Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 180

Das Schauen der Seele im Traume.

01] Sagt hierauf Johannes: »Siehst du, Freund Aziona, wie es bei dir schon geistig zu dämmern beginnt? Denn du hast deinem Freunde und Nachbarn Hiram über das Leuchten seines Traumgesichtes eine ganz vollkommen richtige Erklärung gegeben; denn es verhält sich gerade und ganz genau also! Im Traume schauet nur die Seele geistig mit ihren geistigen Augen und kann demnach auch nur das Geistige sehen, - und so hast du uns zum voraus geistig sehen können, das heißt nicht du, Aziona, sondern der Hiram.«
02] Sagt Aziona: »Aber Hiram sah nicht nur das Licht allein, sondern auch die Materie der Form nach, wie sie hier ist! Nun, mit welchen Augen sah er diese?«
03] Sagt Johannes: »Als wir heute vor etwa drei Stunden ankamen, da warst du und noch mehrere deiner Nachbarn zugegen; nur Hiram war nicht da. Als der Mittag kam, eilte alles in die Hütten des kargen Mittagsmahles wegen; du allein nur bliebst uns zu unserer Bewirtung. Wäre Hiram auch unter denen gewesen, die uns mit dir hier empfangen haben, so hättest du eher noch eingesehen, wie man mit den geistigen Seelenaugen zuweilen auch materielle Formen sehen und wahrnehmen kann. Aber nun muß dir das erst nach und nach gezeigt werden; denn da kommt es nun auch auf das alte Sprichwort an, daß mit einem Hiebe noch lange kein Baum fällt.«
04] Fragt Aziona: »Ja, lieber, weisester Freund, warum aber hätte ich das dann früher eingesehen, so bei eurer Ankunft auch Hiram zugegen gewesen wäre?«
05] Sagt Johannes: »Ja, das hat, weißt du, schon so alles seine sehr geweisten Wege! Hiram hätte uns sogleich als dieselben erkannt, welche er in seinem Lichttraume gesehen hatte, und da hätte unser Gespräch sicher auch gleich eine andere Wendung genommen, und wir wären da offenbar früher über diesen Punkt zu reden gekommen. Nun aber sind wir später erst darauf gekommen, und so kannst du auch aus ganz natürlichen Ursachen nur später hinter dies Geheimnis kommen!«
06] Sagt Aziona: »Ja, das ist freilich etwas ganz Natürliches; denn das geht mit allem in der Welt also! Je später man mit einer Arbeit, die eine bestimmte Zeit erfordert, anfängt, desto später wird man auch damit fertig!«
07] Sagt Johannes: »Aber es ist hier doch auch noch ein anderer Grund vorhanden, den du aber jetzt noch nicht so geschwind einsehen kannst; mit der Zeit jedoch wirst du auch darin ins klare kommen, nur mußt du dir vor allem ein wenig mehr Geduld aneignen! Denn nur mit Geduld kann man endlich die ganze Welt in sich und auch außer sich besiegen.«
08] Sagt Aziona: »Geduld, wahrlich, die ist meine schwache Seite nicht, - denn an der hat es mir stets stark gemangelt; aber so es sein muß, so kann ich schon auch geduldig sein!«
09] Sagt Johannes: »Du hast eigentlich sagen wollen, daß die Geduld bei dir keine starke, sondern wirklich nur eine sehr schwache Seite ist, die bald und gerne reißt, - nicht wahr, mein Freund Aziona?«
10] Sagt Aziona: »Gediegene Sprachkenntnis müßt ihr bei uns nicht suchen; denn wir reden nur so nach altem Sprachgebrauche, und der ist, was den Sinn betrifft, fast überall ein anderer. Aber weil du schon gerade von starken und schwachen Saiten gesprochen hast, so möchte ich fast meinen, daß ihr auch Musiker und Sänger seid!«
11] Sagt Johannes lächelnd: »Ja, ja, du möchtest nicht so ganz unrecht haben; denn Musik und Gesang ist bei den Juden ja von jeher unter allen Völkern der Erde am stärksten vertreten gewesen, obwohl wir denn so ganz eigentlich doch weder Musiker noch Sänger sind, wie sie nun bei uns in Galiläa sehr häufig vorkommen. Auch meinte ich mit dem Ausdrucke 'schwache und starke Seite' nicht etwa die Saiten eines musikalischen Instrumentes, sondern nur die moralische Seite des menschlichen Gemütes; aber dessenungeachtet sind wir dennoch auch Musiker und Sänger, aber nur so recht tief geistig! - Verstehst du solches?« -
(N. B. Hier muß zum Verständnisse der Deutschen das wohl bemerkt werden, daß in der althebräischen Sprache die Saite eines Musikinstrumentes und die Seite eines Menschen noch gleichlautender waren als in der gegenwärtigen deutschen Sprache; denn 'Saite' hieß Strana, auch Strauna, und die 'Seite' hieß ebenfalls Stana, auch kürzer Stan oder Stranu, und es kann daraus leicht entnommen werden, warum Aziona uns für Musiker und Sänger zu halten anfing - Anmerkung v. J.Lorber)


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