Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 179

Der Traum des Hiram.

01] Diese erstaunten höchlichst über alles das, und einer sagte: »Merkwürdig, ich halte zwar nichts auf die Träume, - aber mein Traum, der mir in dieser Nacht vorkam, scheint sich mit dieser höchst sonderbaren Begegnung sehr als wahr zu bestätigen!«
02] Fragt ihn gleich Aziona in seiner hastigen Weise: »Nun, nun, erzähle nur geschwind, was dir alles geträumt hat! Aber laß ja nichts aus; denn es kann alles von großer Wichtigkeit sein!«
03] Sagt der Nachbar: »Nur eine kleine Geduld, mein Freund Aziona; denn man muß sich den Traum erst so recht aus allen den Lebenswinkeln seines Gemütes ein wenig geordneter zusammensuchen, weil man dir mit keiner ungeschickten Erzählung je kommen darf. Aber nun habe ich ihn schon so ziemlich beisammen, und so wolle du ihn ganz geduldig vernehmen.
04] Ich stand am Ufer unserer für jedes größere Schiff nahe unbefahrbaren Bucht. Da ersah ich im Morgen einen großen Glanz aufsteigen, stärker leuchtend denn die Mittagssonne. Ich forschte mit meinen Augen hin und her und auf und ab, doch es wollte sich nichts zeigen als etwa irgend etwas der Sonne Ähnliches, von dem der große Glanz hätte ausgehen können!
05] Ich betrachtete diesen großen Glanz mit einer stets größeren Lust und entdeckte bald darauf ein großes Schiff, das gerade in diese Bucht einlenkte. Dieses Schiff aber war so leuchtend, daß ich bald gewahrte, daß der vorhergehende große Lichtglanz allein nur von diesem Schiffe herrühren konnte. Ich bemerkte auch bald Menschen in diesem Lichtschiffe, unter denen besonders einer mehr denn die Mittagssonne leuchtete. Aber auch die andern, bis auf einen, leuchteten stark, aber dennoch so, als wären sie gleich den weißen Sonnenwölkchen von dem einen beleuchtet. Das Schiff näherte sich schnell unserer Kolonie. Mich ergriff ob des stets stärker werdenden Lichtes ein großes Bangen, daß ich mich eiligst in meiner Hütte zu verbergen suchte. Aber da ward ich wach und sah erst ein, daß es nur ein Traum war.
06] Obwohl ich aber, wie auch jeder von uns, auf einen Traum nichts halte, so hat mich aber dennoch dieser sonderbare Lichttraum bis jetzt beschäftigt und ich rief mir zu öfteren Malen zu: "Nein, das ist kein gewöhnlicher, leerer Traum! Der wird auf irgendeine ganz entsprechende Weise in Erfüllung gehen!" Und siehe, da ist sie schon vor uns!
07] jetzt aber nur gleich hin; denn ich brenne vor Begierde, dies Schiff zu sehen, ob es mit dem von mir im Traume gesehenen zum wenigsten eine formelle Ähnlichkeit hat! Auch die Menschen habe ich in größerer Nähe schon so deutlich ausgenommen, daß ich mir die Physiognomien recht gut habe merken können. Es wäre wahrlich höchst merkwürdig, so das Schiff und auch die Menschen, die ich auf dem Schiffe in meinem Traume geschaut habe, mit deinen wunderbaren Gästen eine Ähnlichkeit hätten! Gehen wir daher nur gleich zu ihnen, auf daß sie uns nicht vorher etwa abfahren!«
08] Darauf erhob sich gleich die ganze Nachbarschaft und eilte zu uns.
09] Als sie nun vor uns standen, rief gleich der Träumer laut aus: »Ja, ja, Bruder Aziona, das ist auf ein Haar dasselbe Schiff, und das sind auch ebenso ganz dieselben Menschen, nur alles ohne den Lichtglanz!«
10] Hier rief Ich Selbst ihn beim Namen und sagte: »Hiram, was hältst denn du demnach nun von deinem Traume? Und was du, Aziona?«
11] Sagte Hiram: »Ja, ihr lieben, wunderbaren Freunde! Darüber weiß ich gar nichts anderes zu sagen, als daß er mit euch, was die Form betrifft, ganz vollkommen in die Erfüllung gegangen ist! Nur das Licht ist nun nicht ersichtlich; vielleicht aber werden wir alle es auch wieder zu sehen bekommen, so dieser helle Sonnentag sich mit dem Sternenmantel der Nacht umhüllen wird!«
12] Sagt Aziona: »Ich aber meine, daß es da keines äußeren Leuchtens bedarf, weil diese lieben Freunde des unbegreiflichen innern Lebensweisheitslichtes gar so strotzend voll sind! Und ich möchte da schier meinen, daß da, Freund Hiram, in deinem wahrhaft merkwürdigen Traume nur dieser Männer geistiges Leuchten geschaut hast! Jedoch darüber werden dir erst eben diese lieben Männer und unbekannten Freunde den rechten Aufschluß geben!«


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