Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 252

Der "Vater" und der "Sohn" in Jesus.

01] Sage Ich: »Hast ganz wohl geredet! Der Vater ist in Mir in aller Fülle; aber Ich als der äußere Mensch bin dennoch nur ein Sohn von Ihm und weiß in Meiner Seele auch nur das, was Er Mir offenbart! Ich bin wohl die Flamme Seiner Liebe, und Meine Seele ist das Licht aus dem Feuer der Liebe des Vaters; ihr aber wisset ja, wie das Licht wirket allzeit und allenthalben wunderbar!
02] Die Sonne, von der das Licht ausgeht, hat eine wundersame innere und allerinnerste Einrichtung; diese aber ist nur dem Innersten der Sonne selbst bekannt. Das äußere, obgleich alles belebende Licht weiß nichts darum und zeichnet auch nirgends ein Bild hin, aus dem man der Sonne innere und innerste Einrichtung erschauen könnte.
03] Ja, der Vater ist in Mir schon von Ewigkeit; aber Sein Innerstes offenbart sich auch nur dann in Meine Seele, wenn Er es Selbst will. Ich weiß aber dennoch um alles, was von Ewigkeit her im Vater war: aber der Vater hat dennoch gar vieles in Seinem Innersten, darum der Sohn nicht weiß. Und will Er darum wissen, so muß auch Er den Vater darum bitten!
04] Aber es kommt bald die Stunde, in der der Vater in Mir auch mit Seinem Allerinnersten vollends eins wird mit Mir, dem einzigen Sohne von Ewigkeit, gleichwie auch des Vaters Geist in euren Seelen jüngst völlig eins wird mit den Seelen in euren Leibern noch; und erst dann wird euch durch des Vaters Geist in euch alles offenbar werden, was euch jetzt noch unmöglich offenbar gemacht werden könnte! Und so weiß nun der Vater in Mir noch um so manches, um daß der Sohn nicht weiß! - Verstehet ihr dieses wohl?«
05] Sagen nun mehrere Jünger: »Ei doch, ist das wieder einmal eine so recht steinharte Lehre! Da würden wir wohl wieder um eine Erklärung bitten! Denn wenn Du und der Vater eines seid, wie kann der Vater in Dir denn hernach mehr wissen denn Du? Und doch bist Du nach Deinen nachträglichen Lehren der Vater Selbst?! Ei, das begreife, wer es kann und mag, wir begreifen das nicht! Es kommt immer dicker und dicker! Es mag schon etwas dahinter sein; aber was nützt das? Wir verstehen es nicht! Herr, wir bitten Dich darum, daß Du uns dieses heller und klarer sagst; denn mit dem ist uns sonst wohl um nichts geholfen!«
06] Sage Ich: »O Kinder, o Kinder! Wie lange werde Ich euch noch zu ertragen haben, bis ihr Mich fassen werdet?! Ich rede nun als Mensch zu euch Menschen, und ihr verstehet den Menschen nicht; wie wollet ihr für späterhin ein reines Gotteswort verstehen?! Um euch aber dafür dennoch fähiger zu machen, so will Ich euch die Sache etwas näher auseinandersetzen, und so höret Mich denn gar sehr wohl an!
07] Stellet euch unter dem 'Vater' dieser unserer Sonne eigentlichen Körper vor, in welchem alle Bedingungen vorhanden sind, durch die die euch sichtbare, außerordentlich stark leuchtende Lichthülle in einem fort gleich und gleich erzeugt wird. Die Lichthülle ist um den Sonnenkörper ungefähr das, was bei dieser Erde die atmosphärische Luft ist, die auch die ganze Erde auf einige tausend Mannshöhen hoch gleichmäßig umgibt und somit mit der Erde, etwa vom Monde aus besehen, eine ziemlich stark leuchtende, große, scheinbare Scheibe bildet.
08] Wie wird aber die Luft der Erde gebildet? Aus dem innersten Lebensprozesse der Erde! Der Erde Inneres ist sonach zuerst voll Luft, und nur das sehr bedeutende Superplus sammelt sich stets im gleichen Maße um die Erde. Damit aber das Innere der Erde gleichfort die Luft erzeuge, so muß darin ein immerwährendes Feuer tätig sein, das sich aus der großen Tätigkeit der inneren Geister erzeugt.
09] Stellet euch nun also vor: Das inwendigste Feuer entspricht dem, was Ich 'Vater' nenne, und aus allen durch das innere Feuer aufgelöst werdenden Elementen wird die Luft erzeugt, welche aber dem entspricht, was wir 'Seele' nennen.
