Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 186

Die Römer und Maria Magdalena ehren Jesus.

   01] Aber jetzt fing auch der Römer an, Mich genauer zu betrachten, und sagte zu Mir: »Freund, vergib es mir, daß ich dich nach meinem Herzensdrange auch mit einer bedeutenden Frage belästige! Meine früheren Erkundigungen über den großen Mann dieses Landes werden dir nicht entgangen sein. Du hast nun an dieser Maid eine Wunderheilung vollbracht, wie ich etwas Ähnliches noch nie erlebt habe. Du heiltest sie bloß durch die Macht deines Willens. Wie, wenn am Ende gar du der große Mann, der wahrste Gottmensch wärest, von dem die Kunde gar nach Rom gekommen ist?! Und solltest du es dennoch nicht sein, so wirst du sicher um ihn wissen. Ist daß der Fall, dann führe uns zu ihm hin, und was ich an Schätzen mit mir habe, soll dein sein!«
   02] Darauf sagte Ich: »Weil du darum gar von Rom die weite Reise mit diesen deinen Gefährten hierher gemacht hast, so sage Ich es dir, daß du schon am rechten Orte und an rechter Stelle dich befindest; denn Ich bin eben Der, den du gesucht hast. Was ist nun dein Anliegen? Warum suchtest du Mich mit so großen Opfern?«
   03] Sagte der Römer, ganz entzückt über dieses Mein Bekenntnis: »O Freund, wenn du das bist, dann habe ich mit allen diesen meinen Gefährten mein Heil gefunden; denn ich will für mich selbst erfahren Deine Lehren und sehen Deine große Macht und Herrlichkeit. Aber erst morgen werden wir Dich weiter belästigen; diese Nacht aber wollen wir wie alte, gute Freunde zubringen.
   04] Vor allem aber nun meinen Dank für die Heilung dieser wahrlich lieben Maid. Und ihr beiden Wirte aber bringet nun noch mehr Wein; denn wir haben nun unser höchstes Heil gefunden, und morgen sollen alle Armen dieser Stadt auf unsere Kosten gesättigt werden! Fiat!«
   05] Lazarus und der Wirt gingen und brachten noch Wein in gerechter Menge, und er ward in die Trinkbecher eingeschenkt.
   06] Darauf ergriff der Römer den vollen Becher und sagte: »Heil uns, und Ehre, Liebe und Dank Dir, großer Meister! Erkennen Dich auch die finsterdummen Juden nicht, so werden Dich schon die Römer um so besser und tiefer erkennen!«
   07] Hier trank er den Becher ganz aus und lobte darauf den Wein. Darauf taten die andern alle desgleichen. Nur die Maid trank nicht, da sie sich fürchtete, wieder ihren Zustand zu bekommen.
   08] Aber der Römer sagte zu ihr: »Höre, du holde Maid! Wir Römer haben einen alten Spruch, und der heißt: "In Gegenwart des Arztes schadet nichts!" Wir aber haben hier einen Arzt aller Ärzte, und so kannst du schon auch Ihm zur Ehre einen Becher leeren!«
   09] Da sagte die Maid: »So ich wüßte, daß ich Ihm dadurch eine rechte Ehre erweisen könnte, wenn ich den Wein austrinke, so möchte ich alle Schläuche von ganz Palästina austrinken und dann sterben für Ihn; aber ich weiß es, daß ich durch das Trinken des Weines Seine Ehre nicht im geringsten erhöhe. Da Er von allen Mächten der Himmel und der Natur dieser Erde im höchsten Grade geehrt wird, so ist neben solcher höchsten Ehre meine Ehre soviel wie nichts, und so trinke ich nun darum auch den Wein nicht; aber aus Liebe zu Ihm und auch zu euch, ihr lieben Männer aus Rom, trinke ich dennoch den Wein! Und so gelte denn dieser Becher voll Wein soviel als: Mein Herz Ihm allein, und meine Achtung euch allen!«
   10] Auf diesen guten Spruch trank sie den Becher aus, stand auf von ihrem Sitze, begab sich zu Mir hin und sagte: »O großer Meister, lasse einer unwürdigsten Maid, anzurühren und zu küssen Deines Kleides Saum, auf daß das meinem Herzen eine Linderung verschaffe!«
   11] Hierauf kniete sie nieder, erfaßte den Saum Meines Gewandes und küßte ihn viele Male, benetzte ihn mit ihren Tränen und konnte sich gar nicht trennen von dem Saume des Kleides.
   12] Da murrten einige Jünger und sagten: »Aber Herr, schaffe sie doch von Dir; denn sie beschmutzt Dir ja Dein gutes Kleid!«
   13] Sagte Ich: »Was kümmert euch denn das! Wenn es Mir also recht ist, warum denn euch nicht?! Sie war eine Sünderin, ist nun eine rechte Büßerin und ist Mir nun eben darum lieber denn viele Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.
   14] Sehet, da war einmal ein Mensch, der hundert Schafe hatte! Und es ereignete sich, daß sich auf der großen Weide ein Schaf im Gebüsch verlief. Als er aber am Abend seine Schafe zählte, da merkte er wohl, daß ihm ein Schaf in Verlust geraten war. Er besann sich gar nicht lange, ließ die neunundneunzig Schafe stehen und ging eilig hin, zu suchen das verlorene. Und als er es nach längerem, eifrigem Suchen fand, da legte er es aus großer Freude auf seine Achsel und trug es heim. Als es wieder unter den andern neunundneunzig war, da hatte er mehr Freude über das glücklich wiedergefundene denn über die neunundneunzig, die niemals verloren waren.
   15] Und sehet, also wird auch im Himmel mehr Freude sein über einen Sünder, der wahrhaft Buße tut, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben!
   16] Also war denn auch ein Weib, das von ihrem Gelde einen Groschen verloren hatte. Es trug ein großes Leid um den verlorenen Groschen, zündete alsobald ein Licht an und suchte den Groschen so lange, bis es ihn wiedergefunden hatte. Als es aber den Groschen wiedergefunden hatte, da lud es seine Nachbarn zu sich und gab ein Mahl, auf daß auch diese seine große Freude teilen mußten.
   17] Sehet, so wird es auch im Himmel der Fall sein über einen Sünder, der sich durch eine rechte Buße hat wiederfinden lassen! Denn die Engel Gottes schauen allzeit Sein Angesicht, beobachten wohl der Menschen Tun und Treiben und haben eine übergroße Freude an einem Menschen, der frei von der Sünde absteht und sich mit allem seinem Tun und Lassen zu Gott wendet.
   18] Und so habe denn nun auch Ich eine rechte Freude an dieser Sünderin, die sich nun für immer von ihren Sünden entfernt hat; und sie hat auch eine Freude, daß sie ihr rechtes und wahres Heil gefunden hat. Darum lasset ihr ihre Freude!«
   19] Darauf sagten die etwas eifersüchtigen Jünger nichts mehr, tranken dann ihre Becher aus und ließen sich dieselben auch gleich wieder anfüllen.


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