Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 161

Die vorbildliche Tat als beste Lehre und Ermahnung. Wo Ernst und Drohung am Platze sind.

   01] (Der Herr:) »Ein jeder aber, der aus Meinem Munde die Wege des Lichtes und des Lebens kennt, der sorge für sich hauptsächlich nur dahin, daß er rein stehe vor Gott, und richte nicht seinen Nächsten! Wer das tut, der tut alles und gibt durch sein Beispiel seinem Bruder die beste und wirksamste Lehre.
   02] So dein Bruder dich gut und edel handeln sieht, da wird er bald zu dir kommen und dich fragen: »Was hast du für einen Grund, daß du solches tust?« Und du wirst ihm dann treu und wahr den Grund angeben und sagen: »Gehe hin und tue desgleichen, so wirst du leben!« Und siehe, er wird hingehen und sich bald anschicken, das zu tun, was er an dir als Tat gesehen hat! Wenn du aber hingehst und ihm seine Fehler vorhältst und ihm dann erst die Lehre gibst, wie er in der Folge handeln soll, so wird er erbost werden und wird dich fragen: »Wer hat dich mir zum Richter bestellt? Kehre du vor deiner Türe, und ich werde schon allein die Türe meines Hauses besorgen!«
   03] Daher sage Ich allen: Lasset die guten Werke der Lehre vorangehen, und die Menschen werden daraus am ehesten erkennen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid! Tuet Gutes sogar den Feinden, und ihr werdet glühende Kohlen auf ihre Häupter sammeln! (spr.25,21 -22)
   04] Nehmet euch alle an Mir ein Beispiel! Denn Ich Selbst bin von ganzem Herzen demütig und sanftmütig und richte niemanden und verdamme niemanden; aber ein jeder, der mühselig und mit allerlei Gebrechen behaftet ist, der komme zu Mir, und Ich werde ihn erquicken! (mt.11,28f)
   05] Wie aber Ich Selbst bin gegen alle Menschen, so sollet auch ihr sein! Oder könnet ihr, Meine alten Jünger, von Mir sagen, daß Ich hart und grausam war gegen die Menschen, die ohne ihr Verschulden als erzschlecht vor Mich gebracht worden sind?
   06] Nur jene wenigen bekamen die Schärfe Meines gerechten Zornes irdisch zu verkosten, die mit dem bösesten Willen von aller Welt Mich und euch verderben wollten vor der Zeit, die da bestimmt ist von oben. Auch darin gab Ich euch ein Beispiel, nach dem auch ihr bei vorkommenden ähnlichen Fällen handeln könnet; denn an Macht dazu soll es euch nicht mangeln. Aber bevor ihr den Ernst eintreten lasset, sollet ihr keinen Weg der Milde unversucht lassen. Der Ernst ist aber nur dann zu gebrauchen, wenn euch der Menschen mutwillige Bosheit entgegentritt, euch verfolgt und von euch kein versöhnendes Wort annimmt.
   07] Wer euch um Meines Namens willen verfolgen wird, darum, daß er einen Lohn von den Hohenpriestern und ihren Genossen bekäme, den ermahnet ernstlich! Wird er sich an eure Ermahnung kehren, dann lasset ihn in Frieden ziehen; wird er sich aber an eine mindestens dreimalige Ermahnung nicht kehren, dann bedrohet ihn ernstlich! Kehrt er sich an diese Drohung auch nicht, so lasset die Drohung ins Werk übergehen zum warnenden Beispiele für alle jene, die euch eines irdischen Gewinnes halber hartnäckig zu verfolgen sich vorgenommen haben! Aber auch nur in diesem einzigen Falle habt ihr das Recht, den Ernst zu gebrauchen.«
   08] Sagte Petrus: »Herr, was soll denn dann geschehen, so sich jemand die Mühe nähme, uns durch Lügen und schmeichelhafte Worte zu verlocken? Wir würden solche böse List wohl sicher sogleich erkennen; aber so wir das erkennen und dem Menschen das vorhalten, er aber dennoch mit allen Beteuerungen fortfährt, uns zu verlocken, - was sollen wir mit solch einem Menschen machen?«
   09] Sagte Ich: »Aber könnet ihr noch immer nicht so viel denken und einen vergleichenden Schluß ziehen, daß es da nicht auf das Mittel, sondern auf die durch das Mittel zu erreichende Absicht ankommt, die der so oder so tätige Mensch mit jemandem erreichen will? Ob das jemand mit Schwert, Lanze und Ketten oder mit lügnerischen Schmeichelreden zu erreichen strebt, das ist ja ganz einerlei; kehrt er sich nicht an eure wiederholte Ermahnung, so werde er bedroht, und kehrt er sich auch an die Drohung nicht, so werde sie an ihm zur Tat! Ich meine, daß ihr nun wohl einsehen solltet, wie und wann ein Ernst im vollsten Sinne des Wortes anzuwenden ist.
   10] Aber es ist dabei noch eines zu berücksichtigen, und zwar das: Wenn eines jeden Zeit kommen wird, so wie da jüngst kommen wird die Meine, da ist es dann mit dem eigenen Ernste nichts, sondern da heißt es, sich den Ernst Gottes gefallen lassen, wenn man im Geiste zu Gott kommen will.«


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