Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 81

Raphaels Person und Wesen im Unterschiede zum Erdenmenschen.

01] Sagt Raphael: »Mein Freund, du mußt also reden, weil du mich nicht kennst; würdest du mich kennen, so würdest du das alles so natürlich finden, als wie natürlich du es findest, daß du nur deinem Hunger nach kaum einen achten Teil des Lammes verzehrt hast!
02] Ich bin wohl auch ein Mensch wie du, und es fehlt mir vorderhand kein Sinn und kein Glied auch dem Leibe nach; aber mein Leib ist ein ganz anderer als der deine; deiner ist noch sterblich, der meine nicht! Du kannst als Seele und Geist deinen Leib nicht ausziehen, wann du willst, ihn auflösen und im Nu verwandeln in dein geistiges Element; ich aber kann und vermag das wohl. Ich bin so ganz eigentlich pur Geist, trotz dieses meines Scheinleibes; du aber bist noch nahezu pur Fleisch und wirst noch sehr zu tun bekommen für dich selbst, bis du dich als eine reife und freie Seele in deinem Fleische zu fühlen anfangen wirst.
03] Hast du etwas gegessen, so braucht es eine Zeit, bis das Gegessene zum Blute und Fleische in deinem Leibe wird, und du weißt es nicht und nimmer, wie solche Verwandlung in dir zugeht. Du kennst deines Leibes organischen Bau nicht dem allerkleinsten Teile nach; mir aber ist jedes Atom meines und auch deines Leibes derart allerhellst bekannt, daß es in der ganzen Welt nichts Helleres geben kann! Denn ich muß mir diesen meinen nunmaligen Leib von Atom zu Atom, von Nerv zu Nerv, von Fiber zu Fiber und von Glied zu Glied selbst bilden und erhalten; du aber weißt es von Anbeginn an nicht, aus was dein Leib besteht, und wer ihn gleich fort und fort bildet und erhält.
04] Dein Leib ist ein gezeugter, geborener und wider dein Erkennen und wider deinen Willen gewachsener, - der meine ein erschaffener nach meinem Erkennen und Wollen! Dein Daseinsbewußtsein ist noch ein Schlaf, und dein Wissen, Erkennen und Wollen ist ein Träumen in deinem Daseinsschlafe; ich aber befinde mich im hellsten und allerwachesten Leben des vollkommensten ewigen Lebenstages. Ich weiß, was ich rede und tue und kenne davon den wahren und tiefsten Grund, - und du weißt nicht einmal wie, durch was und warum allerlei Gedanken in dir entstehen! Und so denn weiß ich auch, warum ich, solange ich unter den Sterblichen wandle, am ein bedeutendes mehr Speisen zu mir nehmen kann und muß als du und alle deine Gefährten zusammen. Ja, ich kann dir den Grund davon jetzt noch gar nicht klarmachen, weil du solchen mit deinen gegenwärtigen Kenntnissen gar nicht fassen würdest; aber es wird später schon eine Zeit kommen, in der du alles das gar gut fassen und begreifen wirst, was ich dir nun nur so hingeworfen habe.
05] Aber daß du mir zumutest, ich möchte wegen meiner zu großen Freßgier mich am Ende gar auch an euch gleich einer Hyäne oder gleich einem Wolfe vergreifen, das ist ein wenig läppisch von dir! Ich meine, daß meine geistige Bildung und meine für euch ersichtliche Weisheit euch doch eines Bessern belehren sollte! Ich kann nicht nur einen Stein also verzehren, wie ihr euch nun überzeugt habt; das Manöver könnte ich auch mit ganzen Bergen und Weltkörpern ausführen, wozu ich eine hinreichende Macht besäße! Allein, wäre ich unweise und würde die Macht haben, die mir eigen ist, dann würde ich handeln nach irgendeiner blinden Leidenschaft, und ihr wäret an meiner Seite dann freilich eures Daseins und Lebens nicht sicher! Aber die urewige Weisheit Gottes, aus der eigentlich mein ganzes Wesen gebildet ist, gebietet mir vor allem die Erhaltung aller durch die Kraft und Allmacht Gottes erschaffenen Dinge, von denen ewig kein Atom verlorengehen darf, auch nicht verlorengehen kann, weil Gottes Wille und Sein allsehend Lichtauge gleichfort den ganzen ewigen und unendlichen Raum vom Größten bis zum Kleinsten klein durchdringt und durchwirkt; und so ist deine Furcht vor meiner von euch vermeinten Freßgier eine völlig eitle! - Hast du, Roklus, diese Worte wohl in ein wenig nur verstanden?«
06] Sagt Roklus: »Von einem eigentlichen Verstehen kann da keine Rede sein; aber so viel entnehme ich daraus, daß wir an deiner Seite für unsere Existenz gerade nichts zu befürchten haben, und das ist schon sehr viel für uns vorderhand! Aber wohin verschlingst du denn solche Massen? Hast du denn so eine Art Straußenmagen, der meines Wissens etwa auch die härtesten Steine verdaut? Sogar die härtesten Metalle sollen für ihn eine ordentliche Lieblingskost sein! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, - du bist und bleibst einmal ein wundersames Wesen!
