Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 104

Die Zweifel der gelehrten Weiber am Jenseits.

   01] Sagten die Weiber und auch ihre schon recht mündigen Kinder: »O du großer Herr und göttlicher Meister, wenn es für uns sterbliche Menschen nur in irgendeinem Jenseits nach dem Leibestode ein anderes, ewiges Lebe gäbe! Freilich wünscht sich das wohl ein jeder Mensch, sei er jung oder alt; aber wo, wo liegen die sicheren und untrüglichen Beweise dafür?! Die Weisen aller Völker und Zeiten haben darüber viel pro und contra geredet und geschrieben; die Zeit aber hat sie alle verschlungen, und nichts blieb von ihnen als irgend ihre Werke in einer in unseren Zeiten auch schon sehr verstümmelten Weise, in der die gegenwärtigen Völker nichts als laute unauflösliche und unzusammenhängende Rätsel entdecken.
   02] Wahrlich, du großer Herr und gottvollster Meister, unser griechische Weise, der bekannte Mann im Fasse (Diogenes) hat bis jetzt die volle Wahrheit diese unseres Menschenlebens noch am meisten entdeckt, indem er das Nichtsein des Menschen vor der Geburt und nach dem Tode mit vielen Beispielen nur zu hell dargestellt hat, und wir alle waren bis jetzt unter uns völlig seine Ansicht, obwohl wir unter uns oft des Plato, des Sokrates und sogar des alten ägyptischen Weisen Moses gedachten, dessen Schriften wir teilweise auch zu lesen bekamen, als wir noch in Sidon waren. Ja, wir lasen sogar die Schriften der Indier, Birmanen, der Parsen und Gebern; aber - alles vergeblich! Denn unser Lehrer in Sidon, ein in allen Schriften durch und durch bewanderter Mann, bewies uns mit vielen tausend allertriftigsten Worten und Beispielen anderer Völker, wie die gewisse Seele des Menschen nach dem Tode des Leibes für sich allein unverwüstbar fortlebe in einer bessern oder aber mitunter auch schlechteren Welt, und er schwor uns bei allem, was ihm heilig war, daß, so er vor uns stürbe, er als Geist zu uns kommen und uns dadurch eben den größten und untrüglichsten Beweis von der Wahrheit seiner Lehre geben werde.
   03] Und siehe, er starb; aber den versprochenen Beweis ist er uns noch bis zur Stunde schuldig geblieben. Ja, geträumt hat uns gar oft von ihm, und wir fragten ihn, wann er kommen und sein Versprechen einlösen werde. Und er sagte stets und beteuerte so lebhaft wie im Leben: 'Ich kann nicht anders denn nur also zu euch kommen!' Aber dann wurden wir wach und ersahen, daß nur unsere stets wache und rege Phantasie uns im Traum sein redend Bild erzeugt hatte, das wahrlich sonst nichts war als ein lebhafter Gedanke an ihn! Denn die Träume sind doch nichts anderes als beschauliche Gedanken des Gehirns, die so lange irgendein flüchtiges Dasein haben, als des Menschen Augenlider geschlossen sind; aber wenn der Mensch einmal völlig tot ist und sein Herz nicht mehr pulst, da haben auch seine Gedanken und seine Träume ein Ende genommen für alle Zeiten der Zeiten.
   04] Und so sind wir schon mit allem eher zu vertrösten als mit dem Leben der Seele nach des Leibes Tode! Es ist wohl alles möglich; aber bis jetzt haben wir dafür wahrlich noch keine anderen als nur Wortbeweise von noch hier lebenden Menschen bekommen!
   05] Noch keiner von all den zahllos vielen Hinübergegangenen ist irgend gekommen und hat gezeigt, daß und wie er jenseits fortlebt! Solange aber das nicht geschehen wird, wird der Glaube an ein jenseitiges Fortleben auch stets nur ein höchst schwacher und schon so gut als gar keiner verbleiben. Freilich war bis jetzt seit Menschengedenken auch noch keiner da, der dir, gottvollster Meister, gliche, und so du uns etwas sagst, werden wir auch allen Grund haben, dir den vollsten Glauben zu schenken; aber sonderbar bleibt es immer, daß von drüben gar kein Wesen mehr zu uns herüberkommen will und sagen: 'Freunde, die ihr noch hier euer schweres Fleisch herumschleppet wie ein müdes Lasttier seine schwere Bürde, sehet, ich lebe glücklich, - da gibt es keinen Tod mehr, und wir zahllos vielen leben so und so!' Das wäre ja doch etwas ganz Leichtes! Aber nein, es geschieht so etwas nie und nimmer auf eine solche Weise, die uns Menschen gar leicht überzeugte, daß es eben so und so ist, und nicht anders!
