Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 168

Lazarus und die Spione des Tempels.

   01] Am frühen Morgen aber wurden alle, die im Hause ruhten, durch ein starkes Gebell der sieben Hunde aus dem Schlafe geweckt, und Lazarus ging mit seinen Knechten nachsehen, was es da gäbe. Da ersah er eine große Schar Menschen beiderlei Geschlechts, die sich außerhalb des Eingangstores aufgestellt hatten, aber von den Hunden derart umringt waren, daß sie sich keinen Schritt weiter und keinen zurück zu machen getrauten. Als sie den wohlbekannten Lazarus mit seinen vielen Knechten ankommen sahen, da schrien und baten sie um Hilfe. Lazarus rief die Hunde zu sich und fragte die Schar, was sie schon so früh in Bethania gesucht hätten.
   02] Da nahm ein junger Levite für alle das Wort und sagte: »Freund, wir haben in der Nacht einen mächtigen Donnerknall aus dieser Gegend vernommen und wollten uns hier nur erkundigen, ob du uns etwas Näheres davon zu sagen wüßtest. Als wir nun hierher kamen, da liefen uns diese furchtbar grimmigen Bestien mit einem erschrecklichen Geheul in großer Hast entgegen und machten offenbar eine solche Miene, uns jeden Augenblick in tausend Stücke zu zerreißen! Da reicht ja eine solche allerkräftigste wahre Löwenbestie für hundert unbewaffnete Menschen aus, - wozu dann gar sieben?! Da kann sich ja nie mehr ein Mensch deinem gastfreundlichen Hause nahen!«
   03] Sagte nun Lazarus zu dem Leviten: »In der großen Natur Gottes geschieht doch gar oftmals etwas Ungewöhnliches, - warum denn nicht auch einmal ein großer Knall? Gehet nach Sizilien; dort werdet ihr solcher Knallerei gar oft begegnen! Wir haben den starken Knall ebensogut vernommen wie ihr, sind auch erschrocken, - aber nachsehen sind wir nicht gegangen, wo etwa der Knall geschehen sei; denn dazu gibt es noch Zeit zur Genüge! Was kümmert denn euch Jerusalemer der große Knall gar so besonders? Ich bin vielmehr der Meinung, daß ihr aus einem ganz andern Grunde so früh herausgeeilt seid und nicht des Knalles wegen! Euch alle hat irgendeine schlechte Absicht herausgelockt, und das haben diese meine Wächter gar wohl erkannt und sind euch eben darum gar so wütend entgegengerannt. Saget mir aufrichtig, was ihr so ganz eigentlich hier gesucht habt!«
   04] Hier stutzten alle, und einer sagte so halblaut: »Es ist nun in der Welt schon rein nichts mehr zu machen, - wir sind schon wieder verraten! Man kann jetzt nicht einmal mehr den vier Wänden seines Wohnzimmers trauen, ja nicht einmal mehr seinen höchsteigenen Gedanken; denn die Menschen lesen einem nun schon ganz klar vom Gesichte ab, was man sich gedacht hat!«
   05] Lazarus aber, da er diese Worte wohl vernommen hatte, sagte: »Ja, da hast du recht! Die Menschen haben es jetzt schon so weit gebracht, daß sie dir mit ziemlicher Bestimmtheit sagen können, was mit dir in zehn Jahren geschehen wird, und so frage ich euch noch einmal in aller Güte, warum ihr eigentlich so früh hierhergekommen seid. Den Knall habt ihr nur zum Vorwand genommen; eigentlich aber - um euch die Rede zu ersparen - seid ihr nur darum so früh gekommen, um bei mir alles auszuspionieren, wer sich etwa unter meinem Dache befindet. Und das tatet ihr sogar heute als am herrlichsten Festtage, auf daß ihr Templer in eurem großen Ärger eine Sache wider mich finden könntet! Da ich aber solche eure schnöden Absichten gegen mich schon lange klar durchschaut habe, so habe ich, als nunmehr vollkommen ein römischer Bürger, euch einen starken Riegel vor meine Tür geschoben, den ihr mit aller eurer eingebildeten Macht niemals erbrechen werdet. Ich werde als Jude meinen Verpflichtungen stets nachkommen, aber nur - sage - jenen, die Moses vorgeschrieben hat; alle andern gehen mich nichts an! Habt ihr mich verstanden?
