Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 250

Die Notwendigkeit weltlicher Gerichte. Die Ursachen der Verbrechen und ihre Verhütung.

01] Sagt Petrus: »Herr und Meister! Das gewiß, und es wäre so wohl schon am allerbesten; aber so wir auch das alles genauest beachten werden, wie auch noch gar viele andere Menschen, die von uns solche Lehre überkommen werden, so fragt es sich aber dennoch sehr darum, ob die weltlichen Gerichte deshalb keinen Bestand mehr haben werden.
02] Siehe, so da jemand an mir in irgend etwas sich versündigt hat, so werde ich ihm das ganz sicher vergeben auch siebzigmal siebenmal, so es mein Beleidiger im Ernste sollte darauf ankommen lassen; aber so er dann als ein arger und schadenfroher Mensch noch nicht genug hat und seine Beleidigungen über die große Zahl von siebzigmal siebenmal treibt, - was dann mit einem solchen Menschen? Da, bin ich nun der Meinung, dürfte es doch an der Zeit sein, solch einen Frevler dem weltlichen Gerichte zu überliefern, wie auch Dein barmherziger König am Ende, da seine große Langmut nicht fruchete, den unbarmherzigen Knecht denn doch dem Peiniger überantwortete. - Was sprichst Du, Herr, zu solcher meiner Meinung?«
03] Sage Ich: »Mein lieber Petrus, da sage Ich eben nicht gar viel, weil Ich euch für einen solchen unverbesserlichen Fall gleich nach dem Fischerstreit vor deinem Hause schon ohnehin ganz offen die vollgültige Weisung gegeben habe und ein jeder von euch denn doch sicher begriffen hat, was da zu tun und zu verfügen ist!
04] Es versteht sich aber von selbst, daß in dieser Welt für große und grobe Verbrecher an den Rechten der Menschen auch gewaltige und große Weltgerichte sein und bestehen müssen, ansonst am Ende niemand seines Lebens mehr sicher wäre. Aber was da die kleineren Verirrungen betrifft, die sich nicht selten ereignen unter euch Menschen, so sollen diese an dem Richterstuhle des barmherzigen und versöhnlichen Herzens geschlichtet werden, auf daß aus den kleinen Verirrungen der Menschen untereinander nicht große und schwere Verbrechen werden; denn wahrlich sage Ich: Raub, Totschlag und Mord sind am Ende dennoch nichts anderes als Folgen der anfänglichen kleinen Verirrungen der Menschen unter sich aus lauter kleinen, weltlichen Eigennutz- und Eigendünkelrücksichten und -bezugnahmen. - Es soll euch das nun noch ein kleines Gleichnis heller erleuchten:
05] Es ist ein reicher und angesehener Vater im Besitze einer sehr schönen und lieben Tochter, in die ein junger, aber armer, wennschon recht gut gebildeter Mann sterbensverliebt wird, und das um so mehr, da die liebe Tochter ihm schon einige Male durch allerlei freundliche Winke und Zeichen nur zu klar zu verstehen gab, daß sie ihm im Herzen geneigt ist. Nun, dieser sonst ehrliche und biedere junge Mann faßt endlich den Mut und geht in einer ganz natürlich guten Absicht zum Vater der schönen Tochter und verlangt, daß sie ihm zum Weibe gegeben würde. Allein der Vater, ob seines großen Reichtums überstolz und hart, läßt dem ehrlichen, armen Bewerber um der Tochter Hand die Tür weisen durch seine Knechte und ihn aus dem Hofraum hetzen mit seinen Hunden.
06] Diese ungebührliche Aufnahme des armen Mannes hat nun dessen Herz erfüllt mit Zorn, Grimm und Rachgier, und je mehr er nun nachdachte über die reinste Unmöglichkeit, ein Schwiegersohn des reichen Mannes zu werden, desto mehr auch wuchs der Rachegedanke, den harten und stolzen Menschen auf das empfindlichste zu demütigen. Und als der arge Gedanke vollends reif geworden war, da waren Plan, Entschluß, und Wille und Tat auch schon da, und der junge Mann ward zum Mörder des reichen Mannes.
07] Er wäre aber das sicher nicht geworden, wenn er von dem reichen Manne wäre als ein Mensch behandelt worden. Der reiche Mann glaubte in seiner stolzen Größe nicht einmal viel zu tun, so er den armen Bewerber auf die besagte Weise aus dem Hause wies; aber für den Ausgewiesenen war es zuviel, und er ward dadurch ein Verbrecher, ein Mörder, verbarg sich dann aus Furcht vor den Weltrichtern ins Dickicht der Wälder und ward da zu einem Schrecken der Menschen.
08] Und sehet nun aus diesem kleinen Bilde, daß nur die Härte der Menschen zuallermeist ihre ärmeren Nebenmenschen zu Verbrechern macht. Darum beachtet allenthalben das an denen, die sich durch irgend etwas an euch versündigt haben, was Ich euch anbefohlen und klar gezeigt habe, so werden große Verbrecher selten werden auf Erden, und die guten Menschen werden dann herrschen über die Armen der Erde. - Habt ihr alle das wohl verstanden und begriffen?«
09] Nun bejahten alle, daß sie diese Lehre wohl begriffen hätten. Die Jünger, die diese Lehre nach ihrer eigenen Aussage nun wohl begriffen, dachten aber dennoch über so manches nach, was darin enthalten war, und Johannes und Matthäus zeichneten die Hauptsache auf, und Jakobus und Thomas zeichneten auch für sich, aber mehr die Erklärungen, auf. Sie hatten wohl bei zwei Stunden damit zu tun.
10] Und als da all das Nötigste aufgezeichnet war, da sagte Petrus: »Nun kann uns diese Lehre nicht mehr verlorengehen, und damit ist schon vieles gewonnen! Aber es wird nun Abend, und ich werde doch dafür zu sorgen anfangen müssen, daß wir ein Abendmahl bekommen.«
11] Sagte Ich: »Aber wer sagte es dir denn, daß es nun schon Abend werde? Sieh hinaus nach dem Stande der Sonne! Ich sage es dir, so wir uns nun erheben und mit gutem Winde über die ganze Länge des Meeres fahren, so kommen wir noch vor dem Untergange sicher an die Grenzen des jüdischen Landes jenseits des Jordan!«
12] Darauf sah Petrus nach dem Stande der Sonne und fing an, sich sehr zu wundern, und zwar darüber, wie er sich in der Beurteilung der Zeit gar so gewaltig habe irren können; denn die Sonne hatte noch bei drei Stunden Weges bis zum Untergange.


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