   06] Gottvollster Meister, wenn es jenseits ein Fortleben der Menschenseele gibt - worauf beruhend sich doch am ehesten und sichersten alle sittlichen Bestrebungen der Menschen auf dieser Erde untereinander ordnen ließen -, warum geschieht denn da von seiten irgendeiner bestehenden Geisterwelt, als rückwirkend auf uns noch sterbliche Menschen, eigentlich gar nichts?! Ist doch kein Mensch schuld daran, daß er in diese Welt geboren worden ist; so er aber schon als ein vernünftiges Wesen da ist und sein muß, so sollte ja doch jene höchst weise Macht, die ihn wider seinen Willen ins Dasein gerufen hat, dafür auch eine genügende Sorge tragen, daß er von einer wirklich irgendwo bestehenden Geisterwelt aus dahin belehrt würde, warum er da ist, und was er zu erwarten hat.
   07] Siehe, du gottvollster Meister, wir sind nur Weiber; aber wir sind nicht ohne Verstand, da wir stets vieles gelernt haben, und mit uns zu reden, dürfte einem jeden Weisen mit der Zeit ein wenig schwer werden! Wir sind gut und haben Achtung vor jedem Menschen; denn wir bedauern jeden herzlich, daß er uns gleich sich auch in dieser Welt befindet zur Abschlachtung und zum elenden Futter für die gefräßige und nimmer zu sättigende Zeit. Aber das ist nicht gut, daß irgendeine höhere, ewige, allwaltende Gottmacht sich um die Menschen und alle Geschöpfe dieser Erde nicht um ein Haar mehr kümmert als wir Menschen um den Kot, den wir als Kinder vom Leibe ließen. Aber was wollen wir Schwachen machen?! Gottes Macht wirkt über den Sternen im endlos Großen und kümmert sich um die weinenden und klagenden Wärmer dieser Welt nicht! Daher müssen sich die armen Menschen selbst trösten und stärken so lange, bis der Tod sie von der Erde vertilgt; dann kommt die Ruhe in dem ewigen Nichtsein, das ewig und immer des armen Menschen endliches und größtes Glück ist.
   08] Du bist nun zwar ein gottesmachtvollster Mensch und Meister; aber nach etlichen Hunderten von Jahren wird die Welt höchstwahrscheinlich von dir auch nicht viel mehr wissen, als daß du da warst. Wenigstens unsere Nachkommen, wie wir schon gesagt haben, werden dieses Angedenken sich lebendigst bewahren, obschon in deinen Worten mehr denn in deinen wunderbaren Taten ein Geist weht, der von einem gottgeistigen Dasein in dir ein großes Zeugnis gibt. Es hat aber schon gar viele große Geister als Menschen in dieser Welt gegeben, und ihre auch gar unbegreiflich großen Wundertaten bezeugten, daß sie mehr als pur gewöhnliche Menschen waren; aber sie sind auch alle gestorben, und keiner ließ sich je wieder sehen als ein fortlebender Geist, daß er dadurch bestätigte die volle Wahrheit seiner Lehre, die er den armen Menschen oft unter Donner und Blitz gegeben hat.
   09] Nun bist du zu uns armen sterblichen Menschen gekommen und hast uns auch ein jenseitiges, ewiges Leben verheißen! Wir zweifeln nicht einen Augenblick, daß du uns solches auch beweisen wirst auf eine sehr begreifliche Weise, - aber sicher auch nur auf so lange, als wir in dieser Welt fortleben! Sind wir einmal gestorben, na, da bedürfen wir sowieso keines Beweises mehr; denn leben wir fort, so ist jeder weitere Beweis überflüssig - und leben wir nicht fort, noch überflüssiger! Die Hauptsache ist, daß wir armen Menschen nur bis auf unsere diesirdische Lebensdauer wenigstens in der fixen Idee dahin erhalten werden auf dem Wege des noch so blinden Glaubens; denn das würzt dann wenigstens für einen Teil der Menschen diese Erde ihr handspannenlanges Leben und macht ihnen ihre Leiden erträglich. Am besten daran aber sind immer die Narren und Blindgläubigen, und man kann aus der tiefsten Erfahrung sagen, daß die Götter einen Menschen sehr hassen mußten, den sie mit der Weisheit begabten.
   10] Vielleicht geht es endlich dir als dem mit aller Weisheit und Macht Begabtesten besser, als es deinen vielen großen Vorgängern ergangen ist, woran wir jedoch sehr zweifeln! Aber gerade als unmöglich wollen wir die Sache auch nicht bezeichnen und wünschen, darüber eben von dir selbst und nicht von unseren Männern - ein Näheres zu vernehmen. Wenn es dir gefällig wäre, so möchten wir dich anhören!«


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