Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 184

Lazarus erzählt dem Römer von Jesus.

   01] Sagte der Römer: »Ich sehe es euch an, daß ihr die Wahrheit und keine Lüge sprechet, und unsere Begierde ist nun um so mehr gesteigert, den großen Mann persönlich kennenzulernen. Wenn er aber ohne Zweifel also ist, wie ihr beide ihn uns wortgleich beschrieben habt, so könnte er sich gar leicht zum König der Juden aufwerfen. Denn da genügte ja die Macht seines Willens, um uns Römer hinauszuwerfen und dann auch also zu verfügen, daß fürder nimmer ein Römer ins Land käme! Wir Römer wissen es auch schon seit langem, daß alle Juden nach dem Wortlaute ihrer alten Propheten auf einen großen König harren. Am Ende ist ihre lange Hoffnung mit diesem großen Manne völlig erfüllt, und wir Römer werden eines schönen Morgens von ihm durch seinen allmächtigen Götterwillen mit Blitzesschnelle hinausgeschafft werden! Was ist da eure Meinung?«
   02] Sagte nun Lazarus: »Das haben die Römer von Ihm durchaus nicht und nimmer zu befürchten; denn fürs erste ist Er ein großer Freund der Römer, und fürs zweite muß die Weissagung der alten Propheten dahin gedeutet werden, daß Er als der nun in aller Wahrheit gekommene Messias nach den alten Prophezeiungen ein irdisches Reich auf dieser Erde zu gründen nicht die entfernteste Absicht hat, wohl aber ein geistiges Reich der Liebe und der wahren Weisheit Gottes bei allen Menschen der Erde, die Seine Lehre von Gott, von Seinem Himmelreiche und vom ewigen Leben der Seele nach dem Tode des Leibes annehmen und nach Seinem kundgegebenen Willen leben und handeln werden. Siehe, das ist Seine reinste und wahrste Absicht; aber von einer Vertreibung der Römer aus diesem Lande ist bei Ihm schon ganz sicher ewig keine Rede!
   03] Ja, daß da gar viele geistig blinde Juden dieses Glaubens sind, das kann ich durchaus in keine Widerrede stellen; sie aber halten unseren großen Mann durchwegs nicht dafür. Und so Er zu ihnen sagt, daß Er eben der Verheißene ist, so glauben sie Ihm das dennoch nicht trotz aller Wunderzeichen, die Er vor ihren Augen wirkt, sondern sie beschuldigen Ihn noch der Gotteslästerung und heißen Ihn einen Schänder des Sabbats, und so es nun möglich wäre, da wären sie die ersten, die Ihn töten würden! Was ich euch hier sage, ist die volle Wahrheit, und ihr habt durchaus nicht im geringsten zu befürchten, daß Er je die Juden von euch Römern befreien werde, sondern gerade das Gegenteil!«
   04] Sagte der Römer: »Nun, wenn das, da soll er aber lieber nach Rom ziehen; dort wird man ihn sicher auf den Händen tragen und vergöttern! Was macht solch ein großer und einziger Mann unter den schon allbekannt dummen Juden, die sich für Gottes Kinder halten, aber in ihrem Denken, Reden und Handeln dümmer sind als die Skythen des Nordens?!«
   05] Sagte Lazarus: »So Er das wollen würde aus Seiner unerforschbar tiefen Weisheit, da wäre Er auch schon lange in Rom! Wer hätte Seinem allmächtigen Willen irgend den Weg versperren können?! Aber Er weiß es, warum Er zumeist nur bei uns Juden verbleibt! Wir Menschen aber sind allesamt zu blöde, um Ihm sagen zu können: "Herr, tue dies, oder tue jenes!"; denn Er ist wahrlich allein ein Herr in aller Weisheit und in aller Macht. Wer soll Ihm da etwas raten können?!«
   06] Sagte der Römer: »Ja, wenn also, da wird mit ihm schwer zu reden und zu verhandeln sein! Na, sei ihm aber nun schon, wie ihm wolle, wir werden ihm dennoch im höchsten Grade dankbar sein, so er uns nur einmal dahin würdigen wird, daß wir ihn allein nur irgend zu sehen bekommen! Euch beiden aber werden wir sehr glänzend dankbar sein, so ihr uns irgend die Gelegenheit verschaffen könnet, daß wir ihn zu Gesichte bekommen!«
   07] Sagte Lazarus: »Da wäret ihr sehr leichtsinnig! Denn wären ich und mein Wirt irgend habsüchtig, da ginge es eben nicht gar zu schwer, irgendeinem Menschen aufzureden, daß er gegen eine gute Bezahlung sich euch als der große Mann zeige; und so ihr auch fragtet, ob er der große Wundermann sei, da würde er euch dann auch eine ganz gut und wahr klingende Antwort zu geben imstande sein, - denn auch dafür würden wir schon zum voraus sorgen können. Seht, das wäre demnach von euch unklug und von uns aus schlecht! Ihr werdet Ihn schon aus euch selbst erkennen, ohne daß wir gegen eine glänzende Dankbarkeit von eurer Seite notwendig haben werden, euch zu sagen: Sehet, dieser oder jener ist es!«
   08] Als der Römer solches von Lazarus vernommen hatte, da lobte er ihn und pries ihn als einen selten klugen und ehrenhaften Mann.


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