Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 6, Kapitel 105

Jesu Mißfallen an den hochmütigen, kritischen Priesterfrauen.

   01] Sagte Ich: »Meine wahrlich mit recht vielem Verstande begabten Weiber! Hier auf diesem Flecke werde Ich nicht reden, sondern im Hause Joreds, alldahin ihr euch begehen könnet, so ihr wollet. Aber Ich sage es euch zum voraus, daß es bei euch schwer hergehen wird, bis ihr in euch erkennet werdet, daß euer Fleisch allein nur sterblich ist, nicht aber auch eure Seele, weil ihr euch schon von eurer Jugend an in die Materie des Fleisches hinein begründet habt und dann nichts mehr sehen, fühlen, wahrnehmen und empfinden konntet als allein das nur, was euch die gröbste Materie vor die Augen des Fleisches stellte. - Doch jetzt nichts Weiteres mehr von dem!«
   02] Hier dankten Mir die Weiber, ihre Kinder und Diener noch einmal für das, was Ich ihnen hier getan hatte, und begaben sich dann in ihre sehr stattlichen Wohnungen.
   03] Es fragte Mich aber Jored, ob er sie etwa zum Mittagsmahle einlader solle.
   04] Sagte Ich: »Das eben nicht, denn Ich liebe die Gesellschaft von gar so superklugen Weibern nirgends minder als gerade bei einem Mahle; denn wenn bei denen einmal die Zunge in Schwung kommt, da vergessen sie Essen und Trinken, und unsereiner käme, ohne ihnen zuvor die Zunge auf eine Zeit hin gelähmt zu haben, sicher zu keinem Worte. Diese fünf Weiber hätten wahrlich der Fähigkeiten zur Übergenüge, jemanden förmlich totzureden.
   05] Erstens sind sie Töchter eines sehr gelehrten griechischen Oberpriesters des Gottes Apollo und des Gottes Merkur, das heißt nach ihren heidnischen Begriffen.
   06] Zweitens haben sie einen in allen Wissenschaften wohlbewanderten Mentor (Erzieher) gehabt, der ihnen die Köpfe erst recht verdreht hat; denn er hatte sie alle alten Weisen ganz vom Grunde aus kennen und verstehen lehren wollen, bedachte aber nicht, daß alle diese alten Weltweisen aller bekannten Völker und Nationen sich im höchsten Grade widersprechen, daß bei der Kenntnis und Anhänglichkeit an alle diese Weisen sich nie ein einheitliches Lebenssystem erzielen läßt, und daß aus solchen Menschen nichts als eine Art hochmütiger Vielwisser werden kann, die am Ende kein anderes Bedürfnis in sich fühlen, als gelegentlich zu zeigen, wie sehr sie in allem Wissen und an Erfahrungen jedem andern Menschen überlegen sind. Und das ist auch bei diesen Weibern und sogar schon bei ihren Kindern und Dienern der Fall. Rede du nur mit solch einem Diener, und du wirst sehen, welch eine Fertigkeit er mit seiner Zunge entfalten wird!
   07] Endlich drittens sind sie Weiber der Priester und gleichsam selbst Priesterinnen und müssen da schon ex officio (von Amts wegen) so gescheit und weise sein, daß da schon gar kein anderer Mensch sich ihnen irgend nahen kann, - darum denn auch ihre Kinder und Diener als Aushängeschilder ihrer Weisheit ihnen wie leuchtende Herolde vorangehen und die Menschen am Ende fühlen und sagen müssen: 'Ja, wenn diese schon so weise sind, wie weise werden dann erst die Priester und Priesterinnen selbst sein!' Ja, Mein Freund, bei solch einer inneren Lebensbeschaffenheit läßt sich freilich der Geist ihres Mentors nicht herbei, um bei ihnen sein Versprechen einzulösen!
