Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 163

Der vierfache Sinn der Schöpfungsgeschichte Mosis.

01] (der Herr:) »Sehet, auf diese Weise ist Moses zu lesen und dem natürlichen Verstandesteile nach auch zu verstehen! Freilich gibt es da noch ein tieferes, inneres, rein geistiges Verständnis, demzufolge unter der ganzen Schöpfungsgeschichte hauptsächlich das Menschenbildungsgeschäft Gottes, daß sie sich und Ihn als ihr Alles erkennen und lieben sollen, zu verstehen ist. In dieser Sphäre wandelt Gott mit Adam geistig und lehrt ihn, gibt ihm Gesetze, züchtigt ihn, so er fehlt, und segnet ihn abermals, so Adam oder überhaupt die erste Urmenschheit dieser Erde Gott erkennt, Ihn liebt und in Seiner Ordnung wandelt.
02] Geschah das natürlich der Materie nach auch nicht so sehr, so geschah es aber dennoch geistig, und dieses auch bei noch ganz reinen, unverdorbenen und höchst einfachen Menschen wie als Natürliches sehr ersichtlich. Man kann darum Moses sogar vierfach lesen und allzeit sehr wohl und rein verstehen.
03] Erstens: bloß rein naturmäßig, woraus man ein notwendiges Werden in gewissen Perioden nach der ewig unwandelbaren Ordnung Gottes ersieht. Daraus können alle Naturweisen ihren Verstand anfüllen und ihre unmöglich anders als nur immer höchst seichten Betrachtungen ziehen; sie können auf diesem Wege recht vieles eruieren, aber dabei doch niemals auf irgend einen festen und haltbaren Grund kommen.
04] Zweitens: naturmäßig und geistig gemengt. Diese ebenfalls höchst wahre Sphäre ist für die Menschen, die nach dem Wohlgefallen Gottes trachten, die beste, weil da beides, wie Hand in Hand gehend, klar in der Tat, und in der Erscheinlichkeit ersichtlich und begreiflich wird. (Nota bene: In dieser Weise ist auch 'Die Haushaltung Gottes' gegeben.)
05] Drittens: rein geistig, wobei auf die Naturerscheinungen und ihre zeitweiligen Bestände und Veränderungen nicht die allergeringste Rücksicht genommen wird. Da handelt es sich bloß nur um die geistige Bildung der Menschen, die Moses gar trefflich in den entsprechenden Naturbildern dargestellt hat. Dieses haben zu verstehen alle Gottesweisen, denen die innere Bildung der Menschen anvertraut ist.
06] Und endlich viertens: rein himmlisch, wo der Herr alles in allem ist und alles auf Ihn Bezug hat. Wie aber dieses zu nehmen und zu verstehen ist, könnet ihr nicht eher fassen, als bis ihr durch die volle Wiedergeburt eures Geistes mit Mir eins geworden seid, so wie Ich auch eins bin mit dem Vater im Himmel, doch mit dem Unterschiede, daß ihr alle mit Mir eins sein werdet in gesonderter Persönlichkeit, während Ich und der Vater, der Meine Liebe ist, miteinander in ewig ungesonderter Persönlichkeit vollkommen eins sind.
07] Nun aber hoffe Ich von dir, lieber Freund Cyrenius, daß du von Moses eine bessere Meinung fassen wirst; oder meinst du etwa noch, daß Moses - nach deinem Dafürhalten etwa wie ein Blinder - nicht gewußt hat, was er schrieb?!«
08] Sagt Cyrenius ganz zerknirscht: »Herr, laß mich ganz beschämt nun und ganz still und stumm sein; denn ich sehe nun schon meinen großen und groben Unsinn ein. Ich will von nun an bloß hören und selbst aber kein Wort mehr reden!«
09] Tritt hier Kornelius zu Mir und sagt: »Herr, nun, bevor die Sonne vollends aufgegangen sein wird, erlaube auch mir ein Wörtlein zu reden und eine vielleicht nicht zu unwichtige Frage zu stellen oder eigentlich eine Bemerkung zu machen!«
10] Sage Ich: »Nur zu; was dich drückt, das muß heraus!«
11] Spricht Kornelius weiter: »Mit der Schrift Mosis wird sich's schon sicher genau also verhalten, wie Du uns darüber nun die hellsten Erklärungen gegeben hast, und wir Menschen könnten da wohl den ersten, zweiten und dritten Sinn durch entsprechende Betrachtungen herausbringen; denn es muß Entsprechung zwischen allem Geistigen und Materiellen ja wohl bestehen. Aber wer außer Dir hat wohl den rechten Schlüssel dazu?
12] Das, was Du uns nun erklärt hast, das verstehen wir jetzt freilich wohl; aber es hat mir bekanntermaßen Moses fünf Bücher geschrieben. Diese haben mehr oder weniger denselben Stil und denselben Geist. Wer kann sie lesen und wer verstehen?! Nun, wäre es denn nicht möglich, uns dafür nur so eine ganz allgemeine Anleitung zu geben? Denn ich für meinen Teil werde mich von jetzt an nur zumeist mit der Heiligen Schrift der Juden abgeben, da ich sie mir in guter Abschrift aus dem Tempel zu verschaffen gewußt habe, möchte aber auch verstehen, was ich darin lese.
13] Ich bin der hebräischen Sprache auch vollkommen mächtig und verstehe dem Wortlaute nach die Schrift vollkommen; aber was nützet mir der Worte Laut und ihr materieller Sinn, wenn ich deren Geist nicht ergründen kann?! Gib, o Herr, uns darum eine Anleitung dahin, daß wir verstehen können, was wir lesen!«


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