Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 254

Die Größe der Schöpfung.

01] Sage Ich: »Mein lieber Freund Mathael, der unübersteigbare Unterschied zwischen Gott und dem geschaffenen endlichen Menschen, selbst der allervollkommensten Art und Gattung, bestehet dennoch gleichfort, und es kann nicht aufgehoben werden in alle Ewigkeit, daß Gott in Seinem Urwesen durchgängig ewig und unendlich in allem ist und sein muß, während der Mensch wohl ewig hinfür stets vollkommener in seinem Geistwesen bestehen wird, aber dem unendlichen Urwesenmaße nach Gott doch nimmer erreichen kann und erreichen wird.
02] Der Mensch kann Gott ähnlich werden in der Form, auch in der Liebe und in ihrer Kraft, aber dennoch ewig nie völlig im wesenhaften Ausmaße der endlosesten Weisheit in und aus Gott; und so könnten die langen Ewigkeiten in ihren zahllosen Ewigkeitsperioden wohl so manches fassen, das im endlosesten Raume sicher Platz findet, wovon sogar einem Urerzengel sicher noch nie etwas geträumt hat! Denn auch ein Urerzengel hat dafür noch eine zu ungeheuer beschränkte Fassungskraft; erst wenn ein jeder Urerzengel gleich Mir den Weg des Fleisches wird durchgemacht haben, dann wird er auch mehr zu fassen imstande sein, - aber alles in der ganzen, ewig nie endenden Unendlichkeit unmöglich je wann!
03] Ja, ihr werdet ewig fort und fort für euch neue Wunder kennenlernen und euch zu finden anfangen in denselben, aber das Ende derselben dennoch ewig nie und nimmer erreichen, wofür ihr aber auch daraus euch den Grund leicht einleuchtend machen könnet, so ihr euch denket, ob es wohl möglich wäre, so lange zu zählen, bis man erreicht das Ende der Zahlen! So Ich aber dem Geiste nach von aller Ewigkeit her als immerwährend ein und derselbe Gott bestehe, denke, will, handle und wirke aus der stets gleichen Liebe und Weisheit, die in sich durch jede Schöpfungsperiode sich freilich durch das für alle künftigen Ewigkeiten vollendet gelungene Werk auch vollendeter und gediegener selig fühlen müssen, so könnet ihr Weiseren es euch wohl von selbst denken, daß Ich, wie der Vater nun in Mir und aus Mir spricht, bis zu dieser Schöpfungsperiode sicher nicht in irgendeinem Unendlichkeitspunkte im ewigen Raume eine Art Winterschlaf gehalten habe! Möge eine Schöpfungsperiode von ihrem Urbeginn an bis zur gesamten endlichen geistigen Vollendung auch tausendmal Tausende von äonenmal Äonen (gemäß ev05.112,05 ist eine Äone = dezillionmal Dezillionen von Erdjahren) von Tausenderdjahrzyklen andauern, so ist solch eine Schöpfungsperiode dennoch nichts gegen Mein ewiges Sein, und ihre für euch unmeßbarste Ausdehnungsgröße ist dem Raume nach ein Nichts im unendlichen Raume!
04] Du, Mathael, kennst die Sternbilder der alten Ägypter wohl, und der Regulus im großen Löwen ist dir wohlbekannt! Was ist er deinem Auge? Ein schimmerndes Pünktchen, und ist dort, wo er ist im Raume, dennoch ein so großer Sonnenweltkörper, daß ein Blitz, der doch in vier Augenblicken eine Strecke von 400 000 Feldwegen (1 Feldweg beiläufig 1/4 Stunde und etwas mehr. 10 Feldwege = 1 Meile. 400 000 : 10 = 40 000 Meilen = Bewegung des Lichts in der Sekunde. Anmerkung von Jokob Lorber: 1 deutsche Meile = 7,5 Kilometer, also 40 000 Meilen = 300 000 Kilometer; s. Robert Blum Bd.2, Kap.299,08) durchmacht, nach dir, Mathael, wohlbekannten altarabischen Zahleneinteilungen über eine Trillion von Erdjahren zu tun hätte, um die Strecke von seinem Nord- bis zu seinem Südpole zurückzulegen! Sein eigentlicher Name ist Urka, besser Ouriza (die erste oder der Anfang der Schöpfung von äonenmal Äonen Sonnen in einer nahe endlos weit umhülsten Schöpfungsglobe); sie ist die Seele oder der Zentralschwerpunkt einer Hülsenglobe, die aber an und für sich nur einen Nerv im großen Weltenschöpfungsmenschen ausmacht, deren der gedachte Großmensch freilich ungefähr so viele hat als die Ganzerde des Sandes und des Grases, welcher Großweltenmensch aber eigentlich nur eine Schöpfungsperiode ausmacht von seinem Anfange bis zu seiner geistigen Vollendung.
