Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 261

Jesus im Hause des Ortsvorstehers. Ein Weinwunder.

01] Wir gingen nun ins recht niedliche und geräumige Alpentalhaus und wurden sogleich mit Brot, Salz und frischer Milch bedient. Der Vorsteher entschuldigte sich, daß er uns keinen Wein aufwarten könne; aber er hätte mehrere Schläuche von Waldbeerensaft, der nicht minder wohl schmecke als irgendein Wein. So wir ihn versuchen möchten, würde er uns mit vielem Vergnügen ein paar Krüge voll davon aufsetzen lassen.
02] Ich sagte: »Tue das; wir wollen deinen Waldwein versuchen! Schmeckt er uns, dann werden wir dich schon noch um ein paar Krüge angehen.«
03] Da ging der Hauswirt in seinen Keller und brachte uns ein paar Krüge voll des Waldbeerensaftes, der ganz wie Wein schmeckte, da er im Grunde auch Wein war; denn das Träublein, jetzt auch Johannisträublein genannt, gehört ja auch zu den verschiedenen Rebengattungen, deren Frucht ungefähr die kleinste Gattung Trauben ist. Kurz und gut, wir tranken mit etwas Wasser vermengt diesen Waldwein recht gerne, und der Wirt hatte eine große Freude daran, daß uns sein Wein also wohl schmeckte.
04] Als die beiden Krüge leer geworden waren, da wollte sie der Wirt sogleich wieder anfüllen gehen; aber Ich sagte zum nun schon sehr beredt gewordenen Waldbeerenweinerzeuger: »Höre, lasse du nun das und fülle die Krüge statt mit dem Waldweine jetzt lieber mit ganz frischem Wasser, und Ich werde das Wasser sogleich in einen allerbesten Wein verwandeln!«
05] Da machte der Wirt große Augen und sagte: »Na, auf dies Kunststück bin ich wahrlich sehr neugierig!«
06] Die beiden großen Krüge wurden sogleich, mit Wasser vollgefüllt, auf den Tisch gestellt, und der Wirt sagte: »Nun steht schon auf dem Tische, was du verlangt hast, und du, Freund, zeige uns, was du kannst und vermagst!«
07] Und Ich sagte zu ihm: »Nimm einen oder den andern Krug in die Hand und versuche den Inhalt!«
08] Der Wirt versuchte den Inhalt und war dabei so überrascht, daß er sogleich sein ganzes Hausvölkchen zusammenberief und einen jeden verkosten ließ. Alle behaupteten, noch nie einen so überaus guten Wein über ihre Lippen gebracht zu haben. Nun wollte aber auch ein jeder wissen, wie denn das zuging, daß da aus dem pursten Wasser ein so himmlisch guter Wein wurde.
09] Der Wirt aber sagte zu den vielen Fragenden: »Ja, meine Lieben, da fraget ihr den dort in der Mitte! Mir ist das selbst das größte Rätsel! So etwas ist seit Menschengedenken noch nicht dagewesen und ist gänzlich unerhört!«
10] Hier wandte sich der Wirt an Mich und sagte: »Meister der Meister in deiner mir unbegreiflichen, wunderbaren Kunst! Gib uns doch einen ganz kleinen Aufschluß, wie und auf welche Art dir so etwas möglich war! Und kannst Du noch mehrere solcher Kunststücke?«
11] Sagte Ich: »Lieber Freund, auf deine erste Frage kann Ich dir für jetzt keine Antwort geben; morgen aber wirst du schon ohnehin von selbst darauf kommen! Aber auf die zweite Frage kann Ich dir das sagen, daß Mir eigentlich gar nichts unmöglich ist und Ich dir bloß durch die alleinige Macht und Kraft Meines Willens zahllose Wundertaten vorführen könnte! Bist du damit einverstanden?«
12] Sagte der Wirt: »Du redest viel von dir, da du doch nur ein Mensch bist! Bedenkest du nicht, daß nur Gott allein allmächtig ist?! So dir alle Dinge möglich wären, so müßtest du ja Gott Selbst sein, oder du müßtest solches mit Hilfe des Beelzebub, welcher aller Teufel Oberster ist, bewirken, wozu du mir aber ein viel zu ehrliches, frommes und offenes Gesicht hast, von dem man sagen kann: Siehe, das ist ein wahres Ebenmaß Gottes!
13] Ich aber will gar nicht irgend maßgebend reden und denke an die Zeit zurück, in der ich zu Jerusalem und auch in den andern Städten, besonders einst in Damaskus, war, wo ich auch einen indischen Magier habe kennengelernt, der auch mit der ungeheuersten Übertreibung von sich kundgab, daß ihm auch gar nichts unmöglich sei. Er hat im Ernste Dinge uns geleistet, deren Möglichkeit mir ebensowenig ersichtlich war wie die Art, wie du nun das Wasser in den besten Wein umgewandelt hast. Aber es ist bei allen Magiern und Künstlern das Übertreiben ihrer immerhin besonders uns Laien wunderbaren Fähigkeiten schon so eine altübliche Sache, die man ihnen gerne zugute hält, weil sie im Grunde denn doch außergewöhnliche Menschen sind. Etwas aber möchte ich an diesem Abende denn doch noch von dir, Meister der Meister, sehen!«
14] Sagte Ich: »Siehe, ein jeder Mensch urteilt nach seinem Verstande, und also auch du, und es wäre da gar nicht fein von Mir, dir darüber etwas zu entgegnen! So du zu einer tieferen Anschauung gelangen wirst, dann wirst du auch anders urteilen; darum davon nun nichts Weiteres! Du hast Mich für heute noch um ein sogenanntes Kunststücklein ersucht, und Ich will es auch tun. Aber damit du dir nicht etwa denkst, Ich könne nur, was Ich kann, so sage an, was Ich dir tun soll!«


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