   06] Gehet nur hin und Verkündet das laut allen euren Oberen! Saget es auch allen: Wehe jedem Templer, der je wagt, dies mein Haus in einer feindlichen Absicht zu besuchen! Wahrlich, dem soll es übel ergehen! Ich lasse jedermann in Ruhe und gebe jedermann ohne Rückhalt, was ihm gebührt. Wer mehr von mir verlangt, der ist ein Dieb und Räuber; denn er verlangt das, was nicht ihm, sondern seinem armen Nächsten gebührt. Und ein solcher - und wäre er ein tausendfacher Priester - ist mein Feind und darf sich meinem Hause, solange ich leben werde, nimmer nahen! Solches verstehet wohl und beachtet es zu eurem Frommen! Und nun sehet, wie ihr weiterkommt, sonst lasse ich meine Wächter wieder los!«
   07] Da sagte keiner auch nur eine Silbe mehr, und alle machten sich eiligst auf den Rückweg.
   08] Als sie im Tempel ankamen, da wurden sie sogleich befragt, was sie gesehen und erfahren hätten.
   09] Die Leviten aber sagten: »Da richten wir mit aller unserer Klugheit nichts mehr aus, - da ist es ein für alle Male vorbei! So ihr Herren des Tempels aber das nicht glauben wollet, da gehet selbst hinaus und lasset euch von seinen Löwen zerreißen und auffressen! Die Bestien sind so abgerichtet, daß sie die innersten Gedanken der Menschen riechen; ihr dürft nur irgendeine dem Lazarus feindliche Absicht in euch bergen, - und die Bestien schnuppern das schon von weitem, und um euch ist es geschehen! Das haben wir gesehen und teilweise auch ein wenig erfahren. Wenn uns auf unser Geschrei Lazarus selbst nicht wenigstens mit hundert Knechten zu Hilfe geeilt wäre, so ruhte unser Fleisch nun schon in den Bäuchen der großen, reißendsten Bestien! Das ist alles, was wir gesehen und erfahren haben; wollet ihr uns aber etwa nicht glauben, da gehet hin und überzeuget euch selbst!«
   10] Da sagten die Oberen nichts mehr, sondern sie wurden bei sich voll Ingrimm und sagten unter sich: »Das macht alles der verruchte Galiläer! Wenn wir seiner nicht bald habhaft und loswerden, so verführt er uns das ganze Volk, und wir alle können dann das Weite suchen! So der Galiläer etwa heute wieder zum Feste kommen sollte, da muß alles aufgeboten werden, um ihn aus dem Wege zu räumen!«
   11] Da sagte der Levite: »Lasset euch nur diese Gier vergehen! Ist nicht schon mehr als das halbe Volk für ihn?! Und kennet ihr etwa seine unbegrenzte Macht? Er durchschaut eure Gedanken schon lange eher, als ihr sie noch gedacht habt, und kann euch deshalb auch schon aber verderben, als ihr es für euch erwarten dürftet!«
   12] Sagte ein Oberer: »Was kann er uns tun? Seine Macht ist vom Beelzebub!«
   13] Sagte der Levite: »Ganz gut; aber er hatte sicher auch des Lazarus Löwen verbeelzebubt! Gehet hin mit der ganzen Bundeslade und mit dem Aaronsstabe in der Hand, und die grimmigen Bestien werden es euch dann schon sagen, um welche Beelzebubszeit es nun ist! War der Galiläer ja doch schon mehrere Male hier im Tempel und lehrte das Volk frei und offen; was habt ihr gegen ihn mit allem eurem Grimme auszurichten vermocht? Nichts! Was werdet ihr dann heute gegen Ihn ausrichten? - Er wird kommen und wird lehren in eurem Angesichte, und ihr werdet seiner vermeinten Beelzebubsmacht nichts entgegenstellen können!«
   14] Sagte ein Oberster: »Seid etwa auch ihr schon von ihm verführt wie das dumme Volk, das darum verflucht ist?«
   15] Sagte der Levite: »Das sicher nicht; aber so viel gesunden Sinnes habe ich, daß ich recht klar einsehe, was da möglich und was da nicht möglich ist! Wir haben von gar getreuen und wahrhaftigen Zeugen vernommen, was der Galiläer alles vermag. Wollet ihr euch aber schon mit ihm in einen Kampf einlassen, so wird es sich am Ende ja doch sicher zeigen, wer da ganz unfehlbar geradeso den kürzeren ziehen wird, wie auch wir heute in Bethania den sehr kürzeren gezogen haben!«
   16] Sagte der Obere: »Das wird sich alles noch zeigen; wir fürchten ihn nicht! - Und nun gehet an eure Verrichtung!«
   17] Dadurch hatte der Levite die Oberen denn doch stutzig gemacht, und Ich konnte Mich darum später freier im Tempel bewegen.


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