   08] Hast du es nicht bemerkt, wie sie Mir kaum den Dank dargebracht haben, und als Ich ihnen versprach, daß Ich ihnen, so sie bei Meiner Lehre verbleiben würden, auch allzeit helfen würde und, so sie anrufen würden Meinen Namen, den sie samt der Lehre von ihren Männern erfahren würden. Ich sie trösten und stärken wolle - wie sie da gleich ihre Bedenken über die Unsterblichkeit der Seele auszukramen anfingen? Meinst du da, daß es ihnen im Ernste darum zu tun war, von Mir einen Gegenbeweis mit lebendiger Sehnsucht zu vernehmen? O nein, sondern nur darum war es ihnen zu tun, Mir zu zeigen, wie großartig weise sie sind und wie sehr geeignet zur Errichtung einer neuen Lebensschule in Meinem Namen! Aus dem aber kannst du schon sehen, daß Ich gerade am Mittagstische nicht gerne mit derlei Weibern zusammen bin. Nach dem Mahle aber mögen sie schon kommen, was du ihnen durch ihre Männer sagen lassen kannst.«
   09] Sagte Jored: »Siehe, Herr und Meister, gerade also habe ich mir diese Weiber aber immer vorgestellt, und ich konnte sie auch nie gar zu besonders gut leiden, weil sie mit ihrem Wissen stets mindestens um tausend Jahre voraus sein wollten! Denn sagte man etwas, das man denn doch auch gelernt und erfahren hatte, so hieß es allzeit, wennschon in einem ganz artigen Ton: 'Ich bitte wohl darüber zu schweigen, ansonst wir uns entfernen müßten; denn das verstehst du nicht und wirst es auch nie verstehen!' Ja selbst ihre Männer mußten sich ganz absonderlich zusammennehmen, um in einem Diskurse mit ihnen eben von ihren Weibern nicht korrigiert zu werden. - Das waren denn nur so meine inneren Gefühle bei gar manchen Gelegenheiten, und jetzt sehe ich es erst klar ein, daß mich meine Gefühle nicht getäuscht haben, und so werde ich sie etwa so bei drei Stunden nach dem Mahle zu mir zu kommen entbieten«
   10] Sagte Ich: »Ganz gut! Gehe aber nun hin und sage den Männern, daß einer oder der andere auf ein paar Worte zu Mir kommen solle!«
   11] Da ging Jored hin und berief den Minervapriester. Und der kam sogleich zu Mir und fragte Mich, was Ich von ihm verlange.
   12] Und Ich sagte: »Freund, heute zu Mittag bleibet daheim bei euren Weibern, sonst kommen sie Mir euretwegen am Mittagstische mit ihrer stereotypen Weltweisheit über den Hals, was Ich eben nicht wünsche, weil Ich am Tische während des Essens gerne Ruhe habe! Aber um die dritte Mittagsstunde könnet ihr mit euren hochgelehrten Weibern schon herkommen. Unterweiset sie aber zuvor ein wenig in dem von Mir, was ihr bereits wisset, auf daß sie uns, wenn Ich reden werde, keine Einwürfe und keine Einstreuungen bringen! Denn eure Weiber sind Anhängerinnen der Lehren des Diogenes, und mit denen ist hart eine tiefere Rede zu führen; sie sind aber auch Skeptikerinnen obendrauf, und das ist noch schlimmer! Darum tut das, was Ich euch nun gesagt habe! Sie werden uns noch am Nachmittage genug zu schaffen geben!«
   13] Der Priester dankte Mir für diesen Rat und versprach Mir, daß er den Weibern das schon ganz gehörig beibringen werde, und er stehe dafür, daß sie sich im Saale Joreds ganz bescheiden benehmen würden.
   14] Darauf ging er hin und hinterbrachte solches auch seinen Kollegen, die damit ganz einverstanden waren, obwohl es ihnen um vieles lieber gewesen wäre, so sie nun auch mit uns wieder hätten zum Jored hinziehen können, da es nun ohnehin schon nahe am Mittage war.
   15] So ward denn diese nicht unwichtige Sache auch geschlichtet und der schlimmste Teil des Heidentums dieses Ortes auf einen besseren und lichteren Weg gestellt.


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