Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 157

Die Entwicklung der Seelengestalten der zwei verstorbenen Weiber.

01] (Mathael:) »Gut eine halbe Viertelstunde blieb die Stellung eine ganz gleiche; aber nachher fing die Sache an, sich ganz bedeutend zu verändern. Die Veranlassung dazu war ein herbeigeflogener, ganz natürlich aussehender Elsternschwarm; denn es mochten deren wohl einige hundert gewesen sein. Diese fingen an, die beiden Ballons sehr zu beunruhigen. Das viele Getier in selben schob sich wie ineinander, und bald wurden in den beiden Ballons nur zwei recht riesengroße, grauweiße Adler ersichtlich, die ganz gewaltig nach den in sie stoßenden Elstern schnappten. Wehe der, die sie erwischten; die verschwand bald aus ihrem ballonneckenden Dasein! Es dauerte aber diese Geschichte gar nicht zu lange, - und alle die Elstern waren aufgezehrt!
02] Als ich solches meinem Vater alsogleich treust erzählte, sagte er: "Ja, das sieht denn doch also aus, als wären das die Seelen der beiden Verstorbenen!? Sieh doch die Sache genau an, und sage es mir, was immer dir zu Gesichte kommt; denn wahrlich, so eine seltsame Sterbegeschichte hast du mir noch nie erzählt!"
03] Sagte ich: "Vater, was ich sehe, erzähle ich dir augenblicklich! - Soeben werden die Ballons kleiner, und die Riesenadler verwandeln sich in - geradeheraus gesagt - zwei Kühe, aber ohne Hörner, und ich sehe einen vollkommenen Menschen am Gerüste des Daches auf und ab steigen und in jeder Hand ein Bündel Heues tragen; er wird doch nicht die beiden Kühe damit füttern wollen? Richtig! Die beiden langen mit den Zungen danach und haben sich ganz niedergesenkt, so daß sie die vorgehaltenen Heubündel leicht erreichen können; und nun verzehren sie das Heu auch ganz gemütlich!"
04] So erzählte ich dem Vater alsogleich, wie und was ich sah. Nach dem Verzehren des Heues verschwand der Mensch vom Giebel des Daches; aber bald kam ein anderer, der dem ersten nicht im geringsten gleichsah, mit zwei Eimern Wasser und hielt den beiden Kühen das darin enthaltene Wasser zum Trinken vor, und die Kühe tranken dasselbe sichtlich bis auf den letzten Tropfen aus.
05] Auf diese Erscheinung verschwand auch der zweite Mensch samt den Eimern; aber gleich darauf fingen die Kühe an, sich in einem Kreise schnell zu drehen. Die früheren Dunstballone wurden ganz unsichtbar, und vor lauter Schnellumdrehen konnte ich die Gestalt der beiden Wesen durchaus nicht mehr ausnehmen. Während dieses Schnelldrehens aber wurden die Wesen auch immer heller und erreichten endlich den Schein eines untergehenden Mondes.
06] Bald darauf hörte das Drehen ganz auf, und an der Stelle der früheren Kühe schwebten nun zwei etwas magere Menschengestalten, aber ganz nackt. Da sie mit dem Rücken gegen uns gekehrt waren, so konnte ich das Geschlecht nicht wohl ausnehmen; aber so der Größe nach zu urteilen, waren das doch zwei weibliche Gestalten.
07] Nach einer Weile von einer Viertelstunde sah ich abermals ein menschliches Wesen mit zwei Bündeln auf des Daches Giebel kommen und einer jeden der zwei Gestalten ein Bündel austeilen. Gleich verschwand wieder der Bündelüberbringer, und die beiden Gestalten lösten behende die Bündel auf, nahmen daraus eine jede ein lichtgraues Faltenkleid und warfen dasselbe in einem Momente über den Leib; nun erkannte ich erst mit aller Bestimmtheit, daß die beiden Gestalten die der sonderbaren Witwe und ihrer taubstummen Tochter waren. Sie kamen mir wohl magerer vor, aber dessenungeachtet waren sie es doch ungezweifelt!
08] Als sie nun so als vollkommene Weibsgestalten vollends am Dachgiebel vor meiner Sehe standen, da kamen wieder die zwei Mannsgestalten in lichtgrünen Mänteln aufs Dach zu ihnen und winkten denselben, ihnen zu folgen, was denn die beiden auch taten ohne die allergeringste Weigerung.
09] Der Zug ging gen Mittag hin. Bald entschwanden sie meiner Sehe völlig; ich aber vernahm darauf sogleich die deutlichen Worte: "Gott dem Herrn allein allen Dank und allen Preis und alle Ehre für die Rettung dieser zwei Armen!"
10] Wer etwa diese Worte ausgesprochen hatte, weiß ich nicht; aber gehört habe ich sie höchst deutlich und klar! Von den zwei Mannsgestalten konnten sie unmöglich hergekommen sein, da sie da schon lange irgendwo über Berg und Tal waren. Es muß da jemand anders irgendwo hinter mir die Worte ausgesprochen haben. Wir aber, das ist eine ganz andere Sache!
11] Wer sie aber auch immer mag gesprochen haben, so geht das die ganze Geschichte äußerst wenig an; daß aber die Worte gut waren und vieles in sich fassen mögen, das ist auch gewiß! Denn beide Wesen haben im ganzen äußerst gut und züchtig gelebt, waren sehr wohltätig gegen Arme und dazu auch äußerst gottesfürchtig, woher denn etwas schwer zu begreifen ist, warum die Stimme gerade so ganz besonders für die Rettung dieser Witwe und ihrer taubstummen Tochter Gott Dank, Preis und Ehre gegeben hat. Diese Stimme muß daher etwas mehr wissen oder gewußt haben als das, was nun mein Verstand sogar zu begreifen imstande ist.
12] Du, o Herr, aber weißt ohnehin, was alles uns in dieser Sterbegeschichte ein Rätsel verbleiben wird! Ich will daher übers Ganze durchaus keine besondere Frage mehr setzen, da ohnehin die ganze Erzählung von Alpha bis Omega (von Anfang bis Ende) eine Frage ist; daher erkläre Du, o Herr, gleich lieber alles, denn da sehe ich nirgends aus und ein! Schon die Krankheit war an und für sich höchst rätselhaft, geschweige die Erscheinungen während und nach dem Sterben! Das Steigen des offenbar seelischen Blaudampfes übers ganze Haus, die Tiere darin, endlich die Trennung des einen großen Ballons in zwei kleinere, die neckenden Elstern, die Riesenadler, die Umwandlung derselben in ungehörnte Kühe und so weiter, - kurz, da ist alles eine Fabel, die gar nicht und von niemandem zu glauben ist, so man sie so gleich hinweg erzählen würde! So Du, o Herr, es sonach allergnädigst wollen möchtest, da mache uns diese Geschichte ein wenig durchsichtig; denn bis jetzt hängt zwischen ihr und mir mehr denn die dreifache Mosisdecke!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers