Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 162

Ursachen und Zweck von Krankheiten und Leiden.

   01] Hier bemerkte einer der Judgriechen, sagend: »Herr, warum aber muß der ohnehin arme, sterbliche Mensch nur in allerlei Schmerzen und Leiden zu Gott kommen? Könnte denn das nicht auch durch ein gesundes und leidenfreies Leben nach dem erkannten Willen Gottes geschehen?«
   02] Sagte Ich: »Wie der Mensch es will; das hängt zumeist von ihm ab. Sogar die meisten Leibeskrankheiten sind Folgen von allerlei Sünden, die der Mensch schon von seiner Jugend an bis zu seinen alten Tagen hin gleichfort und am Ende schon aus einer Art Gewohnheit begangen hat. Manche Krankheiten der Menschen sind ein Erbe von Eltern und Voreltern an ihre Kinder und Kindeskinder, weil da schon die Eltern und Voreltern gesündigt haben. Da kann man Gott dann keine Schuld geben, wenn die Menschen sich selbst allerlei Krankheiten, Schmerzen und Leiden bereiten. Man könnte Mir wohl sagen und einwenden: »Wenn der Mensch sogleich von Gott aus belehrt worden ist, was er zu tun hat, um in der gerechten Ordnung in der Welt zu leben und zu bestehen, und er handelte und tat nicht danach, so ist er offenbar selbst schuld daran, daß er in allerlei Leiden verfallen ist; hat aber der Mensch alles von der Natur ablernen und aus allerlei widrigen und oft sehr bösen Erfahrungen klug werden müssen, dann ist der Mensch an seinem Leiden nicht schuld und ist das bedauernswürdigste Geschöpf auf Erden!«
   03] Ja, sage Ich Selbst, das wäre der Mensch auch fürwahr, wenn es also wäre! Daß es aber nicht also ist, beweist die Erschaffung des ersten Menschenpaares im Paradiese, das beinahe ununterbrochen von Gott aus in allem möglichen mehr denn hundert Jahre hindurch unterrichtet wurde. Und dazu erweckte Gott in jener ersten Menschenzeit auf dieser Erde noch fort und fort Seher und Propheten, die die mehr und mehr weltlich gewordenen Menschen lehrten und ihnen den Willen Gottes offenbarten.
   04] Bei so bewandten Umständen konnte kein Mensch sagen, daß er von niemandem erfahren habe, wie er nach dem Willen Gottes zu leben habe. Aber die Menschen kultivierten sich nur zu bald ihre irdische Wohnwelt gar sehr, erbauten Städte und errichteten ein Prachtwerk ums andere, wurden so in ihre Welt verliebt und vergaßen vor lauter Welt Gott und wurden sogar Gottesleugner. Kam dann auch ein Seher, von Gott erweckt, zu solchen Menschen, so wurde er nur ausgelacht, und niemand achtete auf den Sinn seiner Rede.
   05] Nun, derlei Menschen mußten dann ihre Klugheit freilich nur aus allerlei bitteren Erfahrungen erlernen und sich daraus mühsam eine Lebensregel selbst bestimmen. Diese Lebensregeln, wie zum Beispiel nun die unter den vielen Heiden, waren aber schon zum größten Teil Sünden wider die wahre, göttliche Ordnung, und es mußten aus ihnen notwendig allerlei leibliche und seelische Übel unter den Menschen gang und gäbe werden.
   06] Wenn nun Gott eines solchen Menschen Seele fürs ewige Leben erhalten will, so muß Er ihr durch allerlei körperliche Leiden dazu verhelfen, und zwar dadurch, daß eine solche zu sehr an der Welt hängende Seele eben durch so manche Leiden und Schmerzen mehr und mehr von der Welt abgezogen wird, ohne die sie ganz von der Materie der Welt und somit von ihrem Tode und Gerichte an sich gezogen und verschlungen würde. Und seht nun, das ist der Grund, warum nun auf der Erde die Menschen so manches und vieles zu erleiden haben!
   07] Aber auch wir werden von den durch eigene Schuld verbildeten Menschen vieles zu leiden haben. Aber unsere Leiden werden über uns nicht kommen auf Grund dessen, als hätten wir keine Kenntnis von der rein göttlichen Lebensordnung, und als liefen unsere Taten ihr zuwider, sondern wir werden durch unsere Leiden die blinden Menschen nur sehend machen, und zwar dadurch, daß sie an uns werden erschauen können, einen wie kleinen Wert wir auf das Leben dieser Welt setzen, und welch großen Wert das Leben der Seele haben muß, wenn man ihm zuliebe alle irdischen Vorteile von sich weist. Und sehet, darin wird erst die eigentliche Erlösung der Menschen vom Tode zum Leben bestehen! - Doch nun genug von allem dem! Da nun das Mittagsmahl völlig bereitet ist, so gehen wir wieder ins Haus und verzehren es!«
   08] Es wollte aber den Judgriechen eben nicht sehr eingehen, daß auch sie als spätere Verkünder Meines Wortes dazu noch leiden, ja sogar ihr Leben aufs Spiel setzen sollten.
   09] Aber Ich sagte ihnen den bekannten Satz: »Von nun an aber wird es also sein, daß ein jeder, der sein Leben liebt, es verlieren wird; wer es aber verachtet und flieht, der wird es behalten für ewig!« (vgl. mt.10,39; 16,25 lk.09,24 mk.08,35)
   10] Da sagten die Judgriechen: »Was ist das? Wer kann das fassen?«
   11] Sagte Ich: »Das ist es: Was nützete es dem Menschen, so er mit diesem Erdenleben die ganze Welt gewönne, aber Schaden litte an seiner Seele? Was kann ein solcher Mensch dann geben, seine Seele zu lösen? Darum muß der Mensch dieses Leibesleben ja allein nur dazu benutzen, daß er dadurch das ewige Leben der Seele gewinnt. Benutzt ein Mensch sein Leibesleben nicht vor allem dazu, so ist er selbst schuld daran, wenn er das Leben seiner Seele verwirkt oder es mindestens so weit schwächt, daß sie hernach jenseits oft eine überaus lange Zeit zu tun hat, um sich so weit zu sammeln, daß sie dann in ein nur etwas helleres und besseres Geistleben überzugehen imstande ist. Denn solange eine Seele noch mit einiger Liebe an ihrem Leibesleben und seinen Vorteilen hängt, kann sie im Geiste auch nicht völlig wiedergeboren werden; eine Seele aber, die in ihrem Geiste nicht völlig wiedergeboren ist, kann auch ebensolange nicht ins wahre Reich Gottes eingehen, weil darin kein Atom von etwas Materiellem bestehen kann. - Jetzt wisset ihr genug, und so gehen wir ins Haus!«
   12] Wir gingen nun ins Haus und verzehrten das wohlbereitete Mittagsmahl, und es ward während des Essens nur wenig geredet.


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