Jakob Lorber: 'Das große Evangelium Johannes', Band 4, Kapitel 136

Der Geist des Lazarus gibt ein Zeugnis vom Messias.

01] (Mathael:) »Unterdessen aber trat der junge Lazarus zu meinem Vater und fragte ihn, ob denn die geheimen Tropfen des Rabbi den Vater im Ernste nimmer erwecken würden.
02] Sagte mein Vater: "Tut mir sehr leid, mein bester Freund, daß ich dir die vollste Wahrheit eingestehen muß als Arzt und Mensch! Was heißt es auch, einen Menschen mit blinden Hoffnungen dahinhalten, aus denen nie und nimmer irgendeine Realität zum Vorscheine kommen wird! Ich kann dir zu deinem Troste aber etwas viel Besseres sagen, und das besteht darin, daß ich dir die lebendigste und vollwahrste Versicherung gebe und geben kann, daß dein Vater lebt und der Wahrheit nach nie gestorben ist!"
03] Sagte traurig der junge Lazarus: "Siehe hin aufs Lager! Der lebt nicht und ist über und über tot!"
04] Sagte der Vater: "Ja, der ganz sicher; aber der war nicht dein Vater, sondern nur deines Vaters Fleischrock! Mein Sohn aber, der ein vollkommenster Geisterseher ist, kann dir etwas anderes erzählen; gehe hin und frage ihn darum, und du wirst eine große Freude an dem haben, was er dir von seinem hier gehabten Gesichte kundtun wird!"
05] Des Lazarus Sohn wandte sich nun an mich, als Sohn meines Vaters, und fragte mich, was ich als des Arztes Sohn ihm wohl zu seinem Troste sagen könnte. Und ich erzählte ihm haarklein und sehr umständlich, was ich alles gesehen hatte. Lauschende Ohren gab es viele um mich, aber wenige so gläubigen Herzens, als da war unser junger Lazarus. Je länger ich ihm von meinem Gesichte vorerzählte, desto mehr heiterte sich sein Angesicht auf, was auch seine beiden Schwestern, die noch der zartesten weiblichen Jugend angehörten, bald bemerkten und ihn fragten, was es denn wäre, das ihn auf einmal gar so heiter machete. Lazarus deutete auf mich und sagte darüber nichts weiteres.
06] Da gingen die beiden Mägdlein auf mich zu und fragten mich kurz und bescheiden, was ich denn dem Bruder gesagt hätte, demzufolge er auf einmal alle die große Traurigkeit verlor und nun also heiter dastehe, als wäre da im ganzen Hause nie etwas Trauriges geschehen. Ich möchte es ihnen doch auch erzählen!
07] Ich aber ward damals etwas schlimm und sagte: "Oh, euch Mägdlein schadet es nicht im geringsten, so ihr auch ein wenig trauert! Ich sage euch nichts; zur rechten Zeit wird es euch schon euer Bruder Lazarus sagen!"
08] Die beiden Mägdlein drangen darauf zwar nicht mehr in mich, ihnen das zu sagen, was ich ihrem Bruder erzählt hatte. Sie wurden aber dennoch weniger traurig, und mein Vater wandte sich, weil gerade die Sonne schon ganz purpurrot über den Horizont zu blicken begann, an den Rabbi und sagte: "Nun Freund, wie steht es denn mit deinen persischen Farnkrautöltropfen? Der Verstorbene liegt noch immer so regungslos wie ein altes Stück Holz da! Wie ist es denn? Die Sonne ging bereits auf, und es ist alles stille und voll der totesten Ruhe! Wer gewann die Wette, ich oder du?"
09] Sagte der Rabbi: "Freund, ich gebe mich dir gefangen, und ich will nun glauben, was du glaubst! Du bist ein weiser und vielerfahrener Arzt, der ohne Grund sicher nicht leichtlich an etwas glaubt. Sehe ich auch den Grund nicht ein, so will ich dennoch glauben, weil du es glaubst, der du den Grund sicher kennst! Ich nehme hier den Ansehensglauben und bleibe bei dem, was du mir gesagt hast. Du hast die bedeutungsvolle Wette gewonnen, und ich bin dein Gefangener!
10] Sagte mein Vater: "Nicht mein Gefangener, sondern ein freiester Mensch im Namen Jehovas!"
11] Hierauf fragte der Rabbi meinen Vater: "Freund, was muß ich denn tun, um deine Freundschaft vollends zu gewinnen?"
12] Sagte mein Vater: "Du hast sie schon! Glaube fortan, und du wirst durch den Glauben in das rechte Licht kommen!"
13] Nun trat ich zum Vater hin und sagte, was ich im Augenblicke gesehen hatte: Es war nämlich ein großer Geist, der in das Zimmer trat und mir winkte und sagte, die Kinder des Lazarus sollen sich bereit halten, es werde des Vaters Geist noch einmal kommen und werde sie segnen und eine große Verheißung machen. Ich sagte auch zum Vater, daß er solches den dreien verkündigen solle; und der Vater tat das. Des Lazarus Sohn und seine beiden noch ganz jungen Schwestern, Mägdlein von vierzehn und sechzehn Jahren, hatten eine große Freude daran.
14] Es dauerte gar nicht lange, da trat des verstorbenen Lazarus Geist voll himmlischen Glanzes wieder in das Zimmer, und alle drei wurden seiner ansichtig und konnten auch vernehmen seine Stimme.
15] Der Lichtgeist aber sagte zu seinem Sohne: "Du bist volljährig; sei ein rechter Ziehvater deiner jungen Schwestern! Lasse keinen bösen Gedanken in dein Herz dringen; denn sieh, ich lebe und bin nicht gestorben! Was da geschah, das hat der Herr also gewollt. Unser Haus hat Er ausersehen, und das Wunder aller Wunder wird in diesem Hause verübt werden.
16] Schon wandelt der Herr als wie ein Sohn armer Eltern im Fleische auf dieser Erde. Er, der Ewige, der Heiligste, hat bereits das große Erlösungswerk begonnen. Er will allen Menschen dieser Erde, die eines guten Willens sind, ein Vater werden für ewig. Fürder sollen die Menschen dieser Erde keinen unsichtbaren, ewig unzugänglichen, sondern einen zugänglichen und allzeit sichtbaren Vater haben. Und dieser Gott, der alles, was da fasset die ewige Unendlichkeit, erschaffen hat, wird in diesem Hause aus und ein gehen. Bewahret darum eure Herzen vor Unlauterkeit, auf daß dieses Haus würdig werde, Den zu ertragen, den Himmel und Erde nicht einzuschließen vermögen!
17] Daß ich lebe, das sehet ihr; aber sehet auch zu, daß ihr lebet, wie ich nun lebe für ewig in Gott, meinem und eurem Vater! Mit dem aber nehmet nun auch hin meinen wahren Vatersegen, den ich euch nun erteile, nicht mehr als Fleisch, das dort im Bette als ein abgetragener alter Rock harret der Erlösung durch der Würmer Nagekiefer, sondern als ein vollkommener Geist aus dem Paradiese Gottes, im Reiche der reinen Geister! Haltet die Gebote Gottes und lobet und liebet Ihn allein über alles, und ihr werdet auf dieser Erde schon eine größere Ernte machen als die, die ich nun genieße im hellsten Paradiese Gottes! Gott der Herr wird sein mit euch, Amen!"
18] Hierauf verschwand der Geist, und die drei Kinder wurden so voll Freuden, die ich gar nicht beschreiben könnte.«


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