Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 185

Die Heilung der besessenen Maria Magdalena durch Jesus.

   01] Es begab sich aber bald darauf, etwa nach einer Viertelstunde, daß die Führerin der Römer, die sonst eine freie Maid für unzüchtige Männer war, ob des zu vielen Weingenusses von gewaltigen Krämpfen befallen wurde und gar jämmerlich schrie, ihr Gesicht verzerrte und ihre Glieder und Muskeln gar furchtbar verzog.
   02] Die Römer entsetzten sich darob sehr, weil sie eine solche Erscheinung für ein außerordentliches malum omen (schlechtes Vorzeichen) hielten. Sie sagten: »Wehe uns, die Götter sind auf uns voll Zorns geworden, weil wir einen fremden Gott aufsuchen gegangen sind! Was tun wir nun?«
   03] Sagte Lazarus: »Gar nichts als dableiben! Denn diese Person kenne ich ja schon eine geraume Zeit; sie ist mit dieser Krankheit schon mehrere Jahre lang behaftet, und es ist ihr das schon oftmals begegnet, besonders wenn sie etwas zuviel Wein genossen hatte. Wir Juden nennen das Besessenheit von einem oder oft auch mehreren argen Geistern. In den früheren Zeiten, als es unter den Juden noch viele fromme Menschen gab, konnten solche argen Geister durch das Gebet eines Frommen aus dem Menschen hinausgeschafft werden; aber in dieser Zeit gibt es so etwas kaum mehr. Natürlich könnte so etwas unser großer Mann wohl augenblicklich bewirken, so Er es wollte!
   04] Seht, das liegt an dieser Erscheinung und sonst gar nichts! Wie könnten eure Götter über euch erzürnt werden, da sie doch nirgends anderswo bestehen können als allein in der Phantasie der Menschen, die von einem wahren Gott nichts wissen, weil sie von Ihm nie etwas vernommen haben? Warum nicht? Das liegt im ewig großen Weisheitsplane Dessen, der die Menschen erschaffen hat.«
   05] Das beruhigte die Römer, und sie konnten die Führerin, die sich in einem elenden Zustande befand, doch wieder anschauen und einiges Mitleid in sich wachrufen.
   06] Der erste Römer aber trat an unseren Tisch, an dem wir ganz ruhig saßen, suchte sich gerade Mich aus und sagte: »Aber lieber Freund, ist denn gar niemand unter euch, der dieser unglücklichen Maid irgendeine Hilfe zu leisten imstande wäre? Ihr sitzet wahrlich so teilnahmslos da, während diese Arme mit dem Tode ringt! Ich möchte ihr gewiß gerne helfen, so ich ein Mittel für ein solches Übel kennen würde; aber wir Römer sind eben in der Heilkunde besonders solcher Übel noch überaus schlecht bestellt.«
   07] Sagte Ich: »Du hast dich an Mich gewandt, ohne zu wissen, wer Ich bin; aber dein halbes Vertrauen, daß an unserem Tische jemand der Besessenen helfen könnte, hat dich zu Mir geführt. Und Ich sage es dir, daß dich dein Geist schon an den rechten Mann gewiesen hat, der ihr auch helfen wird zu ihrem leiblichen Wohle und zum Wohle ihrer Seele. Gebet denn wohl acht, mit welchen Mitteln Ich dieser Maid für immerdar helfen werde!«
   08] Hierauf erhob Ich Mich von Meinem Stuhle, ging hin zur schon ganz erstarrt daliegenden Maid, streckte Meine Hände über sie aus und bedrohte die sieben argen Geister in ihr.
   09] Die Geister aber schrien laut aus ihrem Bauche: »O Jesus, Du Sohn Davids, laß uns nur noch eine kurze Zeit in dieser unserer Wohnung!«
   10] Ich aber bedrohte sie noch einmal, und sie verließen die Maid im selben Augenblick.
   11] Und die Maid erhob sich und war so heiter, frisch und gesund, als ob ihr nie etwas gefehlt hätte. Als sie aber Mich an ihrer Seite ersah und man ihr gesagt hatte, daß Ich ihr geholfen habe, da sah sie Mich fest an und sagte: »Ach, das ist doch sicher jener herrliche Mann, für den mein Herz schon seit einem Jahre stets lebendiger schlug! Und gerade der, den ich gar unendlich liebte und noch liebe, seit ich ihn nur einmal im Vorübergehen gesehen habe, kam mir nun zu Hilfe! O Freund, hättest du mich nur lieber sterben lassen, als daß ich dich zur größten Qual meines Herzens wiedersehen muß, ohne je eine Hoffnung zu haben, auch von dir geliebt zu werden! Denn du bist ein reiner Mensch, und ich bin eine verworfene Hure!«
   12] Hierauf fiel sie zu Meinen Füßen nieder, umklammerte sie kniend und benetzte sie mit Tränen der Liebe und Reue.
   13] Da traten einige Jünger hinzu und wollten sie von Meinen Füßen hinwegziehen, und bemerkten ihr, daß sich so etwas hier nicht schicke.
   14] Ich aber sagte zu den Jüngern: »Was geht euch denn das an?! Bin denn nicht Ich der Herr über Mich und nun auch über sie? Wenn es Mir zuviel sein wird, da werde schon Ich ihr sagen, was sich da schickt oder auch nicht schickt! Ich sage euch: Diese Maid hat viel gesündigt, - aber sie liebt Mich auch mehr denn ihr alle zusammen; darum wird ihr auch vieles vergeben werden. Und noch sage Ich euch, daß allenthalben, wo Mein Evangelium gepredigt wird, auch dieses Vorfalles und dieser Maid Erwähnung gemacht wird.«
   15] Da zogen sich die Jünger zurück und gaben sich zufrieden.
   16] Ich aber sagte darauf zur Maid: »Stehe nun auf; denn es ist dir geholfen, und deine Sünden alle sind dir vergeben! Aber gehe nun hin und sündige nicht mehr, auf daß dir darob nicht noch etwas Ärgeres widerfahre! Denn wenn der böse Geist einen Menschen verläßt, so durchzieht er dürre Steppen und Wüsten und sucht, ob er eine Wohnung fände, und so er nichts findet, da kehrt er wieder zurück. Da findet er seine alte Wohnung sauber gefegt und gereinigt, daß er darob eine große Lust faßt, wieder einzuziehen. Wenn er aber sieht, daß er allein zu schwach ist, da nimmt er noch sieben andere Geister, die noch ärger sind denn er, und diese alle ziehen dann mit Gewalt in die gereinigte Wohnung ein, und dieser zweite Zustand des Menschen ist dann ein um vieles ärgerer, als da war der erste. Darum habe wohl acht, daß dir nicht ein Gleiches widerfahre! Stehe darum auf, gehe hin und sündige ja nicht mehr!«
   17] Hier erhob sich die Maid und wußte sich vor lauter Liebe und Dank gegen Mich kaum zu helfen. Nach einer Weile bat sie Mich, ob sie doch diese Nacht hier in der Herberge verbleiben dürfte, da es schon spät in der Nacht geworden sei.
   18] Und Ich sagte zu ihr: »Ich redete nicht mit deinem Leibe, sondern mit deiner Seele und mit ihren mannigfachen weltlichen Begierden; mit deinem Leibe kannst du bleiben, wo du willst!«
   19] Damit war die Maid zufrieden und setzte sich wieder zu Tische, - aber ihre Augen wandte sie keinen Augenblick von Mir ab.


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