Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 255

Die Menschwerdung Jesu in unserer Schöpfungsperiode und auf unserer Erde. Die Allgegenwart des Geistes.

01] Sage Ich: »Nein, Mein Freund, Dummheit ist das eben keine, aber so ein für dieses Erdenleben nun etwas zu weit und tief gehender Vorwitz; denn solange die Seele nicht völlig eins mit Meinem Geiste in ihr geworden ist, kannst du derlei Dinge unmöglich in der rechten Tiefe fassen und begreifen. Wirst du jüngst auch zur geistigen Wiedergeburt gelangen und sogar drüben im Reiche Gottes dich geistig als eine vollendete Wesenheit befinden, so wirst du vieles wohl bis auf den tiefsten Grund einsehen, aber freilich nur insoweit, als es diese gegenwärtige Schöpfungsperiode betrifft, in deren Ordnung jede vorhergegangene ihren Bestand hatte und als irgend vollendet jetzt und immerfort bestehend geistig noch hat. Dennoch aber besteht zwischen dieser und all den vorangegangenen Schöpfungsperioden, gleichwie zwischen dieser Erde und all den andern zahllosen Weltkörpern des Urschöpfungsmenschen, ein allergewaltigster Unterschied.
02] Bei all den ewig zahllos vielen Vorschöpfungen, die alle einen Urgroßweltenmenschen darstellten und ausmachten, bin Ich nicht auf irgendeiner Erde derselben als ein Mensch ins Fleisch gehüllt worden durch die Kraft Meines Willens, sondern korrespondierte mit ihren Menschengeschöpfen nur durch für jene Schöpfung geschaffene reinste Engelsgeister. Nur diese Schöpfungsperiode hat die Bestimmung, auf irgendeinem kleinen Weltenerdkörper, welcher gerade diese Erde ist, Mich für alle die vorhergehenden wie für alle in der nie endenden Ewigkeit nachfolgenden Schöpfungen in Meiner ewig urgöttlichen Wesenheit im Fleische und in engster Form vor sich zu haben und von Mir Selbst belehrt zu werden.
03] Ich wollte für alle künftigen Zeiten und Ewigkeiten Mir wahre und wirkliche, Mir völlig ähnliche Kinder nicht nur wie gewöhnlich erschaffen, sondern durch Meine väterliche Liebe wahrhaft zeihen, damit sie dann mit Mir beherrscheten die ganze Unendlichkeit.
04] Um aber das zu erzielen, nahm Ich, der unendliche, ewige Gott, für das Hauptlebenszentrum Meines göttlichen Seins Fleisch an, um Mich euch, Meinen Kindern, als schau- und fühlbarer Vater zu präsentieren und euch Selbst aus Meinem höchst eigenen Munde und Herzen zu lehren die wahre, göttliche Liebe, Weisheit und Kraft, durch die ihr dann Mir gleich beherrschen sollet und werdet nicht nur alle die Wesen dieser gegenwärtigen Schöpfungsperiode, sondern auch die vorangegangenen und alle die noch künftig folgenden.
05] Und es hat demnach diese Schöpfungsperiode vor allen anderen den für euch noch lange nicht hell genug zu erkennenden Vorzug, daß sie in der ganzen Ewigkeit und Unendlichkeit die einzige ist, in der Ich Selbst die menschliche Fleischnatur vollkommen angezogen und Mir im ganzen, großen Schöpfungsmenschen diese Hülsenglobe, in dieser des Sirius Zentralsonnenallgebiet, von den zweihundert Millionen ihn umbahnenden Sonnen eben diese und von ihren sie umkreisenden vielen Erdkörpern gerade diesen, auf dem wir uns nun befinden, erwählt habe, um auf ihm Selbst Mensch zu werden und aus euch Menschen Meine wahren Kinder für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit nach vor- und rückwärts zu zeihen. Und so du, Mathael, als einer der gediegensten Rechner das so recht ins Auge fassest, so wird dich dann die Ewigkeit und des Raumes Unendlichkeit nicht mehr gar so stark drücken.
06] Für die noch so weise, endliche und begrenzte Seele sind die Unendlichkeits- und Ewigkeitsbegriffe freilich etwas sie notwendig immerwährend drückend Unbegreifliches; aber nicht mehr also für den einmal vollkommen erweckten Geist in ihr. Denn der ist frei und in allem Mir gleich, und seine Bewegung ist schon einmal von der Art, daß alle Räumlichkeitsverhältnisse für ihn eine barste Null sind, und das, Freunde, ist schon eine gar gewichtigste Eigenschaft des Geistmenschen!
07] Stellet euch alle die noch so schnellen Bewegungen der Körper vor, wie Ich sie euch schon bei einer früheren Gelegenheit hinreichend erklärt habe, und ihr werdet es bald finden, daß die allerschnellsten euch bekanntgemachten Bewegungen der Zentralsonnen, in ihrer Schnelligkeit dazu noch veräonfacht oder zur äonsten Potenz erhöht, gegen die Schnelligkeit des Geistes eine wahre Schneckenpost sind, weil sie, um eine überaus große Raumesferne zu durchwandern, dennoch gleichfort einer Zeit nach Verhältnis der Entfernung bedürfen, während dem Geiste jede noch so unermeßbare Raumferne gleich ist; denn für den Geist ist 'hier' und noch so unermeßlich ferne irgendwo 'dort' eins, während die Verschiedenheit der Raumferne für jede andere Bewegung einen gar sehr wesentlichen Unterschied macht.
