Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 154

Die giftige Außenlebensphäre der Witwe.

01] Mathael verneigt sich und beginnt sogleich folgenden denkwürdigen Sterbefall zu erzählen; und die Erzählung lautete wie folgt. »In einem Flecken zwischen Bethlehem und Jerusalem lebte eine sonderbare Witwe. Sie war verehelicht gewesen an zwei Männer. Der erste Mann starb ihr schon nach einem Jahre. Sie hatte mit ihm eine Tochter, die aber von der Geburt an taub und stumm war, sonst frisch, gesund und voll Munterkeit, was bei den Taubstummen seltener der Fall ist.
02] Nach einem einjährigen Witwenstande freite ein zweiter, gar rüstiger Mann um ihre Hand und heiratete die Witwe, die damals gar sehr schön gewesen sein soll. Aber der Mann bestand mit diesem Weihe kaum etwas besser als sein Vorgänger; denn er lebte nur zwei Jahre und etwa ein paar Monde und starb gleich dem ersten an der allgemeinen Auszehrung.
03] Das schreckte nunmehr alle anderen Männer ab, so daß fürder niemand sich mehr um ihre Hand zu bewerben getraute. Mit dem zweiten, rüstigen Manne aber hatte sie gar kein Kind, während die taubstumme Tochter recht üppig emporwuchs und in ihrem fünften Jahre eine Größe und Stärke hatte wie sonst kaum ein Mädchen in seinem zwölften Jahre, war dabei von einer äußerst angenehmen Gesichtsbildung, und jeder Mann blickte diese Taubstumme mit einem großen und oft schon sehr begierlichen Vergnügen an.
04] Es lebte aber diese Witwe nachher noch zwanzig Jahre, blieb stets schön und sogar sehr reizend, und ihre Tochter bezauberte jeden Mann; denn etwas Schöneres und Reizenderes gab's damals wohl im ganzen Judenlande nicht! Dies Mädchen war zugleich sehr gescheit und recht fein gebildet und wußte sich durch die Zeichensprache recht gut jedermann verständlich zu machen, und das immer auf eine so echt künstlerisch zierliche Weise, daß ein jeder Mann ganz glücklich war, mit dieser Taubstummen konversiert zu haben. Viele machten dem Mädchen Heiratsanträge, aber da nach einer Gesetzeskunde Taubstumme von der Ehe auszuschließen sind, wovon mir irgendein vernünftiger Grund durchaus nicht klar werden will, so war auch da durchaus nichts auszurichten.
05] Die Witwe gehörte auch zu den sehr Bemittelten und hatte weitläufige Besitzungen, und somit viele Knechte und Mägde, und war gegen Arme äußerst wohltätig. Das Weib hätte gerne noch einmal geehelicht; aber da sich niemand mehr um seine Hand bewarb und das Weib auch niemand mehr zu begehren sich getraute, aus Furcht und zugleich aus dem guten Willen, um nicht auch noch eines dritten Mannes unwillkürliche Mörderin zu werden, so blieb es ledig, führte ein recht sittliches und eingezogenes Leben und war die Trösterin vieler Notleidenden.
06] Es kam einmal auch ein griechischer Arzt und wollte sie heilen von ihrer sonderbaren Eigentümlichkeit; sie aber wies ihn von sich und sagte - wie sie es später meinem Vater treu erzählte, und zwar, wenn mich mein sonst gutes Gedächtnis nicht täuscht, mit folgenden Worten -: "Meine Eltern waren gute und gottesfürchtige Leute, und ich war als Mädchen als ein Muster der Eingezogenheit bekannt. Vor meiner ersten Verehelichung habe ich nie einen Mann erkannt. Wie dann meinem sonst ganz wohlgestaltigen Leibe eine so böse Eigenschaft innewohnen konnte, ist mir ein Rätsel; ich aber bin - dem Jehova allein alles Lob! - sonst kerngesund und will darum keine Arznei. Es ist also Gottes Wille, den ich mir gerne gefallen lasse! Du, Pseudoäskulap (falscher »Äskulap« Äskulap war bei den Griechen und Römern der Gott der Heilkunst), aber magst gehen, sonst hauche ich dich an, und du bist dann etwa auch rettungslos verloren, trotzdem du ein Arzt sein willst und mir helfen möchtest, aber, wie ich sehe, nicht einmal dir deinen abscheulichen Halskropf vertreiben kannst, wie auch das Hinken deines linken Fußes! Ein Arzt muß doch zuvor selbst ein makelloser und kerngesunder Mensch sein, so er einem Kranken helfen will! Die frische und volle Gesundheit des Arztes muß ja dem Kranken ein gewisses Vertrauen einflößen, damit er glauben kann, daß der Arzt etwas verstehe; wenn aber der Arzt als ein Krüppel dasteht und will einem Gesunden helfen, da ist er ja doch hundertfältig auszulachen und aus einem Hause, in dem er zudringlich wird, auf der Stelle hinauszutreiben!"
07] Als der Arzt diese Anpreisung vernommen hatte, verließ er knurrend und murrend das Haus, kam aber nach einem Jahre wieder, erkundigte sich um das Befinden unserer schönen Witwe und fing an, sich um ihre schöne Hand zu bewerben.