05] Eine solche Urka und noch mehr eine ganze Hülsenglobe sind sonach schon ganz respektabel große Dinge, und noch unnennbar größer ist ein solcher Weltenschöpfungs-Großmensch! Aber was ist er gegen den ewigen, unendlichen Raum? Soviel als nichts! Denn alles notwendig Begrenzte, wenn an und für sich für eure Begriffe auch noch so endlos Große, ist im Verhältnisse zum unendlichen Raume soviel als nichts, weil es mit demselben in gar kein je berechenbares Verhältnis treten kann.
06] Nun frage Ich dich, Mein lieber Mathael, ob du nun aus dem Gesagten schon so ein bißchen zu spannen angefangen hast, wo's eigentlich da hinausgehen wird!«
07] Sagt Mathael: »O Herr, ja wohl, ja wohl spanne ich; aber bei dieser Spannung fange ich an, mich so ziemlich ganz zu verlieren und mich aufzulösen ins Nichts! Denn Deine ewige Macht und Größe, der unendliche Raum und die ewige Zeitendauer verschlingen mich völlig. So dunstig wird's mir wohl und - ob ich's recht verstanden habe, was Du, o Herr, so gewisserart hingehaucht hast, weiß ich natürlich kaum oder eigentlich auch schon gar nicht so kaum aussprechlich schimmerig hell, daß Du solcher Schöpfungsperioden nicht etwa - um auch nach arabischer Art zu zählen - nur dezillionen- oder äonenweise hinter Dir hast, sondern unzählige! Denn wenn ich, nach rückwärts der Zeitendauer nach zählend, bei dieser gegenwärtigen anfange, so würde ich mit dem Zählen sicher nie fertig werden und ewig nie zu der kommen, von der man sagen könnte, sie wäre Deine erste!
08] Kurz, Dein Anfang ist keiner, und so haben auch Deine Schöpfungen unmöglich je einen Anfang gehabt, und soviele derer auch der ewige Raum fassen kann, so ist darunter doch keine, von der man sagen könnte: "Sieh, das war die erste! Vor dieser ist nichts erschaffen worden!" Denn hinter solch einer sein sollenden ersten steckt ja doch wieder eine vollkommen ganze Ewigkeit! Was hättest Du diese hindurch dann gemacht bei Deiner stets gleichen Wesenheit? Platz haben im endlosen Raume auch endlos viele Schöpfungen; wenn ihre Distanzen auch noch so endlos groß sind, so macht das nichts! Der endlose Raum hat Platz genug für alle die ewig endlos vielen und wird ewig noch Platz für äonenmal Äonen viele und so ewig fort und fort für noch zahllose neue haben, und diese künftigen werden die schon von Ewigkeit her vorhandenen auch gewisserart um nichts vermehren; denn ein end- und zahllos Vieles kann darum nie ein Mehreres werden, weil es ohnehin ein endlos Vieles ist.
09] Ja, wenn ich diese Periode mit eins zu zählen anfange, so wird sie um eine, wie in den künftigen Äonen-Zeiten oder -Ewigkeiten sicher stets um eins und eins und eins weiterhin vermehrt werden können; aber wo die Hinterzahl schon ohnehin eine endloseste ist, da ist keine Vermehrung derselben mehr denkbar! Die neuen Schöpfungen zählen wohl für sich noch etwas, aber zur Anzahl der Vorschöpfungen gar nichts!
10] So lautet meine mich nun ganz vernichten wollende Spannung. Aber hinweg mit solchen Gedanken, die wegen ihrer endlosen Größe meine dafür zu kleine Seele gänzlich erdrücken und zunichte machen! Wenn ich nur ein ewiges Leben habe, die Liebe und Gnade dazu und eine solche Gegend, wie diese da ist, so werde ich es mir fürder nimmer wünschen, auch nur den Mond oder gar unsere Sonne näher kennenzulernen! Ich sehe nun auch ein, wie dumm es von mir war, Dich um etwas zu fragen, was sich für einen beschränkten Menschen zu wissen ganz und gar nicht ziemt! Herr, vergib Du mir meine große Dummheit!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers