Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 183

Der Römer fragt den Wirt und Lazarus nach dem Wundermanne Jesus.

   01] Nach dem reichlich eingenommenen Mahle erst fing es im Speisesaal an, lauter zu werden, und da der Wein den Fremden auch mehr Mut einflößte, so begannen sie mehrfach wieder ihr altes Thema von dem neuen Propheten zu besprechen, und unser angesehener Römer wandte sich an unseren Wirt und fragte ihn, sagend: »Lieber Wirt, du wirst es mir nicht ungütig aufnehmen, so ich dich um etwas ganz Besonderes frage!?
   02] Sieh, es hat sich von Judäa aus der Ruf sogar bis nach Rom verbreitet, daß irgend in den Judenlanden ein außerordentlicher Mann, so eine Art Prophet, aufgestanden sei, der zukünftige Dinge voraussage, und alle Kräfte der Natur sollen seinem Willen vollkommen untertan sein! Wir wollten das lange nicht glauben; aber es kamen, erst in jüngster Zeit, abermals Nachrichten von sehr bewährten Seiten nach Rom und also auch an mich - da ich einer der ersten Patrizier Roms bin -, und ich und alle diese meine Freunde, die auch zu den Angesehensten Roms gehören, dachten: Es muß an der Sache doch etwas sein, - was wird es denn sein? Schiffe haben wir genug und Seeknechte zu vielen Hunderten, machen wir eine Reise nach Asien, und zwar nach Judäa! Dort werden wir es am ehesten erfahren, was an der Sache ist!
   03] Und sieh, wir reisten vor vierzehn Tagen ab, hatten teilweise ziemlich guten Wind und sind nun hier! Aber merkwürdig, in Rom erfahren wir offenbar mehr als hier im Lande, wo der Wundermann sich aufhalten soll! Wen wir auch auf der Reise hierher darum befragt haben, der wußte uns entweder gar keinen Bescheid oder kaum einen bessern zu geben, als was für einen wir aus Rom mitgebracht haben.
   04] Jerusalem als die Hauptstadt dieses Landes sollte denn doch am ersten von der Sache wohlunterrichtet sein! Darum kommen wir auch gerade hierher. Aber auch hier ist alles still! Diese unsere recht angenehme Führerin, die wir heute aufgenommen haben bloß zu dem Behufe, daß sie uns in der Stadt herumführe, hat uns zwar noch den meisten Bescheid erteilt, der uns aber für so eine außerordentliche Sache auch durchaus nicht genügen kann. Daher habe ich mich nun in eben dieser Angelegenheit an dich gewandt, ob vielleicht du uns darüber einen besseren Bescheid geben kannst. Sage mir! Besteht in Judäa ein solcher Mann, und was leistet er? Was ist euer Urteil über ihn?«
   05] Hier blickte der Wirt Mich an und fragte Mich gewisserart mit den Augen, ob er Mich bekannt geben dürfe. Aber er vernahm in sich die klare Antwort: »Jetzt noch nicht, sie werden Mich schon später selbst erkennen!«
   06] Darauf erst sagte der Wirt zum Römer: »Ja, mein gar sehr achtbarster Freund, der Mann besteht ganz also, wie ihr in Rom von ihm die Nachricht vernommen habt; aber es ist ihm unsere überselbstsüchtige und herrschgierige Priesterschaft im höchsten Grade aufsässig und desgleichen jedem, der mit ihm wohlbekannt ist, und so dürfen wir zum Heile unserer Haut von ihm eben nicht gar zuviel und zu laut reden.
   07] Ich kenne euch natürlich gar nicht und weiß auch nicht, in welcher Absicht ihr eigentlich nun nähere Aufschlüsse wünschet, und ihr werdet es mir vorderhand schon zugute halten müssen, so ich euch jetzt über ihn nichts Weiteres sagen kann als: Er besteht ganz also, wie er euch bis nach Rom beschrieben worden ist; doch wo er nun ist, und was er tut, das kann und darf ich euch nicht verraten.