08] Da ward die Witwe ungeduldig und hauchte von einer Ferne dreier Schritte gegen den Arzt und sagte: "Entferne dich und tritt mir nicht näher! Denn wie du in diesen Hauch trittst, bist du ein Kind des Todes; kein Jahr wird vergehen, und du wirst faulen unter der Erde!"
09] Da lachte der Arzt und schlürfte den ausgestoßenen Hauch voll Freude und Begierde ein, um der schönen Witwe zu zeigen, wie wenig er sich vor dem nichtigen Gifthauche scheue, indem er zu überzeugt sei, daß daran gar nichts sei. Das Beste an der Sache aber war, daß die Witwe selbst nicht im geringsten daran glaubte, sondern sich dieser Drohung nur darum bediente, dieweil die Menschen solches ruchbar machten und sich darum niemand zu sehr in ihre Nähe wagte.
10] Aber das Volk hatte dennoch nicht ganz unrecht. War diese unsere Witwe nicht durch etwas leidenschaftlich aufgeregt, so war ihr Odem ganz gut und gesund; sobald sie aber durch irgend so ein bißchen in einen Harnisch gekommen war, da war es mit ihr nimmer auszuhalten. Wer da zu sehr von ihr angehaucht ward, der machte kein Jahr mehr und war ein Kind des Todes. Er bekam eine eigene Art Auszehrung und konnte dagegen brauchen, was nur irgendein noch so bewährter und förmlicher Wunderarzt ihm bringen konnte, so half das alles nichts; mit einer eisernen Beharrlichkeit schritt das Übel vorwärts, und der Kranke unterlag ihm unfehlbar! Und also erging es im Ernste auch unserem griechischen Arzte; er fing bald darauf an zu siechen und wurde in acht Monden eine elendeste und total ausgezehrte Leiche, gegen die eine bei dreitausend Jahre alte ägyptische Mumie noch ganz wohlgenährt aussehen würde!
11] Unsere Witwe erfuhr das bald, und man raunte ihr von mehreren Seiten ins Ohr, daß sie vors Gericht gefordert werde. Das ergriff die Witwe gar sehr in ihrem Gemüte; sie fing am Ende selbst an zu kränkeln und sandte bald zu meinem Vater, der natürlich mich als seinen unentbehrlichen Seher mitnahm, um durch meine Sehergahe bei diesem sonderbaren Weibe irgend etwas zu erfahren. Wir kamen mit einiger Vorsicht in das Haus dieses sonderbaren Weibes und fanden sie im Bette ganz matt und erschöpft liegen. Ihre taubstumme, aber sonst im Ernste himmlisch schöne Tochter und ein paar andere Mägde waren bei ihr und warteten sie.
12] Es ist hier wohl zu bemerken, daß ihr sonderbarer Odem nur den Männern, nie aber den Weihern und Mägden schädlich war.
13] Mein Vater sagte, als er mit etwas verhaltenem Atem ins Zimmer trat: "Hier steht der berufene Arzt aus Jerusalem; was wünscht die holde Witwe von mir?"
14] Sagte die Witwe: "Was wünscht wohl eine Kranke von einem Arzte, als daß sie gesund würde?! Hilf mir, wenn du kannst!"
15] Sagte der Vater: "Laß zu, daß ich dich einige Zeit beobachte, dann werde ich es wohl sehen, ob dir noch zu helfen ist oder nicht!"
16] Sagte die Witwe: "Tue, was dir gut dünkt!"
17] Da sagte der Vater auf römisch zu mir: "Habe acht, ob du hier nichts zu entdecken imstande bist; denn der ihre Krankheit muß einen ganz besonderen Grund haben!"
18] Ich strengte nun gleich meine Sehe möglichst an, konnte anfangs aber nichts bemerken, das heißt nichts bemerken von irgend etwas Geistigem und Unheimlichem. Aber nach etwa einer Stunde bemerkte ich einen bläulichen Rauch über das Lager der Witwe sich verbreiten und fragte den Vater, ob er davon etwa auch etwas bemerkete. Er verneinte das und schloß daraus, daß dies schon etwas Außergewöhnliches sei. Ich setzte nun meine Beobachtung mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit fort und entdeckte in diesem Blaudunste bald eine Menge etwa fingerlanger Klapper- und Ringelschlangen, die da in dem Blaudunste wie Fische im Wasser herumschwammen, und blitzten mit ihren stählernen Zungen ganz außerordentlich; aber über den gewisserart fixierten Dunstkreis bewegte sich keine von den vielen. Diese Bestien wanden sich ganz entsetzlich und schlugen Ringe über Ringe und blitzten mit ihren stählernen Zungen ganz außerordentlich; aber über den gewisserart fixierten Dunstkreis bewegte sich keine von den vielen Bestien. Ich machte meinen Vater sogleich darauf aufmerksam und gab ihm dahin meine Meinung kund, daß es allenfalls nicht ganz geheuer sein dürfte, sich dem Bette so sehr zu nahen. Diese Meinung teilte der Vater sogleich mit mir, fragte mich aber auch zugleich, ob ich nicht irgendein Mittel eruieren (herausfinden) könnte, mit dem der Witwe zu helfen wäre.«


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