Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 146

Das wunderbare Heilpflänzchen. Das Wesen des Lichtes und der Finsternis, des Guten und des Bösen.

01] (Der Herr:) »Kehren wir aber noch einmal zu unserem Giftkessel mit den darin kochenden tausend Stück Giftpflanzen zurück! Sehet, zehn-, auch hunderttausend dieser Art Heilpflanzen werden nicht imstande sein, diesen Gifttee des vollen Kessels zu entgiften! Aber es wächst auf dieser Erde ein ganz kleines Pflänzchen auf den indischen Hochalpen - auch am Sinai kommt es vor -: nur ein kleines Stückchen, etwa so groß wie ein mittelmäßiger Grashalm, dürfen wir in den großen Giftkessel werfen, und im Augenblick ist all sein Gift in den allerheilsamsten Tee verwandelt!
02} "Wie möglich das?" fragst ganz erstaunt du, weiser Stahar, nun. Und Ich sage dir, daß auch das mit ganz natürlichen Dingen zugeht. Wie, das soll dir und auch allen anderen sogleich und ganz klar gezeigt werden.
03] Siehe, wenn es in einer mondlosen Gewitternacht so recht stock-, kohl- und rabenfinster ist, da wird es dir doch vorkommen, daß es nun schon in der ganzen Unendlichkeit gleichwegs also finster ist. Diese Finsternis, die dem Augenlichte wenigstens auf eine Zeit ein tödliches Gift ist, weil sie dasselbe alles seines Vermögens beraubt, wird ihres Giftes durch einen kleinsten Funken Lichtes aus der Sonne ledig und im Augenblick in ein helles Licht verwandelt.
04] Spannest du schon, wohinaus es gehen wird? Spannen und ahnen kannst du wohl, aber wissen noch lange nicht! Da du es aber nicht wissen kannst, so höre!
05] Wie kann denn ein Funke des Sonnenlichtes schon die ganze Finsternis verscheuchen, und warum ist es ohne denselben überhaupt finster? Die Luft besteht ja aus denselben Geistern zur allerfinstersten Nachtzeit wie am hellsten Tage!
06] Wenn die Sonne einmal vollends untergegangen ist, so begeben sich nach und nach die Naturlebensgeister zur Ruhe, jedes für sich speziell, und weil sie in sich selbst ruhen und in ihren leichten Hülschen nicht vibrieren, so merkt des Fleisches Auge ihre Gegenwart und ihr Sein nicht, und die fühlbare Folge davon für des Fleisches Auge ist die finstere, lichtlose Nacht.
07] Du meinst freilich, daß auch in der Nacht der Wind weht und die Naturlebensgeister sonach doch nicht ruheten! Oh, da irrst du dich und hast keinen Begriff von der innern speziellen Bewegung eines Naturgeistes! Der Wind zieht wohl auch in der Nacht, und somit machen auch offenbar die Naturlebensgeister eine Bewegung, - aber keine spezielle in sich, sondern eine allgemeine nach irgendeiner bestimmten Richtung, genötigt durch irgendeinen höheren Geist. Wenn aber auf irgendeinem Punkte ein Naturgeist oder eine ganze, große Gesellschaft von Naturgeistern, welche da sind jene Feuerzungen, die du gesehen hast gleich allen anderen hier Anwesenden, in eine außerordentliche innere vibrierende Bewegung gerät, so wird es auf jenem Punkte für das Auge empfindlich hell und licht und zeigt den Moment eines Sich-Ergreifens und Etwas-Werdens an.
08] In solch einem Momente aber werden eine unzählbare Menge von Naturlebensgeistern in der weitesten Umgebung mit erregt, und es wird somit licht und helle im weitesten Umkreise. Von einer je heftiger vibrativ tätigen Naturgeistersphäre aber die nachbarlichen Geister erregt werden, desto heller wird es im weitesten Umkreise, und so verkehrt sich eine sich zu irgendeinem Etwas-Werden ergriffen habende Geistermenge in ein ähnliches Streben; und das Licht der Sonne liefert durch seine produktive Kraft und Einwirkung auf den Weltkörpern, die ihr nahe genug stehen, dafür den sprechendsten Beweis.
09] Aber nicht nur auf den Planeten werden die freien Naturlebensgeister zu einem Etwas-Werden durch das Sonnenlicht erregt, sondern auch im freien Ätherraume; denn da entstehen durch ein solches Sich-Ergreifen der freien Naturlebensgeister oft Dinge, von denen sich eure Weisheit noch nie etwas hat träumen lassen.
10] Wie du aber nun gesehen hast, daß ein einziger Lichtfunke nach der Kraft des Sonnenlichtes einen ungeheuer großen finstern Raum augenblicklich in ein helles Licht umgestalten kann, so gestaltet das angeführte Heilkräutlein den ganzen großen Kessel voll Gifttees in einen heilsamsten Trank um, weil die Naturlebensgeister im kleinen Heilkräutlein zu intensiv tätig sind in der rechten guten Ordnung und darum die trägeren und widerordentlichen Geister der Giftpflanze augenblicklich in eine ordentliche Tätigkeit hinüberzwingen.
11] Also steht es auch mit der Einwirkung eines wahrhaft lebensvollendeten Menschen - einmal auf seine Nebenmenschen und dann aber auch auf die noch freien Naturlebensgeister in einem weiten Umkreise.
12] An und für sich gute und ordentliche Menschen werden unter mehr und minder Guten auch gut wirken, und die Minderguten werden an ihnen recht heilsame Kräuter haben. Wenn aber diese nur an sich recht natürlich guten Menschen unter recht grundschlechte, böse und ausgelassene Menschen geraten, die ihr böses Haar auf den Zähnen tragen, so werden sie gar bald und leicht mitverdorben, weil ihre innere Lebensordnungskraft ihnen kein Gegengewicht bieten kann; ist aber ein Mensch in sich vollendet, so gleicht er dem kleinen Heilkräutel im großen Giftteekessel und dem Sonnenlichtfünklein im weitesten Nachtraume.
13] Wenn du auch das nun ganz gehörig aufgefaßt hast, so wirst du doch endlich ganz einsehen, wie alles Übel unter den Menschen auf dieser Erde wahrlich nicht vom Zorne und von der Gottesrache, sondern allein von der Lebensordnung der Menschen herrührt, so wie auch das Gute oft von einem einzigen in sich vollendeten Menschen.
14] Und da Ich dich auf diese instruktive Weise nun zurechtgebracht habe, so steht es nun wieder bei euch allen, Mich noch um irgend etwas zu fragen, das euch aus der Sphäre der Sterbegeschichte des alten Lazarus fremd sein könnte. - Einer aus euch hat noch eine kleine Frage im Hintergrunde; er lasse sie vernehmen!«


Home  |    Inhaltsverzeichnis Band 4  |   Werke Lorbers