Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel150

Dummheit und Blindheit der Pharisäer.

01] Sagt der Pharisäer: »Allerhöchster und gestrengst gerechter Gebieter! Wir sind Schriftgelehrte und haben die Chronik studiert; daher glaube ich, daß wir denn doch nicht gar so dumm sein sollten!«
02] Sagt Cyrenius: »Seht, selbst diese eure Bemerkung war so dumm als möglich, und ebenso dumm eure Art und Weise, den Heiligen aus Nazareth zu fangen! Denn das hättet ihr euch bei einem Quentchen Verstand denn doch wohl denken können, daß wir Römer einen in sogar schlecht gemachter römischer Kleidung vermummten Juden von einem wirklichen Römer unterscheiden werden und nur zu geschwinde begreifen, daß dahinter eine so recht abgefeimte Lumperei steckt! Also hättet ihr euch wohl auch denken können, daß ich des Herodes Unterschrift wohl etwa nur zu gut kennen werde! Also hättet ihr euch wohl auch vorstellen können, daß ihr von mir auf der Stelle durchschaut und erkannt werdet in eurer gar argen Absicht, und daß darum euer Unternehmen ein höchst dumm gewagtes war, das euch um alles, sogar um euer bißchen Fleischleben, das euer größtes Heiligtum ist, hätte bringen können! Ich sage es euch: Wahrlich, das hätte ein Kind, von einigem Mutterwitze beseelt, euch mit Bestimmtheit voraussagen können, wie es euch mit eurem Unternehmen ergehen wird! Aber nein, - es ist ja gerade zum Schwindligwerden! Ihr hochweisen Schriftgelehrten habt das nicht zum voraus einzusehen vermocht!
03] Wisset ihr aber, worin das seinen Grund hat? Ich werde ihn euch sagen: Der schwelgende Prasser, dessen Magen noch nie eine Leere verspürt hat, kann sich unmöglich die Empfindung eines hungrigen Magens vorstellen; dem Tauben kommt es gar nie in den Sinn, wie es dem zumute wird, der die Harmonie einer rein gestimmten Äolsleier vernimmt: also kann sich - auch der Stockblinde keinen Begriff von dem Eindrucke des Sehens und Schauens machen, und es ist in seinem Gefühle, als wären alle Menschen blind. Und ebenso und eigentlich noch ärger ergeht es dem geistig blinden und in der Wahrheit dummen Menschen! Er hält nicht nur alle Menschen für ebenso dumm, wie er selbst es ist, sondern für noch viel dümmer; denn sich hält er ja gar nicht für dumm, sondern für sehr weise nur. Er kann es gar nicht begreifen, wie möglich auch der B ebenso verständig und weise sein könnte wie er selbst als A sich fühlt. Und darin liegt dann eben der Grund, warum solche höchst eingebildet dummen Menschen bei irgendeinem Unternehmen die Sache schon so dumm als möglich angreifen, wie ihr das soeben nur zu handgreiflich klar hier vor mir an den Tag gelegt habt.
04] Weil ihr aber eben so dumm seid, so begreifet ihr ja auch unmöglich die unnennbar großen Zeichen dieser Zeit, wie ihr auch trotz aller eurer so hoch gepriesenen Schriftgelehrtheit gar keinen Dunst von dem habt, was Moses und alle die andern Seher von dieser jetzigen Zeit, und namentlich von dem Messias der Juden und Seinem Reiche auf Erden geweissagt haben. Es ist daher das,wie dies euer Unternehmen, nur eurer zu großen und groben geistigen Blindheit zuzuschreiben; denn bei einigem Geisteslichte müßtet ihr denn ja doch um eures Jehova willen einsehen, daß gegen eine Macht, wie da ist die unsrige, von eurer Seite wohl ewig nichts mit Erfolg auszurichten sein wird, und noch weniger gegen einen von dem allmächtigsten Geiste Gottes
erfülltesten Mann, der es nur ganz leise zu wollen braucht, - und die ganze Erde ist in einem Augenblick aus dem Dasein verschwunden!
05] Wahrlich, sage ich es euch: fünfmal hunderttausend solche Menschen, wie ihr es seid, fürchte ich mit hunderttausend Mann geübter Krieger nicht; aber was würden mir tausend Male soviel Krieger gegen den allmächtigen Willen solch eines Mannes nützen? Ein Gedanke von Ihm, und sie sind nicht mehr! Und ihr wollt mit eurer List und Staatsklugheit solch einen Gottmenschen fangen und gar töten, - und das ohne irgendeinen haltbaren Grund auch noch dazu? Saget es mir nun aber ganz aufrichtig, ob ihr nun eure gar zu große und grobe Dummheit noch nicht einsehet und nun schon ordentlich mit den Händen greifet!«
06] Sagt der Pharisäer: »Wenn ich offen zu dir reden dürfte, wollte ich dir auch einiges sagen, was vielleicht dir, höchster Gebieter, in dieser Sache auch ein wenig die Augen öffnen möchte; aber man kann mit dir nicht reden und rechten, wie solches wir Weisen des Tempels unter uns zu tun pflegen! Dürfte ich aber ungestraft mit dir so ganz von der Leber weg reden, so würdest du dann vielleicht auch sehr große Augen zu machen anfangen!«
07] Sagt Cyrenius, sogar mit einer Art verhaltenem Lächeln: »Wahrlich, dir gestatte ich ganz frei zu reden; keine Strafe soll deinen Worten folgen!«


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