07] Die Juden reden von gewissen urgeschaffenen Himmelsboten (Engeln), wir Griechen und Römer haben unsere Genien und die sogenannten Halbgötter; vielleicht bist du so ein verkappter Engel oder zum mindesten so ein Genius oder Halbgott?! Es ist mir für einen Erdenmenschen auch dein ganzes Aussehen zu zart und subtil; denn es könnte keine noch so keusche Vestalin (altröm. Priesterin der Vesta) bezüglich der körperlichen Zartheit und Schönheit mit dir einen Vergleich aushalten. Du bist mir schon früher sehr aufgefallen, und ich irrte mich nicht, so ich dich geheim gleichfort für eine Art zauberisches Phantom hielt! Es kam mir immer vor, als wärest du einerseits denn doch etwas, anderseits aber doch sonst nichts als nur so ein redendes Lichtbild eines allerhöchsten Gottwesens, das dir nur für eine bestimmte Zeit Form, Bestand und die nötige Weisheit und Macht verleiht. Bist du ihm aber nicht mehr nötig, dann ist es aber auch vollkommen aus mit dir! - So wenigstens habe ich in mir gedacht, gefühlt und empfunden.«
08] Sagt Raphael: »Bis aufs vollkommene Aussein mit mir bist du der Wahrheit so ziemlich nahe gekommen! Nur mit dem völligen Aussein mit mir hat es einen unendlich starken Haken; denn siehe, dir nicht begreifbar lange früher, als je noch eine Welt im endlosesten Raume zu schweben und zu leuchten begann, war ich schon ein ganz vollendeter Diener des allerhöchsten Geistes Gottes! Das bin ich noch und werde es auch für ewig bleiben, wenn vielleicht etwas verändert nach dem Maße des Herrn, dem nach nun wohl alle noch so vollendeten Geister streben und fortan streben werden. Aber darum werde ich dennoch stets das verbleiben, was ich bin, nur in einem noch vollendeteren Maße, aus welchem Grunde ich mich denn nun auch in diese Vorschule des materiellen Lebens begeben habe durch die Gnade des Herrn. Aber für jetzt bleibe ich noch, wer, wie und was ich bin! - Hast du mich jetzt schon ein wenig besser verstanden?«
09] Sagt Roklus, ganz große Augen machend: »Ah so, nun ja, wie ich's mir gedacht habe! Du bist also - wie man sagt - nur ein ad interim (einstweilen) scheinverkörperter Geist, und zwar aus den Himmeln, hier, um dem Herrn der Herrlichkeit zeitweilig zu dienen und in Vollzug zu bringen Seinen Willen?! Ja, so, aha, aha, ja, da ist freilich wohl ein ungeheurer Unterschied zwischen uns, und es läßt sich mit dir so ganz eigentlich kein irdisch Wort mehr reden!«
10] Fragt Raphael schnell: »Und warum denn nicht?«
11] Spricht Roklus, nun ein ganz ernstes Gesicht machend: »Ich mute es deiner sicher unbegrenzten Weisheit zu, daß du den Grund auch ohne meine wenig sagende Erklärung noch besser einsehen wirst als ich; aber weil ihr geheimnisvollen Geistwesen von uns armseligen, sterblichen Menschen denn schon stets eine Entäußerung verlanget, so muß ich dir's sagen, - ob du auch ohnehin schon ein jedes Wort zum voraus weißt, das ich aussprechen werde! Und so wolle mich vernehmen:
12] Es gibt auch auf dieser Erde gewisse Verhältnisse und Stände, die nebeneinander sich nie löblich ausnehmen. So ist zum Beispiel ein Maulwurfshügel neben dem hohen Ararat sicher ein sehr lächerlich mißliches Verhältnis, ein Schweinestall neben dem Kaiserpalaste in Rom, ein Fliegenhaus neben einer ägyptischen Pyramide, eine Mücke neben einem Elefanten, ein Tropfen Wassers neben dem großen Weltmeere! Aber diese erwähnten Verhältnisse nehmen sich noch um vieles besser aus als das Verhältnis zwischen uns und dir; auch ein nächtlich schimmerndes Leuchtwürmchen neben der Sonne nähme sich noch offenbar besser und behaglicher aus! Was ist meine Rede vor dir? Ein allerdümmstes Dreschen eines vollkommen leersten Strohes; denn das, was ich dir nun sage, hast du schon vor einer ganzen Ewigkeit von Wort zu Wort gewußt! Aber ich rede hier nicht deinet-, sondern meinet- und meiner Gefährten wegen, auf daß sie es laut erfahren, wie ich in dieser unserer Stellung nun denke! Gleiches taugt zum Gleichen: der gemeine Mensch zum gemeinen Menschen und der Hohe und Mächtige zum Hohen und Mächtigen.
13] Die Waage gibt uns hier das richtigste Maß. Ein Sonnenstäubchen hat sicher auch noch irgendein Gewicht, ansonst es mit der Zeit nicht zur Erde fiele. Aber müßte da nicht sogar ein wirklicher Ochse zum Lachen kommen, so jemand vor seinen Augen ein Sonnenstäubchen gegenüber von zehntausend Pfunden auf die Waage legte, um zu sehen, um wieviel das Stäubchen leichter ist als das große Gewicht von zehntausend Pfunden?! Und also ist es, daß du zu unserer Gesellschaft ebensowenig taugst wie wir zu der deinigen.
14] Du bist nach der Juden Schrift einer der Größten im Himmel, und wir stehen auf dieser Erde noch kaum am Rande des Wiegenlebens, und es geht uns noch ganz entsetzlich viel ab, bis wir nur auf dieser Erde das geistige Mannesalter erreichen werden! Wir bitten dich darum, daß du uns verlassest, weil wir uns nun an deiner Seite zu sehr für nichts ansehen müssen! Du kannst bei uns sicher nichts gewinnen und wir bei dir im Verhältnisse, was du bist und zu leisten imstande bist, auch soviel als nichts!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 5  |   Werke Lorbers