Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 121

Ohne Täter des Wortes - keine Kenner des Wortes!

01] (Der Herr:) »Was dem äußern Menschen nötig zu wissen und zu glauben ist, das wird ohnehin - dort siehe hin! - von Meinen zwei Schreibern auf Mein Geheiß aufgezeichnet (Matthäus und Johannes. Anmerkung J. Lorbers). Wer das annehmen und danach tun wird, der wird auch zum Empfange Meines Geistes vordringen. Hat er den, so braucht er dann fürs Weitere nichts mehr.
02] Bleibet er aber bei dem, was er von Mir vernommen hat, lau und beeifert sich nicht, danach vollkommenst tätig zu werden, nun, so wird er wohl den Buchstaben haben, so wie ihn Meine beiden Schreiber aufzeichnen, und wie ihn auch für dich und für noch etliche der Raphael aufgezeichnet hat; aber zum Geiste, der tief innerhalb des Buchstabens rastet und ruht, wird er nimmer vordringen.
03] Es wird da niemand etwas nützen, nur gläubig zu rufen: »Herr, Herr!«; denn vor Mir werden solche Bekenner stets ebenalso dastehen wie Wesen, die Mich nicht kennen und auch von Mir nicht erkannt werden.
04] Ich sage es euch für alle Ewigkeiten als von Gott aus wahr: Wer nicht vollkommen ein Täter Meiner Lehre wird, sondern bloß nur ein Hörer und dann- und wanniger Bewunderer und Lobpreiser derselben verbleibt, der bekommt Meinen Geist nicht, und Meine ganze Lehre nützt ihm also im Grunde wenig oder nichts! Denn wird er nach der Ablegung des Leibes endlich ganz nackt als Seele dastehen, so wird er von Mir und von Meiner Lehre ebensoviel wissen, als hätte er auf der Erde auch nie eine Sterbenssilbe davon vernommen, was aber auch eine ganz lebensnatürliche Erscheinung ist.
05] So zum Beispiel jemand von der großen Kaiserstadt Rom auch so manches und sogar vieles hat reden hören, weiß auch den Weg dahin und hat auch die Mittel und die Gelegenheit, dahin zu reisen, um sich die große Stadt nach Muße anzusehen und alles darin kennenzulernen - ja, er wird zu solchem Unternehmen sogar zu öfteren Malen von seinen Freunden, die schon in Rom waren, aufgemuntert! Allein er hat fürs erste nie eine rechte Zeit dazu, dann ist er zu bequem und scheut die möglicherweise vorkommen könnenden Reiseungemächlichkeiten und sagt am Ende: »Ei, wozu die Reise nach Rom? Meine Freunde haben mir diese große Stadt ohnehin schon so haarklein beschrieben, daß ich sie nun in meiner Phantasie so ganz erschauen kann, als wäre ich selbst schon viele Male in Rom gewesen!«
06] Das bildet sich unser Mann wohl so recht gut ein. Lassen wir ihm aber heute nur ein möglich ganz getreues Abbild von der Stadt Rom vorlegen, aber ohne eine Unterschrift, was es sei und vorstelle, - und unser die Stadt Rom ganz zu kennen Vorgebender wird das Abbild ebenso ansehen wie ein Ochse ein ganz neues, ungewohntes Tor! Und lassen wir ihn jahrelang raten, so wird er mit voller und überzeugender Bestimmtheit dennoch nie angeben können, daß dies ein gelungenes Abbild der Stadt Rom ist!
07] Ich sage aber noch mehr: Lassen wir diesen Menschen zufällig wirklich nach Rom kommen, - aber allein, und so, daß ihm in Rom selbst auch befinde -, so wird er das am Ende glauben und somit den ganzen, großen Wald vor lauter Bäumen nicht sehen!
08] Es ist sonach durchaus nicht genug, daß der Mensch etwa vom Hörensagen oder durchs Lesen von allerlei Beschreibungen sich irgend Kenntnisse verschafft von was immer. Alle diese Kenntnisse bleiben stumm und ohne einen Lebenswert, so sie nicht durch die Tätigkeit mit dem Leben der Seele in einen Verband gebracht werden.
09] Wenn jener Mensch, so er von der Stadt Rom gar viele ihm merkwürdige Dinge vernommen hat, sich dann zur Reise dahin anschickt und dann auch wirklich dahin reist und dort alles in Augenschein nimmt, was er nur immer in Augenschein nehmen kann, so wird er darauf die volle Wahrheit tiefst eingeprägt auch in seiner Seele haben und wird sich darauf nimmer eine andere Vorstellung von Rom machen können, als wie er diese Stadt selbst geschaut hat.
10] Hätte er aber Rom nie selbst geschaut, so würde sich seine Vorstellung auch mit einer neuen und veränderten Erzählung über die Gestalt der Stadt Rom allerweidlichst verändert haben; ein phantastisches Bild würde das andere verdrängen, und das so lange fort, bis er am Ende sich von der Stadt schon gar keine nur einigermaßen haltbare Vorstellung zu machen imstande wäre.
11] Hat er aber einmal, wie gesagt, Rom selbst gesehen, so mögen nun Hunderte von Schwätzern zu ihm kommen und ihm ganz neue und seltsame Beschreibungen von der Gestalt der Stadt Rom machen, so wird er darüber nur lachen und sich zuweilen über die lügenhafte Unverschämtheit einiger nur ärgern und sie alle zur Türe allerweidlichst hinausweisen; denn in ihm lebt nun die wahre Gestalt Roms tatsächlich und kann durch gar keine andere, bloß erdichtete Vorstellung verdrängt werden.
12] Aber wie möglich nun also? Weil er durch seine Mühe und Arbeit sich die volle Wahrheit in seine lebendige Seele und nicht bloß in sein Gehirn eingeprägt hat! Er hat sonach den wahren Geist der Sache in seine Seele aufgenommen; das treuwahre Bild lebt nun in ihm und kann durch kein äußeres Irrbild mehr getötet und zerstört werden, weil es ein wahres Lebensbild geworden ist.
13] Wie aber dieses Gleichnis sehr klar den Unterschied zwischen dem trügerischen Scheine und der vollen Wahrheit in jeder Hinsicht und Beziehung zeigt, woraus ein jeder auch gar leicht und gründlich ersehen kann, daß auch eine noch so ganz richtige Beschreibung Roms dennoch die eigentätige Überzeugung weit hinter sich läßt, weil die dadurch hervorgerufene Vorstellung doch nur eine eingebildete ist und durch eine andere, anders begründete ganz gut verdrängt werden kann, weil sie zu keinem lebendigen Bilde in der Seele geworden ist, - eben- und geradealso geht es mit Meiner Lehre.«


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