Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 221

Vom rechten Verständnis und vom Gedankenlesen.

01] Sagt hierauf der Anführer der Mohren: »Herr, Du allmächtiger und allweisester Gott! Ich und meine Gefährten haben Dich gar wohl verstanden; aber ob Dich auch die Weißen, derentwegen Du eigentlich diese Erläuterung gegeben hast, verstanden haben im rechten Sinne und im rechten Geiste, das natürlich könnte ich durchaus nicht mit völliger Gewißheit behaupten! Wie es mir so vorkommt, dürfte manchem wohl auch noch so manches unklar geblieben sein!
02] Allein, wen irgend etwas noch drückt, der wird sich wohl melden, wenn ihm an der reinen Erkenntnis mehr liegt als an der dadurch vermeintlich verwirkt geglaubten Verstandesehre! Denn es dürfte auch unter diesen Weißen welche geben, die darum um nichts weiteres fragen, um durch die Frage selbst nicht zu verraten ihres Verstandes Schwäche! Nun, denen wohl möchte ich als ein Schwarzer den Rat erteilen, lieber die nichtige Ehre des Verstandes fahren zu lassen und sich dafür für die reine Wahrheit zu erklären, die nur aus einem reinen Verständnisse erfolgen kann, ansonst eine unverstandene Wahrheit für ihre Jünger um nicht vieles besser sein kann als eine platte Lüge; denn eine unverstandene Wahrheit kann jemandem ebensowenig nützen wie eine Lüge!
03] Eine erkannte Lüge wird wohl niemand in eine tatsächliche Anwendung bringen, daher sie ihm weder schaden und natürlich noch weniger irgend nützen kann; eine unverstandene Wahrheit aber kann auch niemandem nützen, weil sie als unverstanden entweder in gar keine oder höchstens in eine unrichtige und falsche Anwendung gebracht werden kann und in solcher Hinsicht für den Anwender um kein Haar besser sein kann als eine ganz ausgemachte, vollkommene Lüge.
04] Das wäre so meine Ansicht; vielleicht hat jemand eine bessere, und ich will mich dann gerne schweigend auf ein weiteres alleraufmerksamstes Anhören legen!«
05] Sage Ich: »Deine Bemerkung war ganz gut und sehr wahr. Ich kenne Selbst mehrere hier, die diese Meine Erklärung nicht tief genug erfaßt haben; aber sie schämen sich, die Schwäche ihres Verstandes durch eine Frage zu verraten und stellen sich darum lieber mit einem halben Verständnisse zufrieden.«
06] Als Ich diese Bemerkung gemacht hatte, fragten gleich mehrere, ob sie es wären, die diese herrliche Erklärung nicht tief genug begriffen haben. Ich aber schwieg. Es fragte Mich auch sehr ängstlich Cyrenius, ob etwa auch er diese Wahrheiten nicht tief und wahr genug begreife.
07] Da sagte Ich: »Nicht du allein, sondern die meisten von euch! Nur zwei Meiner Jünger haben diese Meine Erklärung über den vollkommenen Seelenzustand ganz begriffen, - alle andern, mit Ausnahme der Mohren, nicht! Ihr habet nun nur so einen Dunst von der Sache und lange keinen irgend vollkommenen Begriff, was mehreren von euch sogar der Anführer angesehen und wohl angemerkt hat, darum seine Bemerkung auch eine vollkommen richtige war.
08] Ja, eine urlebensvollkommene Seele hat nebst der wunderbar wirkenden Kraft als Herrin über alle Kreatur dieser Erde auch diese besondere Eigenschaft, in besonders erregten Momenten auch die Gedanken der Menschen zu erkennen und sogar zu sehen, was in jemandes Herzen vorgeht; denn die stark gesättigte Außenlebenssphäre solch eines Menschen nimmt das in der Außenlebenssphäre eines andern Menschen auf der Stelle wahr, und es sind darum solche seelenlebensvollkommene Menschen durchaus nicht zu betrügen. Sie erkennen mit ihrer höchst intensiven Außenlebenssphäre oft schon auf sehr weite Distanzen, was sich ein Mensch, der ihnen entgegenkommt, denkt, oder was er will.
09] Wenn sich ein Feind naht, so können solche seelenlebensvollkommenen Menschen durch die Vereinigung ihrer Außenlebenssphären ihn ebensogut allerweidlichst in die Flucht schlagen, als wie ihr sie durch die Vereinigung ihrer Lebenssphären habt einen mächtigen Baum aus der Erde ziehen, den gewaltigen Felsen übertragen und am Ende sogar Feuer machen sehen, das sogleich ein tüchtiges Gebüsch ergriff und zu Asche verwandelte.
10] Es ärgere darum niemanden von euch, wenn euch der Schwarzen Anführer so manches sagt und euch trifft, wie ein bestgeübter Schütze sein Ziel; denn eure Außenlebenssphären verraten ihm ja, ganz hell erleuchtet, selbst eure innersten Gedanken, wenn mit ihnen nur irgendein Wollen vereinigt ist. Die puren Gehirngedanken, die eigentlich gar keine Gedanken sind, erkennen sie wohl nicht, weil solche nur aus puren Gehirntäfelchenbildern bestehen und kein Leben haben; aber die Gedanken des Herzens erkennen sie allergenaust, besonders so sie selbst in einem etwas gemütserregteren Zustande, wie nun, sich befinden.«


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