Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 169

Jesu Hinweis auf Seinen Kreuzestod.

   01] Zu Hause aber war, als Lazarus wieder ins Haus kam, das Morgenmahl bereitet, das wir alsbald zu uns nahmen. Lazarus wollte uns alles erzählen, was sich am frühen Morgen draußen zugetragen hatte.
   02] Ich aber sagte: »Lasse das gut sein; denn Ich weiß ja ohnehin um alles und habe, während du draußen warst, auch den Jüngern kundgetan, was sich da alles zugetragen hat, und auch das schon zum voraus, was soeben der mitgesandte Levite den Oberen für eine Nachricht von Bethania gebracht hat, - die nicht, die du ihm gewisserart aufgegeben hast, sondern eine ganz andere, die sehr dazu taugt, daß Ich Mich heute leichter im Tempel bewegen werde! Es war sonach ganz gut, daß das heute frühmorgens geschah. Jetzt aber werden wir uns auch sogleich aufmachen und hinauf nach Jerusalem ziehen; denn heute als am dritten und letzten Tage des Festes, allwann selbes stets am prunkvollsten ist und das meiste Volk herbeizieht, will Ich abermals im Tempel auftreten und das Volk lehren.«
   03] Da sagte Nathanael: »Herr, da wird es Spektakel über Spektakel absetzen; ich wünsche nur, daß wir mit heiler Haut davonkommen!«
   04] Sagte Ich: »Sorget euch um etwas anderes; ihr werdet sogar dann noch mit heiler Haut davonkommen, wenn Ich zwischen Missetätern am Kreuze hängen werde!«
   05] Sagt Lazarus: »Was sagst Du, o Herr? Du solltest ans Kreuz gebunden werden? Nein, ehe das geschieht, lasse ich durch meine Knechte im ganzen Tempel Feuer legen, und alle die argen Templer müssen zu Asche verbrannt werden!«
   06] Sagte Ich: »Lasse das gut sein, Mein Bruder! Denn soll der Mensch zur vollsten Gottähnlichkeit gelangen, so muß sein Wille dahin ins unendlichste frei gestellt sein, daß er sich verkehrten Sinnes auch an seinem Gott und Schöpfer vergreifen kann. Denn - wie Ich es dir schon gesagt habe - so der Mensch nicht die Fähigkeit hat, ein vollendetster Erzteufel zu werden, so hat er auch diejenige Fähigkeit nicht, zur vollsten Gottähnlichkeit zu gelangen.
   07] Der Mensch hat also den freiesten Willen, den er durch die gegebenen Gesetze in sich erkennt. Was wären aber die Gesetze und was der freie Wille des Menschen, so in ihm der Reiz nicht wäre, die Gesetze zu übertreten, wie und wann er will?! Ohne solchen Reiz wäre der Mensch nichts als ein Tier, das nicht anders handeln kann, als wie das in selbes gelegte Mußgesetz es antreibt.
   08] Dem Menschen ist aber für seinen geistigen Teil kein Mußgesetz gegeben, sondern nur ein geistiges Gesetz unter dem Ausdruck »Du sollst«. Und so ist der Mensch in seinem Wollen und Verlangen ganz frei gestellt und kann sich sogar an Meinem Leibe vergreifen, der nun ein Träger des Geistes ist und vergeistigt auch fortan bleiben wird.
   09] Ich habe dir dieses nun darum gesagt, auf daß es dich dann nicht wundernehmen soll, wenn solches an Meinem Leibe geschehen wird, - aber für die böse Absicht der Menschen, die solches tun werden, ganz vollkommen vergeblich; denn Ich werde darauf am dritten Tage dennoch so vollkommen wieder bei euch und unter euch sein, wie Ich jetzt unter euch bin. Aber darauf erst wird das Gericht für die arge Tempelbrut seinen Anfang nehmen. Da ihr alle nun solches wisset, so seid frohen Mutes und folget Mir in den Tempel!«
   10] Hierauf erhoben wir uns alle und zogen hinauf in den Tempel.


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