   08] Auch dieser Herr da, dem nun die ganze alte Stadt Bethania sowie dieser Berg mit dieser Herberge gehören, kennt ihn sehr gut und weiß, was der große Mann leistet! Der kann euch auch der vollsten Wahrheit gemäß das bezeugen, daß der Wundermann noch besteht und wirkt; aber übers Wo wird auch er schweigen. Wir wissen es wohl, daß ihm alle unsere Priester, die sich gleich nur für Götter halten, ewig nichts anhaben können; aber wir wollen dennoch alles Aufsehen vermeiden, um Ruhe vor den giftvollen Priestern zu haben. Mehr kann und darf ich dir nicht sagen.«
   09] Sagte der Römer: »Ich bin auch schon mit dem zufrieden; nur möchte ich noch von dir, du Hausherr, diese Aussage bestätigt haben! Was sagst du über den großen Mann?«
   10] Sagte Lazarus: »Was euch der Wirt sagte, das ist wahr, und mehr kann und darf ich euch auch nicht sagen! Aber da ihr morgen und auch übermorgen noch nicht abreiset, so kann es sich gar leicht fügen, daß ihr Ihn, so ihr eine ganz gute Absicht mit Ihm habt, noch ganz leicht werdet persönlich kennenlernen! Denn Er gehet denen gerne zu, die da redlichen Sinnes und eines wahrhaft guten Willens sind; doch die Verräter haßt Er, nicht Seiner Selbst willen, sondern ihrer eigenen, verwerflichen Bosheit willen. Er ist so mächtig in Seinem Willen, daß Er nur zu wollen braucht, und es geschieht im Augenblick, was Er will. So dürfte Er zum Beispiel wollen, daß diese ganze Erde nicht mehr bestehen soll, so ist sie auch schon nicht mehr da! Darum fürchtet Er auch keinen Feind; aber Er ist ihm darum kein Gegenfeind, - nicht, als hätte Er etwa irgendeine Furcht vor einem Feinde, sondern weil Er Selbst den Menschen nichts so sehr ans Herz legt als eben die gegenseitige Liebe. So sind Ihm die argen Menschenfeinde ein Greuel, und wehe dem, den Sein gerechter Zorn ergreift! Kurz, Er ist der weiseste, beste und allermächtigste wahre Gottmensch auf der ganzen Erde! Mehr brauche ich euch nicht zu sagen.«
   11] Sagte der Römer: »Ich bin nun schon auch mit dem vollkommen zufrieden! Daß wir alle aber nur vom besten Willen für den großen Mann beseelt hierhergekommen sind, dessen kannst du völlig versichert sein! Hätten wir alle unsere Schätze bei uns, die wir zum größten Teil in unserem Schiffe zurückgelassen haben, so möchte ich sie dir alle für unsere gute Absicht mit dem großen Mann einsetzen! Aber du kannst uns schon trauen; denn ein echter Römer gehet offenen Weges und verachtet jeden Hinterweg. Wenn wir mit ihm nur irgendwo zusammenkommen, da soll er unsere Achtung vor ihm nicht nur im Worte und in tiefer Verbeugung, sondern in der vollsten und gewichtigsten Tat kennenlernen!«
   12] Antwortete Lazarus: »Mit Gold, Silber und Edelsteinen aber dürfet ihr Ihm ja nicht kommen; denn so Er so etwas wollte, da würde Er Selbst Berge ins blankste Gold verwandeln! Bei Ihm gilt sonst gar nichts als nur ein feines und gutes Herz. Wer Ihm mit diesem größten Schatze entgegenkommt, der ist Sein Freund, und dem tut Er aber auch alles, was Er ihm ansieht, daß es ihm nütze. Aber nur mit Gold und Silber komme Ihm niemand; denn Er haßt derlei, weil es die Menschen hart und sehr böse macht. Alles, was vor der Welt groß und glanzvoll genannt werden kann, das ist in Seinen Augen ein Greuel. Nun wisset ihr, wie Er beschaffen ist; daher verhaltet euch auch also, so ihr Ihn finden werdet, und Er wird euch dann gerne geben Seine Liebe, die Wahrheit und das ewige Leben!«


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