10] Das Feuer aber könnte ohne die Luft nicht bestehen, und die Luft könnte ohne das Feuer nicht erzeugt werden. Das Feuer ist demnach auch Luft, und die Luft ist auch Feuer: denn die Flamme ist wahrlich auch nur Luft, deren Geister sich in der größten Tätigkeit befinden, und die Luft in sich ist auch pur Feuer, aber im Zustande der Ruhe ihrer Geister, aus denen sie besteht. Es ist daher nun leicht einzusehen, daß im Grunde des Grundes Feuer und Luft eines sind. Aber bevor die Luftgeister nicht bis auf einen gewissen Grad erregt werden, bleibt die Luft immer nur Luft, und es ist daher zwischen der erregten Feuerluft, als schon Feuer, und zwischen der noch ruhigen eigentlichen Luft ein großer Unterschied.
11] Im Feuer selbst ist das Licht und somit, geistig genommen, das reinste und höchste Wissen und Erkennen; in der Luft, die vom Lichte des Feuers durchdrungen ist, ist dann ebenfalls ein volles Wissen und Erkennen vorhanden, jedoch offenbar in einem schon minderen Grade. Wird aber die ruhigere Luft auch also erregt, daß sie selbst Feuer und Licht wird, so ist dann auch in ihr allenthalben das höchste Wissen und Erkennen vorhanden.
12] Die Erde mit solcher ihrer Einrichtung gleicht demnach einem Menschen. Das innerste Feuer ist der Liebegeist der Seele in seiner Tätigkeit, und die Luft ist gleich der Seele, die durchaus auch ein Feuergeist sein kann, wenn sie von der Liebe des Geistes, das ist von seiner Tätigkeit, ganz durchdrungen wird, wo sie dann ganz eines ist mit dem Geiste! Und das wird die Seele durch die Wiedergeburt des Geistes.
13] Und sehet, ganz das gleiche Verhältnis findet ihr in der Sonne. In ihrem Innersten ist ein allerheftigstes Feuer, dessen Lichtkraft die Lichtstärke der äußeren Lichtatmosphäre ums unaussprechliche übertrifft. Aus diesem Lichte entfaltet sich gleichfort die reinste Sonnenluft, und diese Luft wird auf ihrer Oberfläche selbst Feuer und Licht, jedoch in einem Mindergrade, als da ist das Feuer und dessen allermächtigstes Licht im Großzentrum der Sonne. Aber die äußere Sonnenlichtatmosphäre ist darum dem Wesen nach doch ganz gleich dem Feuer im Zentrum der großen Sonne! Sie bedarf nur derselben höchsten Erregung, dann wird sie auch ganz dem innersten Feuer gleichen.
14] Nun, dieses innerste Feuer der Sonne ist also gleich dem Vater in Mir, und Ich bin das aus dem Grundzentralfeuer stets gleich hervorgehende Licht und auch Feuer, durch das alles, was da ist, erschaffen ward, lebt und besteht. Also bin Ich in Meinem gegenwärtigen Sein das Äußere und Auswirkende des innersten Vaters in Mir, und es ist sonach alles des Vaters Mein und wiederum alles Meine des Vaters, und Ich und der Vater müssen da ja notwendig vollkommen eins sein, nur mit dem Unterschiede, daß in dem innersten Feuer stets ein tieferes Wissen und Erkennen vorhanden sein muß als in dem äußeren Lichte, das von dem inneren Feuer nur stets in dem Grade erregt wird, als es notwendig ist.
15] Ich könnte Mich aber auch alsogleich miterregen; aber dann wäre es um euch geschehen, gleichwie es um alle die Weltkörper, die um diese Sonne bahnen, geschehen wäre, so einmal der Sonne Außenlichtatmosphäre sich entzünden würde in der Kraft des innersten Sonnenfeuers und Lichtes, dessen Macht alle Geister im weiten Schöpfungsraume derart erregen würde, daß er augenblicklich zu einem alle Materie urplötzlich auflösenden, unendlichen, allermächtigsten Feuermeere würde! Nun, das Innere der Sonnenmaterie ist freilich also eingerichtet, daß es dieses Feuer aushält, und die fort und fort auf dasselbe strömenden mächtigen Gewässer infolge des beständigen Kreislaufes wie beim Menschen der Kreislauf des Blutes geben dem Feuer fortwährende Beschäftigung zur Auflösung und zu neuer Bildung der Luft und daraus wieder des Wassers, und es kann darum den eigentlichen Sonnenkörper nicht zerstörend angreifen; und werden davon auch immer Teile aufgelöst, so ersetzen sie sich bald wieder durchs hinzuströmende Wasser. Und es muß also alles in der beständigen Ordnung verbleiben.
16] Wenn ihr nun dieses Bild ein wenig näher betrachten wollet, so muß es euch ja doch einigermaßen klar werden, was eigentlich der ,Vater' und was der ,Sohn' ist, und was die Seele und was der Geist in ihr! Saget Mir's nun, ob ihr denn jetzt auch noch nicht im nahe völlig klaren seid!«


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