Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 5, Kapitel 80

Raphael als Vielesser.

01] Auf diese Anrede des Roklus begeben sich nun alle hin zum für sie bestimmten Tische, machen vor der hohen Gesellschaft eine dreimalige Verbeugung, und Raphael weist sogleich einem jeden seinen Platz an und setzt sich am Ende als vierzehnter zu ihnen an den neuen Tisch. Roklus ersieht vor sich eben jene Speise, die ihm unter allen für sein Leben die liebste war; es war ein gebratenes Lamm mit der Beispeise, bestehend in den allerbesten und vollkommen reifsten Pomeranzen. Er konnte sich da nicht genug verwundern, wie möglich man in der Küche gar so genau seinen Geschmack hatte erraten können. Aber er ermahnte sich bald und bedachte sich, in welcher Gesellschaft er sich befinde, und das erklärte ihm alles. Ebenso bekam ein jeder der dreizehn Gäste gerade das, was er seine Lieblingsspeise mit allem Fug und Recht nannte; nur Raphael hatte vor sich auf einer großen Schüssel acht große und sehr wohlzubereitete Fische, mit denen er, wie bekannt, nicht viel Säumens machte, was den dreizehn sehr auffiel.
02] Und der Roklus konnte sich nicht enthalten, den vermeinten Jüngling ganz freundlich zwar, aber dabei doch sehr verwundert zu fragen, wie es ihm denn wohl möglich wäre, acht so große Fische so hastig und so schnell zu verzehren, und ob er nun noch etwas essen könnte.
03] Und Raphael erwiderte auch ganz freundlich lächelnd: »Oh, nur her noch mit zehnmal soviel, und ich werde mit ihnen ganz leicht und ohne alle Anstrengung fertig werden; aber ich bin nun auch mit diesen ganz gut und vollkommen gesättigt!«
04] Sagt Roklus: »Dein Magen muß in deiner Kindheit überschoppt worden sein, sonst könnte ich mir das unmöglich erklären! Kannst du mir vielleicht auch mein Lamm verzehren helfen? Denn sieh, ich habe da mit einem achten Teile mehr als übergenug!«
05] Sagt Raphael: »Nur her damit, ich werde mit sieben Achteln ganz leicht fertig!«
06] Roklus, der nur einen hintern Fußkeil zum Verzehren nahm, gab alles andere dem Raphael, und dieser war mit Fleisch und Knochen in einem Augenblicke fertig.
07] Das nun war dem Roklus denn doch ein wenig zu bunt, und er sagte ganz verdutzten Angesichtes: »Nein, du mein sonst allerholdester und allerweisester Junge, das geht bei dir durchaus nicht mit natürlichen Dingen zu! Ich wollte vom Verzehren des Fleisches im Grunde gar nichts sagen; aber daß du über einen Wolf auch mit Knochen, die doch sonst kein Mensch genießt, so schnell fertig warst, - weißt du, das geht bei mir nun schon ins Dunkelblaue über, und du mußt mir jetzt diese Sache schon näher er klären!«
08] Sagt Raphael: »Nun, so gib mir einen Stein, und du sollst da auch dein Wunder sehen!«
09] Roklus hob schnell einen recht tüchtigen Stein vom Boden und gab ihn dem Raphael.
10] Dieser aber sagte: »Sieh nun her, ich werde auch diesen Stein verzehren wie ein allerbestes Stück Brot!«
11] Hierauf nahm Raphael den Stein, führte ihn zum Munde, und wie der Stein mit dem Munde Raphaels in Berührung kam, verschwand er auch aus dem irdischen Dasein!
12] Als Roklus und seine Gefährten solches sahen, entsetzten sie sich, und Roklus sagte: »Nein, junger Freund, mit dir ist nicht gut Gast sein; denn am Ende könntest du dich auch über deine Mitgäste hermachen! Erlaube du mir die ganz zarte Bemerkung, durch die ich dir nichts anderes kundtun will als das: Willst du auch uns fressen, so tue das lieber geschwinde, auf daß wir auf unsern Untergang nicht lange ängstlich zu harren haben! Nein, ich wollte von den acht Fischen größter Gattung, die Galiläas Meer in sich faßt, nichts sagen, auch von meinen sieben Achteln Lamm samt Knochen nichts, obwohl das schon - erlaube es mir - eine ganz entsetzliche Freßabnormität ist; aber das Verzehren des wenigstens bei zehn Pfund schweren Steines ist ein Etwas, das uns alle mit völlig gerechtem Entsetzen gefangennehmen muß! Wo soll diese Geschichte denn am Ende hinaus? Uns zwar geht das wenig oder gar nichts an; aber, obschon du im Namen aller Götter alle Berge der Erde verschlingen kannst, wir wollen gerade dennoch nicht Zeugen von deiner ungeheuren Gefräßigkeit sein! Verstanden, mein lieber junger Vielfraß?«


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