Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 181

Hirams stoisch-naturalistische Weltanschauung.

01] Sagt darauf Aziona: »Wahrlich, nein, das verstehe ich noch ganz und gar nicht! Wie soll ich denn das verstehen?«
02] Sagt Johannes: »Indem du ein Jude bist, so wirst du doch auch einmal von den Psalmen Davids, von dem Hohenliede Salomos und von den Klageliedern des Propheten Jeremias gehört haben?«
03] Sagt Aziona: »O ja, das gewiß, obwohl ich davon noch wenig gehört und viel weniger verstanden habe!«
04] Sagt Johannes: »Siehe, das ist geistige Musik und geistiger Gesang, weil er den erwähnten Sängern durch den Geist Gottes eingegeben worden ist! Nun, verstehst du diese Sache schon besser?«
05] Sagt Aziona: »Nun ja, so etwas dämmerlicher wird es mir offenbar; aber irgendeiner klaren Einsicht brauche ich mich noch lange nicht zu rühmen anzufangen! - Wie verstehst denn du, Hiram, diese Sache?«
06] Sagt Hiram: »Geradeso wie du! Es wehet hier wohl so eine Art geistigen Duftes; aber so uns diese lieben und wunderbaren Freunde etwa das Hohelied Salomos sollten vorzusingen anfangen, da werde ich gehen. Denn mit dem Liede kann mich jemand wie eine Gemse über alle Bergspitzen hinaushetzen; das ist nach dem dir bekannten Apothekerausdruck eine wahre Quintessenz der menschlichen Dummheit, abgesehen davon, daß Salomo sonst einer der weisesten Judenkönige gewesen sein soll.
07] Von den Psalmen Davids und von den Klageliedern Jeremiä will ich gerade nichts sagen; denn es sollen darin viele ganz gute und erhabene Dinge vorkommen und allerlei so hübsch dunkel gehaltene Weissagungen von einem einst kommen sollenden Messias der Juden, etwa nach der Art der Ilias (Die von dem Dichter Homer verfaßte Heldendichtung der Griechen.) der Griechen. Aber das ist alles eine recht schöne Poesie, hinter der aber nicht einmal mein heutiger, schöner und hier auch in die Erfüllung gegangener Lichttraum steckt! Die armen, sterblichen Menschen vertrösten sich, so gut es gehen kann, stets mit lauter guten Dingen; aber wo ist da die effektive Wirklichkeit? Die bleibt ewig unterm Wege stecken, und ein jeder Mensch mit all seinen schönsten Hoffnungen findet endlich da unten in der kühlen Erde die Erfüllung! Das ist und bleibt die ewige und gleiche Wahrheit; alles andere zerstäubt ins alte, eitle Nichts!
08] Es ist wahr, Aziona hat mir ehedem so manches und sehr Beachtenswertes gesagt, hinter dem wohl irgendeine geheime, von uns noch gar nicht gekannte Wahrheit steckt; aber es hat die liebe Erde seit Moses, Sokrates und Plato schon so manche überaus weise Männer, die man ganz gut schon für Götter hätte halten können, getragen. Sie waren sicher da, und alle Kräfte der Natur gehorchten ihren Winken! Allein, sie wurden dennoch älter und schwächer und gebrechlicher, und am Ende ihrer Tage zeigte sich's dennoch, daß sie auch nur sterbliche und vergängliche Menschen waren, und sie sind in das ganz gleiche Nichts übergegangen wie diejenigen uns ganz gleichen menschlichen Wenigkeiten, denen es nie eingefallen ist, auf der Welt etwas sein zu wollen. Darum ist alles eitel in dieser todvollen Welt!
09] Man sagt wohl so ziemlich allgemein von einem irgendwo befindlichen jenseitigen Seelenreiche; allein wo ist dieses, wer hat je eine Seele und wer je ihr künftiges Wohnland gesehen? Ja, Dichtungen und Sagen gibt es überall in Mengen darüber! Wir sind unser viele hier, das heißt für diesen ganz verlassenen Ort der Erde; aber darunter ist auch nicht einer, der es mit Bestimmtheit sagen könnte, daß er je selbst einmal eine Seele gesehen oder nur so recht lebhaft gefühlt hätte! Was sich aber nicht jedermann, der als Mensch doch auch ein Recht darauf haben sollte, in seinem Leben zu erkennen gibt, sondern zumeist allein nur den verschiedenen Priesterschaften und andern ihnen sehr ähnlichen Individuen, nun, da ist es hoffentlich für einen nicht schwer zu erraten, auf welchem Grund und Boden und zu wessen Frommen derlei Sagen, Dichtungen und sogar Lehren entstanden sind! Wohl denen, welchen solche luftigen Wortgebilde irgendeinen Trost und eine Beruhigung gewähren können! Wir, liebe Freunde, haben etwas Besseres hell erkannt und erfaßt, nämlich die uralte, stets gleiche Wahrheit in ihrer tiefsten Tiefe, und finden eben darin unsern größten Trost und zugleich unsere größte Beruhigung, ehest ins ewig uralte Nichts wieder zurückzukehren; denn im Nichts liegt ja doch offenbarst die größte und allerseligste Ruhe.
