Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 262

Jesus heilt die verkrüppelte Tochter des Wirtes.

01] Sage der Wirt: »So dir gar nichts unmöglich ist, da mußt du auch einen sehr kranken Menschen gesund zu machen imstande sein?!«
02] Sagte Ich: »O ja, hast du einen?«
03] Sagte der Wirt: »Ja leider, - eine meiner liebsten Töchter; - aber der wird schwer zu helfen sein! Sie ist nun zwanzig Jahre alt und war ein munteres und emsiges Kind. Sie ging vor einem Jahre mit diesem meinem ältesten und stärksten Sohne nach Nahim um Salz. Auf dem Rückwege, da er am steilsten ist, glitt sie aus und fiel über fünf Mannshöhen tief auf einen vorspringenden Felsen und brach sich durch solchen Fall Hände und Füße. Mehr denn dreiviertel Jahre litt sie die größten Schmerzen; nach der Zeit ließen die Schmerzen zwar nach, aber sie schrumpfte dennoch zu einem derartigen Krüppel zusammen, daß sie das Lager nimmer wird verlassen können. Meister der Meister, wenn du diese meine Tochter zu heilen vermagst, dann möchte ich schier zu glauben anfangen, daß dir nahe kein Ding mehr unmöglich ist!«
04] Sagte Ich: »Bringe sie hierher!«
05] Sagte der Wirt zu den starken Brüdern der kranken Schwester: »Gehet hin in ihr Gemach und bringet sie samt ihrem Lager daher!«
06] Da beeilten sich die Brüder und brachten die arme und wahrlich sehr kranke Schwester und stellten sie vor Mich hin.
07] Ich sah die arme Kranke an und sagte zu ihr: »Tochter, möchtest du wohl wieder also gesund sein, wie du noch vor einem Jahre gesund warst?«
08] Spricht mit schwacher Stimme die Kranke: »Ach ja, das wäre eine große Wohltat für mich; aber mich zu heilen vermag kein Heiland mehr, - sondern nur Gott, dem Allmächtigen, ist so etwas möglich!«
09] Sagte Ich: »So du solches einmal denkst und glaubst, da stehe du nun auf und wandle, und gib Gott die Ehre!«
10] Im Augenblick ward das Mädchen also gesund, als hätte ihr nie etwas gefehlt.
11] Als der Wirt und alle, die im Hause waren, solches sahen, da fingen sie an, ganz ehrfürchtige Gesichter zu machen, und alle wurden beinahe sprachlos vor Staunen, und erst nach einer Weile sagte der Wirt mit einer ehrerbietig verwundersamen Stimme: »Nein, das liegt nicht mehr im Bereiche dessen, was ein noch so geistreich talentierter Mensch auf dieser Erde erlernen könnte, sondern das ist eine äußerst seltene Gabe und Gnade von Gott, und wir müssen darum Gott, dem alleinigen Herrn, unser allgemeines und höchstes Lob darbringen, daß Er einem Menschen auf Erden wieder einmal zum vielfachen Heile der Menschen solch eine rein göttliche Kraft, Macht und Gewalt gegeben hat, wie sie in der grauen Vorzeit nur die großen Propheten besessen haben!
12] Jetzt verstehe ich aber auch schon dieses unseres lieben, wunderbaren Gastes ersten Gruß: "Der Friede sei mit dir!" und "Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen!" Höret, ihr alle meine Hausgenossen, das ist ein seltener Liebling Gottes, ein neuer, großer Prophet! Den müssen wir hoch verehren um Gottes willen und müssen ihn hören!«
13] Hierauf wandte sich der Wirt zu Mir und sagte: »Du erhabener Freund und Meister aller Meister, ich habe keine Worte, durch die es mir möglich wäre, mein Dankgefühl gegen Gott und gegen dich, seinen wahrhaftigsten, großen Propheten, nur einigermaßen auszudrücken! Oh, vergib es mir, so ich mich etwa im Anfange unseres Zusammenseins irgend ungebührlich gegen dich ausgedrückt habe! Nachdem du aber ohnehin eine Zeitlang bei uns zu verweilen dir vorgenommen hast, so werde ich aus allen meinen Kräften bestrebt sein, mich dir und deinen Jüngern schon möglichst dankbar zu erweisen.
14] Oh, du hast mir mein liebstes Kind wiedergegeben und dadurch mehr, als wenn du mir alle Reiche der Welt gegeben hättest! Darum gebührt dir nach Gott von mir aus auch die höchste Dankbarkeit!«
15] Sagte Ich: »Sei nun ruhig, Barnabe, und sieh, daß deine Tochter Elisa etwas zu essen bekommt; denn sie ist nun vollkommen gesund und muß nun auch vollkommen essen und trinken, damit sie wieder vollends kräftig werde!«
16] Dies geschah, und die Geheilte stand auf von ihrem Lager, kleidete sich schnell zur Not an, eilte dann auch zu Mir hin, ergriff hastig Meine Hand und drückte sie mit Dankestränen an ihren schönen Mund und an ihr Herz und sagte dann, vor Dank und großer, seliger Freude schluchzend: »O du wahrhaft allmächtiger Freund und Meister! Da dir alles möglich ist, so wird es dir auch nicht unmöglich sein, in mein Herz zu schauen; dort wirst du mit der glühendsten Liebeschrift den Dank gezeichnet finden, den ich dir ewig schulden werde!«
17] Sagte Ich: »Bleibe in solcher Liebe, und sie wird dir vielen Segen bringen! Aber nun setze dich an unsern Tisch, iß und trink und sei heitern Mutes! Wenn du aber wieder nach Nahim gehen wirst, dann mußt du nicht so hüpfen wie eine Gazelle, sondern recht bescheiden den etwas gefährlichen Fußsteig fortwandeln, so wirst du keinen solchen Leibesschaden mehr zu erleiden haben! Merke es dir nur, du Meine sonst wohl allerliebste Tochter Elisa! Nun setze dich, sei ruhig, und iß und trink!«


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