Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 82

Das Wunderwirken Raphaels.

01] Sagt Raphael: »Daß ich in eurer Gesellschaft bin, ist nicht mein, sondern des Herrn Wille, und dem müssen wir ebensogut gehorchen wie ihr und alle erschaffenen Wesen, welcher Art und Gattung sie auch sein mögen. Ein kleiner Unterschied besteht nur darin, daß wir dem Willen des Herrn nicht als Blinde, sondern als Sehende gehorchen, während alle andere Kreatur dem Willen des Herrn ganz blindlings gehorchen muß.
02] Und zwischen mir und euch aber besteht der Unterschied, daß ich als ein ebenfalls mit freiestem Willen begabter Geist den Willen des Herrn ganz wie zu meinem höchst eigenen gemacht habe; ihr aber habt bisher noch kaum erkannt, daß es einen Herrn gibt. Von der Erkenntnis Seines Willens kann nun doch noch keine Rede sein; denn diesen werdet ihr erst aus jener Schrift näher kennenlernen, die ich selbst euch früher nach dem Willen des Herrn zusammengeschrieben und euch übergeben habe.
03] Habt ihr daraus den Willen des Herrn vollends erkannt, ihn in eure Herzen aufgenommen, und werdet ihr dann nur allein nach diesem neuen Willen in euch tätig sein, so wird zwischen euch und mir aber dann auch gar kein Unterschied sein; im Gegenteil, ihr werdet nur noch Größeres zu leisten imstande sein, weil ihr den Weg des Fleisches schon durchgemacht habt, während solcher mir noch einmal durchzumachen bevorsteht, wenn auch ich meine nunmalige pure Gottesdienerschaft mit der Gotteskindschaft umgetauscht haben will. Ich wollte nun lieber schon das sein, was ihr seid; aber es kommt da allein auf den Willen des Herrn an, wie, was und wann Er es will!
04] Ich aber verlange das nicht, obwohl ich es wünsche; denn ich bin auch also für mich im höchsten Grade glücklich und kann nichts als >Heilig, heilig, heilig!< singen Dem, der nun Mensch mit Fleisch geworden ist, um alle Menschen dieser Erde und alle Bewohner der Himmel umzugestalten zu Seinen Kindern, - das heißt, so die Bewohner der Himmel solches wollen und den Herrn darum bitten in ihrem Herzen! Denn auch in den Himmeln schlagen zahllose Herzen Gott dem Herrn voll der heißesten Liebe entgegen und finden auch stets die Gewährung ihrer Bitten.
05] Das aber merke dir vor allem ja höchst wohl: Je mehr des erkannten reingöttlichen Willens du in dein Herz als unablässige Richtschnur deines Lebens - in dein Herz, wohlverstanden - aufgenommen hast, desto wunderbar mächtiger werden die Wirkungen deines Willens aus Gott sein!
06] Das Wissen, Erkennen und das Loben des erkannten göttlichen Willens nützt dir gar nichts; denn es ist das alles ein leerer Beifall alles des großartigen und wunderbaren Geschehens vor deinen Augen. Du erkennst daran das Gute, Schöne und Erhabene und weißt es recht gut, daß es von dem Erkennen und Wollen des Künstlers ausgeht. Setzen wir aber den Fall, du hättest auch die Kenntnisse davon, aber natürlich bei weitem den Willen des Künstlers nicht dazu, - würdest du mittels des Erkennens allein wohl etwas leisten? Oder du hättest zwar wohl so ungefähr des Künstlers Willen, aber seine Einsicht und durch Mühe und Fleiß errungene Fertigkeit nicht, würdest du da auch etwas zu leisten imstande sein?
07] Ich sage dir: Da muß ein wahrstes Erkennen, ein von Gott ausgehender fester Wille und eine große Fertigkeit in der Anwendung desselben vorhanden sein! Sodann kannst du freilich zu einem oder dem andern Berge sagen: "Hebe dich und stürze dich ins Meer, da es am allertiefsten ist!", - und es wird unfehlbar geschehen, was du gewollt hast!
08] Aber mit dem Erkennen und mit dem festen Wollen allein ist nichts oder nur sehr wenig ausgerichtet! Die Fertigkeit in der Anwendung des Willens Gottes im eigenen Herzen erlangt man aber einzig durch die Macht der reinen Liebe zu Gott und dadurch zum Nächsten; denn solche allein rechte Liebe schafft in der Seele den lebendigen Glauben und ein unerschütterlich allerfestestes Vertrauen, ohne das auch der Allergeläutertste nichts oder nur wenig vermag.«


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