Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 260

Jesus besucht mit den Seinen einen Gebirgsort.

01] Nach ein paar Stunden Weges erreichten wir den verborgenen Ort, der so, wie viele andere, keinen Namen hatte. Die Juden wie die Griechen benannten ihre bewohnten Orte oft deswegen nicht, auf daß sie wegen der Besteuerung von den Römern und den Lehnsfürsten nicht so leicht aufgefunden werden konnten; denn so ein solcher Ort einmal aufgefunden, beschrieben und benamset war, so war er auch tributpflichtig.
02] Nebstbei aber war auch noch ein anderer Grund der allda so oft vorkommenden Namenlosigkeit der kleinen Ortschaften vorhanden, und der bestand darin: Es war bei den Römern wegen der schnelleren und leichteren Kolonisierung und Kultivierung der unwirtbaren und wüsten Gegenden gebräuchlich, daß eine neue Kolonisation samt ihren neuerbauten Orten zwanzig, dreißig, vierzig bis fünfzig Jahre hindurch unbesteuert blieb, je nachdem eine oder die andere Gegend mehr oder weniger Zeit zu ihrer vollen Kultivierung benötigte. Nun, daß die Juden und Griechen, die nie gar besondere Freunde vom Steuerzahlen waren, dieses humane römische Gesetz sehr zu ihrem Nutzen auszubeuten verstanden, daran wird sicher niemand irgendeinen Zweifel haben. Sie gaben darum einem neuerbauten Orte keinen Namen, und wurden sie irgendwann von einem römischen Kommissarius befragt, so war der Ort erst zehn Jahre alt, wenn er auch schon längst über ein halbes Säkulum auf dem Rücken hatte. Darauf bekam der also von einem Kommissarius besehene Ort eine Nummer, aber noch keinen Namen; erst von diesem Zeitpunkte angefangen, ward der neue Ort nach der abgelaufenen gesetzlichen Frist steuerbar und bekam einen Namen.
03] Und also war denn dieser kleine Ort, den wir soeben erreichten, ein namenloser, aber darum auch ein noch steuerfreier Ort. Dieser Umstand kam aber auch uns oftmals zugute; denn die Bewohner von solchen neuen oder besser noch unbesteuerten Orten waren um vieles freigebiger und zugänglicher. Und so war es abermals hier wieder der Fall. Wir kamen gerade mit dem Untergange der Sonne an einem Vorsabbat in diesem wahrlich sehr verborgenen Orte an.
04] Der Ort aber lag in einem Hochgebirgstal, das da recht fruchtbar und besonders zur Viehzucht geeignet war; aber es war nur von einer Seite, und selbst da sehr schwer zugänglich. Menschen, die dem Kopfschwindel unterworfen sind, würden es wohl kaum wagen, sich über diese steilen Pfade hinaufzubegeben. Das Tal selbst lag nach der jetzigen Messung über viertausend Fuß über dem Meere, was in Asien freilich wohl eben nicht gar zuviel sagen will, dieweil es da noch viel höher gelegene, bewohnte Ortschaften gab und noch gibt.
05] Als wir also in diesem Orte ankamen, da ersahen uns alsbald mehrere Einwohner und beriefen schnell ihren Ältesten und Vorsteher, daß er käme und uns ausforschen solle, warum wir dahin gekommen wären. Der Vorsteher, ein schon stark ergrauter Jude, war gleich bei der Hand, besah uns und fragte uns darauf, was wir hier zu tun willens wären, und was uns genötigt habe, diesen von aller Welt schroffst abgeschiedenen Ort zu erklimmen.
06] Ich aber sagte zu ihm: »Der Friede sei mit dir und mit diesem ganzen, wahrlich nicht unbedeutenden Orte. Das Reich Gottes ist nahegekommen, was ihr schlichten und einfachen Leute während Meiner Ruhe, die Ich bei euch nehmen will, schon noch zur Genüge werdet einsehen lernen! Für jetzt aber frage ich dich, ob wir bei dir nicht eine kurze Zeit hindurch eine Herberge haben können?«
07] Sprach der Vorsteher: »Ihr seid keine argen Menschen, das habe ich auf den ersten Augenblick herausgehabt; aber ihr seid so Abenteurer, und das macht nichts, und so könnet ihr schon unter meinem Dache Wohnung haben. Aber ihr müsset mir recht vieles erzählen, wie es etwa nun in der Welt so zugeht; denn ich bin nun schon bei zwanzig Jahre lang nicht von da in die lose Welt hinabgekommen und weiß sonach wenig oder gar nichts von ihr! Auch die Bewohner dieses Ortes gehen nur von Zeit zu Zeit in das nahegelegene Städtchen oder Flecken Nahima, des Salzes wegen, das wir hier nicht haben. In Jerusalem aber waren wir, obwohl wir feste Juden sind, schon bei zwanzig Jahre lang nicht. Denn da herrschte schon damals nichts als Lug, Trug, Herrschsucht und der allerstinkendste Hochmut vom Tempel aus durch alle Volksschichten hinab. Wie wird es erst jetzt aussehen?
08] Ich zog mich als ein echter Jude darum auch hierher aus wahrer Liebe zu Gott zurück mit noch einigen, die ebenso gesinnt waren wie ich, und wir stifteten hier somit eine zwar freie, aber möglichst reine, Gott, dem alleinigen Herrn, treu ergebene Gemeinde, und Er hat uns dafür schon recht reichlich gesegnet.
09] Ihr seid auch Juden und werdet noch eure großen Stücke fürs Seelenheil auf den Tempel zu Jerusalem halten? Aber ihr waret nie Schriftgelehrte und Diener des Tempels und könnet daher auch gar keine Ahnung haben, welch ein schauderhafter, jedes bessere Menschengemüt empörender Unfug da mit den heiligsten Rechten der Menschen innerhalb der heiligen Mauern getrieben wird! Das hat mich und mehrere meiner Freunde empört! Wir gingen durch und fanden dieses Tal, in dem wir sogleich die nötige Leibesnahrung fanden.
10] Mit der Zeit erbauten wir uns hier diese recht artigen Häuser und leben jetzt so recht gemütlich und friedlich beisammen und geben allzeit Gott allein die Ehre. Nur um das einzige bitte ich euch, daß ihr bei eurer Wiederkehr in die lose Welt hinab uns gegen niemanden verratet! Ansonst seid ihr uns sehr willkommene Gäste. Nun begeben wir uns in mein Haus, das nun Gott dem Herrn sicher wohlgefälliger ist als der Salomonische Tempel zu Jerusalem. Im Hause bei einem guten Mahle werden wir noch so manches besprechen, und ihr sollet uns da erst so recht kennenlernen!«


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