08] Ferner mache Ich dich darauf aufmerksam, wie vom Geiste des Menschen, wenn solcher auch noch nicht völlig eins geworden ist mit der Seele, dennoch ein eigentümliches Gefühl in die Seele überfließt und sich dadurch als ein rein Geistiges bemerkbar macht, daß es sich alle Fakta (Ereignisse) - und mögen diese eine Ewigkeit hinter dieser Gegenwart geschehen sein! - stets also vorstellt, als geschähen sie jetzt, oder als wäre der Geist damals auch schon als ein Augen- und Ohrenzeuge dabeigestanden. Das Fernestehen solcher längst geschehenen Fakta malt sich hernach erst die beschränkte Seele selbst in ihrem Gehirne aus. In der Seele tritt die Erinnerung an die Stelle dieses geistigen Gefühls; aber diese vergegenwärtigt das Faktum nicht, sondern stellt es dem Zeitraume nach dahin, wann es begangen wurde. Der Geist aber stellt sich ganz als gegenwärtig in die Handlungsperiode zurück und vergegenwärtigt sich auch eine künftige derart, als wäre sie schon gegenwärtig vor ihm, entweder als begonnen oder auch schon als lange vollendet.
09] Die Weltweisen nennen dieses rein geistige Gefühl der Vergegenwärtigung entweder längst vergangener oder auch erst künftig zu erfolgen habender Fakta die >Phantasie< des Menschen. Allein das ist es nicht, weil man Phantasie nur das nennen kann, was die Seele selbst aus dem Vorrate ihrer Bilder als etwas Neues zusammenstellt und also eine sonst irgend in der freien Naturwelt nicht vorhandene Form oder ein Werk zustande bringt. Aus diesem pur seelischen Vermögen sind hervorgegangen alle Gerätschaften, alle Gebäude und Kleidung des Menschen und Fabeln und allerlei Dichtungen, deren Hintergrund sicher entweder sehr selten eine volle Wahrheit, zumeist aber nur eine barste Lüge und eigentlich gar nichts ist.
10] Das ist demnach das, was man Phantasie nennen kann; aber das vorerwähnte Vergegenwärtigungsgefühl entweder vergangener oder auch erst künftiger Fakta ist eine Lebenseigentümlichkeit des Geistes, und der rein denkende Mensch kann daraus entnehmen, wie der Geist im Menschen weder mit dem Raume und ebensowenig mit der Zeit etwas zu tun hat und dadurch über beiden herrschend steht.
11] Für den Geist gibt es sonach nur dann einen Raum, wenn er einen schafft und haben will, und unter ganz denselben Bedingungen auch eine Zeit. Will er keine Zeit, so tritt an ihre Stelle sogleich die ewige Gegenwart des Vergangenen, Gegenwärtigen und Zukünftigen.
12] Endlich könntet ihr noch eine dritte rein geistige Eigenschaft in euch bemerken, wenn ihr so recht aufmerksam darauf wäret! Diese Eigenschaft aber besteht darin, daß ihr euch irgendeine noch so große Sache als plötzlich in allen ihren Teilen vollendet vorstellen könnet und mit einem Blicke überschauen ein ganzes Sonnengebiet. Die Seele mit ihrem Sinnenwahrnehmungsvermögen muß eine Sache nach allen Seiten hin langsam und zeitweilig betrachten, betasten und behorchen und muß sie zergliedern, um sich von ihr erst nach und nach eine Totalvorstellung machen zu können. Der Geist aber umfliegt eine ganze Zentralsonne von aus- und inwendig in einem kaum denkbar schnellsten Augenblick und ebensoschnell auch eine Unzahl von solchen Sonnen und aller ihrer Planeten; und je mächtiger der Geist ist durch die Ordnung der Seele, desto heller und bestimmter ist eben des Geistes Über- und Durchblick der größten und noch endlos komplizierten Dinge der Schöpfung.
13] "Ja", saget ihr und mit Recht sogar, "wie ist dem Geiste denn solch ein schnellster Totalüberblick möglich?" Und Ich sage und antworte euch: In einer vollkommensten Art eben auf die Weise, wie einer vollkommenen, naturordnungsgemäß gediehenen Seele das Fern- und Durchfühlen mittels ihres Außenlebensäthers möglich ist, wie ihr solches an den Schwarzen hinreichend erprobt habt. Aber bei der nur substantiellen Seele ist solch eine Eigenschaft immerhin bei aller ihrer noch so großen Intensität gegen die ähnliche des Geistes in keinen rechten Vergleich zu stellen, weil sie notwendig noch räumlich beschränkt und da nur unter gewissen transzendent-naturmäßigen Urelementen außer ihrer Grundform zu denken und zu fühlen imstande ist, und das, je näher ihrer eigentlichen Menschenlebensform, desto fühlbarer und gediegener. Nach sehr weit weg gelingt es ihr dann selbst in ihrem vollkommensten, natürlich bloß seelischen Zustande schlecht; und mag eine Seele eine noch so kräftige Außenlebenssphäre besitzen, so wird sie, als von hier ausstrahlend, bis nach Afrika hin schon gar nichts mehr wahrzunehmen imstande sein.«


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