andere Menschen haben nie etwas davon gehört. Was ist denn das für eine neue Rede?«
   18] Sagte Ich: »Sei nur ruhig, Mein Freund! Gehe hin, und er wird dir schon noch die anderen Erdkörper zeigen, deren es eine Unzahl im endlosen Raume gibt! Ich sage es dir, daß dieser Geist dir nicht ein Jota Unwahres gesagt hat; aber gehe du hin und erkundige dich näher bei ihm darüber, worüber du einen Zweifel hast, und er wird dir alles das ganz praktisch zeigen und erklären!«


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