Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 127

Die Liebe als wahrstes Gotteslob. Jesu Gleichnisse von der Ernte und von der Anpflanzung.

01] Nach einer Weile hatte sich unser Mathael wieder gesammelt und wollte so ein recht großartigstes dithyrambisches Lob Mir vorzudeklamieren anfangen.
02] Ich aber sagte zu ihm: »Freund, was du hier offen aussprechen willst, weiß Ich vom Alpha bis zum Omega schon lange und zum voraus; daher magst du das wohl unterlassen! Ich bin kein Freund von solchen großartigen Lobessprüchen. Der Mir allerangenehmste Lobesspruch ist der, daß du Mich wahrhaft liebst in aller Lebenstiefe deines Herzens!
03] Wenn du bei deinem Volke sein wirst, da kannst du schon in aller Begeisterung groß reden von Mir, und Ich werde es dir vergelten mit allerlei Gnadengaben für Herz, Seele und Geist; aber hier in Meinem Angesichte ist so etwas um so weniger nötig, als alle die andern Anwesenden Mich ohnehin ebensogut erkennen wie du und Mir auch, dir ganz gleich, die Ehre geben.
04] Glaube du es Mir: Etwas Größeres, Erhabeneres und Gottes Würdigeres als da sind Davids Psalmen und Salomos Hoheslied, ist seit Noah auf der Erde nicht geschrieben und gesungen worden.Aber darum sind Mir David und Salomo nicht werter und angenehmer geworden! Salomo ist am Ende gar aus aller Meiner Gnade durch sich selbst gekommen, und den David machten nicht seine Psalmen zum Manne nach dem Herzen Gottes, sondern nur das, daß er Meinen Willen erkannt und freiwillig danach gehandelt hat. Weil er aber das tat, so bekamen seine Psalmen erst dadurch auch einen Wert vor Mir. Du siehst also nun, was allein vor Mir einen Wert hat. Tue sonach das, und du wirst Mich dadurch am meisten ehren zu Meiner wahren Freude und zum wahren Nutzen deiner Seele!
05] Nun aber muß Mein Roklus einmal her; denn Ich sehe, daß er noch etwas auf dem Herzen hat und davon eine nähere Erklärung möchte, die ihm denn auch zuteil werden soll. Roklus, komme Mir näher, denn Ich habe mit dir noch so manches abzumachen!«
06] Als Roklus solchen Ruf vernahm, eilte er schnell zu Mir hin und sagte: »Herr und Meister, hier stehet schon allerdienstfertigst vor Dir dein letzter und allernutzlosester Knecht! Gebiete, o Herr, und ich werde alsogleich allergenauest danach handeln! Denn ich habe Deine früheren Worte allergenauest vernommen, habe sie im Liebefeuer meines Herzens geprüft und fand darin so gar alles naturgemäß wahr, was Du, o Herr, gelehrt und allertreuest und klarst gezeigt hast. Wissen und Erkennen muß freilich wohl das erste sein, - aber dann kommt sogleich das Handeln danach; denn alles Wissen und Erkennen hat ohne das Handeln gar keinen Wert! Davon bin ich nun so vollkommen überzeugt, daß mich alle Weisen der ganzen Erde auf keine andere Überzeugung nur um ein Haarbreit hinüberleiten könnten. Darum gebiete, o Herr, nur, und ich werde eiligst meine Hände ans Werk legen!«
07] »Ja, ja«, sage Ich, »wohl haben wir eine große Arbeit vor uns, und der Arbeiter gibt es noch wenige! Groß könnte die Ernte ausfallen, die Saaten sind reif geworden; aber der Schnitter und Ährenleser gibt es wenige nur. Darum ist es hoch an der Zeit, die Hände ans Werk zu legen, daß das Weizenkorn in Meine Scheuer gebracht wird, ehe da kommen die Stürme und ausschlagen und zerstreuen das edle Lebenskorn und die Vögel dann kommen und ihren Heißhunger damit stillen.
08] Wohl steht noch so manche Zeder auf Libanon, unter deren Ästen einst Samuel gebetet hat. Damals waren diese Bäume noch Jünglinge voll Kraft und Üppigkeit, und die wutentbrannten Stürme versuchten vergeblich ihren Unmut an ihnen zu kühlen. Doch das Alter wird gebrechlich und morsch die Sehnen seines gebleichten Lebens! Darum haben die alten Zedern Libanons nun wohl hier und da in manchem Aste noch eine Kraft und trotzen noch so manchem Sturme mit ihrem gesunden Teile; aber mehr denn zwei Dritteile der Äste sind schon abgefallen, und die jetzt noch seienden - kaum ein Drittel - sind nur zur Hälfte mehr gesund und gewähren nur noch den Affen eine notdürftige Unterkunft und einen schwachen Schutz vor den Stürmen, die am Libanon daheim sind. Nun hast du eine überreife Saat zum Einernten und als ein einsichtiger Forstmann den Libanon neu zu bepflanzen mit jungen Zedern; aber wie es anstellen, um fertig zu werden vor der Zeit der großen Stürme? - Verstehest du Mich wohl, Mein Freund?«
09] Roklus macht große Augen und sagt: »Herr, daß Du diesmal ganz rein griechisch gesprochen hast, das habe ich wohl verstanden; aber vom eigentlichen Sinne Deines Wortes nicht eine Silbe! Wo hast denn Du, o Herr, auf der Erde einen Acker, der nun voll reifen und schnittbaren Weizens wäre? Sage mir ihn an, und morgen sollen sich schon tausend Schnitter und Ährenleser auf demselben alleremsigst herumtummeln, und die kommenden Stürme werden dann ganz gut über die dürren Stoppeln dahinzubrausen haben!
10] Was geht uns aber der nun schon sehr zedernarme Libanon an? Die ihn besitzen, sollen sehen, wie sie ihn neu beforsten werden, und die vielen Affen haben lange gut herumspringen auf den dicken und noch sehr starken Ästen und Zweigen der alten Schutz- und Samenzedern Samuels. Davids und Salomos! Ich meine, daß es da schon besser wäre, sich viel eher der wahren Kultur der Menschen möglichst zu befleißigen und den Libanon in der Ruhe zu lassen. Deinen allenfalls irgend bei Nazareth im Besitz oder etwa bloß nur in der Pacht habenden Acker nehme ich gleich über mich, und morgen am Abende steht kein Halm mehr auf offenem Felde einem kommenden Sturme preisgegeben! Darum gebiete Du, o Herr, nur, und in etlichen Stunden setze ich gleich und leicht sechstausend Hände in Bewegung.«


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