Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 192

Vom Wesen der Isis und des Osiris.

01] Sagt der Anführer: »Wir, meine Brüder und Schwestern, glauben es, weil wir nun Augen- und Ohrenzeugen sind von dem, was hier vor uns ist, und besteht! Alle menschliche Weisheit, aller Verstand und selbst die reinste und nüchternste Vernunft kann es nicht fassen, daß das irgend möglich wäre, auch nur daran zu gedenken, was hier ist, und was hier weilet.
02] Oh, ihr ahnet es nicht und könnet euch auch keinen Begriff machen von dem, was hier ist! Ich hatte mir nach meinen gehabten Gesichten etwas annähernd unermeßlich Großes vorgestellt, das mich hier erwarten werde; aber an etwas Allerunermeßlichstes und Allerunendlichstes hat sich selbst mein größter und kühnster Gedanke nicht zu erheben getraut und zu erheben vermocht, und dennoch ist es so und ist da, unverkennbar vor unseren erstaunten Augen!
03] Ihr kennet, von was einzig und allein ich und der Oberste in Memphis ein Jahr lang vor euch ganz laut verhandelt haben, obwohl der Oberste oft meinte, daß es genüge, wenn ich allein in seine tiefe Weisheit eingeweiht würde. Ich aber sagte: "Siehe, Herr, hier meine Brüder und Schwestern! Keines ist irgend minder denn ich selbst; darum sollst du, Herr, um meinetwillen vor ihnen kein Hehl machen!" Und er tat darauf stets laut seinen Mund auf.
04] Als er uns nach etwa einem halben Jahre nach Kar nag zu Korak führte, um uns dort den altberühmten Isis- Schleier zu lüften, da waret ihr auch über die Hälfte mit und habt so wie ich alles gehört und gesehen.
05] Wir sahen dort zwei sonderbare Bilder: erstens daß der I-sis (des Urlebens Nährsein), hinter einem dichten Schleier verborgen, und daneben das Bild Osiris (Ou sir iez; des reinen, geistigen Menschen Weide).
06] Das erste Bild stellte ein kolossales Weib dar, das voll Brüste an der Brust anzusehen war; zu Zeiten soll auch eine Kuh an die Stelle des von uns gesehenen Vielbrüsteweibes gestellt gewesen sein.
07] Das zweite Bild des Ou sir iez stellte ein sonderbares Wesen vor. Es stand auf einer weiten, fetten Trift ein Mann, umgeben von vielen Herden, die emsig weideten, und der sonderbare Mann stand in der Mitte von allerlei Früchten, und seine Stellung war die eines Essenden.
08] Durch diese beiden Bilder stellten die Ägypter, wie ihr aus dem Munde des weisen Obersten es selbst vernommen habt, zuerst verhüllt das Ursein des schaffenden und all das Geschaffene ernährenden und erhaltenden Gottwesens - und durch das zweite, unverhüllte Bild alles das Erschaffene, Lebende und Zehrende der ganzen Schöpfung dar.
09] Hier fing der Oberste an, uns allen das Wesen eines einzigen, ewigen, urschaffenden Gottes mit tiefen Worten der Weisheit zu erläutern, und wir erkannten, daß es ein allmächtigstes, allerhöchstweisestes Urwesen geben müsse, aus dem alle Wesen in der ganzen, ewigsten Unendlichkeit hervorgegangen sind und nun auch gleichfort ernährt und erhalten werden.
10] Dies Urgottwesen ist für niemand irgend sichtbar oder begreiflich, da es die ganze Unendlichkeit erfüllt und allerverborgenst allenthalben zugegen und gegenwärtig ist sowohl im Raume wie auch in der Zeit, aus welchem Grunde das Bild der I-sis stets verhüllt war. Niemand konnte und durfte der I-sis gewaltigen Schleier lüften, außer nur zu gewissen, besonders heiligen Zeiten der oberste Priester, - aber selbst der nur den untersten Saum vor dem Volke.
11] Ihr habt damals den ungeheuersten Respekt vor der Urgottheit bekommen, wie nicht minder auch ich. Auf dem Wege von Kar nag (nicht nackt, also umkleidet und verhüllt) zu Ko rak (demütig wie ein Krebs) wurde von nichts als von der Urgottheit gesprochen, und der Oberste erklärte uns bei jedem Baume, des Inneres auch vor jedermanns Augen verhüllt ist, das verhüllte Bild der I-sis, und unser Staunen und unsere Ehrfurcht stieg mit jedem Schritte unserer uns tragenden Kamele.
12] In jedem Naturgegenstande fingen wir an, das rätselhafte Bild der verhüllten und verschleierten I-sis zu ersehen, und der Oberste hatte eine rechte Freude an uns, seinen schwarzen Jüngern, und wir sahen von Kar nag an die ganze Natur mit ganz anderen Augen an denn zuvor.
13] Welche herrlichen und großen Gespräche wurden hernach zwischen uns gewechselt, und von welcher Ehrfurcht ward unser ganzes Gemüt ergriffen, wenn wir in unseren arbeitsfreien Stunden unsere Gedanken und Worte zu dem einen, ewigen Urgottwesen hinlenkten! Wie oft haben wir uns so mit dem guten und weisen Obersten in Memphis darüber besprochen, welch ein namenlos beseligendes Gefühl das im Menschen hervorbringen müßte, wenn es irgend möglich wäre, nur einmal ein Wort von dem höchsten Gottwesen wenn auch nur ganz leise, aber bestimmt im Gemüte zu vernehmen!«


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