10] Daß wir nun da sind, leben, denken und fühlen, das ist schon so ein eigenes, unbegreifliches Spiel der Natur. Die Winde spielen mit den Meereswogen, und diese toben, sausen und brausen, als wollten sie schon gleich die ganze Erde samt ihren Bergen verschlingen; allein, bald legen sich auch die Winde, und alle noch so tobende Macht der Wogen ist dahin. So auch steigen Wolken auf, ganz entsetzlich gewitterschwanger. Man sollte glauben, daß das der Erde ein Ende bereiten werde; aber nur zu bald hat der Sturm ausgetobt, und ihm folgt wieder die alte Ruhe. Und so wechselt die große Spielerei der Natur. Alles vergeht und kommt auch wieder; nur die große Natur bleibt sich stets gleich. Sonne, Mond, Sterne und diese Erde sind stets dieselben, und die Erscheinungen und ihre Spielerei auch.
11] Seht, liebe und sehr achtbare Freunde, möget ihr machen, was ihr nur wollt und könnt, und ebenso allerlei Weisheit reden, schreiben und lehren, so ist das alles eitel! Nur das, was ich euch aus meiner sicher schlichten und uneigennützigsten Armseligkeit gesagt habe, ist und bleibt wahr. Denn das lehrt die Menschen die tägliche Erfahrung, und diese kennt als die urälteste Lehrerin aller Kreatur durchaus keine Ausnahme, da sie aller Kreatur so eigen ist, wie diese beiden Augen, solange ich lebe, mein eigen sind. Alle andern Weisen und Propheten hatten ihre Weisheit und Kenntnisse wieder von ihren Vorgängern geschöpft und wollten damit der alten Erfahrung Trotz bieten; aber es ist alles rein umsonst und eitel! Da unten sind sie schon lange zunichte geworden, und nichts ist von ihnen übriggeblieben als ihre eitel weisen Lehren und so manche ihrer Großtaten. Nur schwache, an diesem nichtigsten Leben stark hängende Geister können an derlei Gehirnverwirrtheiten noch irgendeinen Wohlgefallen, ja mitunter sogar einen leeren Trost finden.
12] Das ist nun meine Lebensansicht. Habt ihr vielleicht eine bessere, so lasset sie los, und ich werde es sehr gerne sehen, so ihr uns noch etwas Wahres zu sagen imstande seid! Doch ich weiß es schon zu voraus, daß ihr mir mit nichts Wahrerem und Gediegenerem kommen könnet, weil es dergleichen nirgends gibt und geben kann.«
13] Sagte heimlich Petrus zu Mir: »Herr, na, der spricht so ein bißchen hebräisch! Wahrlich, wenn ich nicht mit Dir schon so außerordentliche Erfahrungen gemacht hätte, so wäre der noch der erste, der mich ganz schwach reden könnte!«
14] Sagte Ich: »Oh, wartet nur, das ist noch lange ihr Kern nicht; sie werden schon noch dichter kommen! Ich habe es euch ja darum zum voraus gesagt, daß ihr da euch sehr werdet zusammennehmen müssen, um diese Menschen zu einer anderen Überzeugung und, was die Hauptsache ist, zur Liebe zum Leben zu bringen. Johannes, fahre du nur fort!«
15] Sagte Johannes hier etwas kleinlaut: »Herr, aber lege Du mir gleichfort Worte in den Mund; denn vorhin hast du mich einige Augenblicke allein reden lassen, und ich war gleich - wer weiß wo! Ich habe zwar gerade nichts Unpassendes geredet; aber kurz, ich merkte es, daß ich nicht auf der Linie geblieben bin!«
16] Sagte Ich: »Mein lieber Johannes, sei darum ganz ruhig! Was du geredet hast, war alles in der größten Ordnung, denn es mußte alles genau also kommen. Daher fahre du nun nur mutig fort, und wir werden uns noch eines der schönsten Siege zu erfreuen haben!«
17] Das machte dem Johannes Mut, und er begann sogleich wieder zu reden, und zwar mit noch mehr Geist und Mut denn früher.


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 5  |   Werke Lorbers